Wirtschaftsgespräch mit Dr. Günter von Au, Prof. Dr. Rudolf Staudigl und Prof. Dr. Wolfgang Herrmann: Am Scheideweg oder falsch abgebogen?

Energiepolitik ohne Rücksicht auf Fakten gefährdet Standorte des Bayerischen Chemiedreiecks und schadet dem Klima

Burghausen. Die Sorgen zur politisch deklamierten Energiewende sind ernst. Das haben bereits Interviews mit führenden Vertretern der Chemischen Industrie in Bayern in den vergangenen Wochen gezeigt. Das Problem: Eine befürchtete Versorgungslücke der deutschen Wirtschaft mit Energie zu weltmarktfähigen Preisen. Im Raitenhaslacher Wirtschaftsgespräch am Freitagabend standen nun konkrete Auswirkungen auf das Bayerische Chemiedreieck, aber auch kontra- produktive Folgen, substanzielle Risiken für das Weltklima, im Fokus.

Die enge Abhängigkeit von Standort- und Lebensqualität, des Wohlstands der Region und ihrer Bürger vom Exporterfolg der Industrie, namentlich der Chemischen Industrie, hatte Burghausens Bürgermeister in seinem Grußwort betont. Es herrschte kein Zweifel: Basis des Wohlstands in Deutschland und vor allem in der stark exportorientierten Wirtschaftsregion südöstliches Oberbayern ist der Verkaufserfolg auf den Weltmärkten.

Aus der Sicht von Wirtschaft und Wissenschaft bezogen Dr. Günter von Au (Vorsitzender der Bayerischen Chemieverbände), Prof. Dr. Rudolf Staudigl (Vorstandsvorsitzender der Wacker Chemie AG) und Prof. Dr. Wolfgang Herrmann (Präsident der TU München) zur Thematik und zur Frage, inwieweit die Wirtschaft an einem Scheideweg steht, Stellung.

Die Kernfrage: Gelingt es Deutschland, seinen Platz auf den Weltmärkten zu behaupten, oder wird dieser Platz aus falsch verstandener Emotionalität und kurzsichtigen, dem Populismus geschuldeten Aktionen preisgegeben?

Allen drei Statements war der Respekt vor den Protesten der Jugend, den Schulstreiks „Fridays for Future“, gemeinsam. Die Jugend habe ein Recht auf Emotion und Protest. „Auch wir haben seinerzeit demonstriert, gegen den Krieg in Vietnam“, erinnerte Dr. Staudigl. Gleichzeitig gab es jedoch den Appell, über die ganze Emotion in der Bewegung und den leidenschaftlichen Forderungen nach Klimaschutz, faktische Zusammenhänge nicht zu vergessen.

Und, betonte TUM-Präsident Prof. Herrmann, die Bereitstellung freier und hochwertiger Bildungsangebote verpflichte auch, sich in die Gesellschaft verantwortungsvoll und konstruktiv einzubringen. Er befürchtet die fatale Verkettung, dass der erreichte Wohlstand nicht nur zu Wohlbefinden, sondern auch zu Behäbigkeit geführt habe, und zu einer Absage an die Bereitschaft, nach Neuem zu streben, Neues anzugehen und zu erreichen.

Die Zusammenhänge von wirtschaftlicher Produktion und Klimaentwicklung schauen so aus, dass Güter, die in Deutschland mit Einsatz von hoher Technologie produziert werden, deutlich weniger CO² -Ausstoß verursachen, als wenn sie an anderen Standorten der Welt mit weniger entwickelter Technologie, aber mit preiswerterer Energie, zum Beispiel aus altertümlichen Kohlekraftwerken, hergestellt werden. Werden die Güter außerhalb von Deutschland hergestellt, fällt außerdem die Wertschöpfung für Deutschland und deutsche Arbeitnehmer weg.

Steigen nun in Deutschland die Preise für Energie über den für den Weltmarkt kritischen Punkt, würden hier im Land und gegebenenfalls auch in der Region wohl Produktion und Arbeitsplätze abgebaut und die Produkte auf dem Markt aus den Standorten in Übersee ersetzt.

Und das führt zur doppelten Konsequenz: Verlust von Wirtschaftskraft und Wohlstand in Deutschland auf der einen und Zunahme an CO²-Ausstoß weltweit auf der anderen Seite. Denn, so die banale Logik, das Klima macht nicht an Grenzen halt. Deshalb nutze es garnichts, in Deutschland Emissionen zu senken, wenn dadurch jenseits der Grenzen verstärkt emissionsreiche Standorte aufgebaut werden. Polen und Tschechien investieren in neue Kohlekraftwerke in Europa, Indien und China in ihren Ländern Übersee.

„Wir müssen das Streben anderer Nationen nach Wohlstand und Fortschritt akzeptieren und tun das auch“, betonte Dr. Staudigl. Aber der Klimaschutz im eigenen Land müsse so geschehen, dass es hier zu keinem Wohlstandsverlust und zu keinen sozialen Verwerfungen komme, betonte Dr. von Au. Konjunkturdaten weisen ohnehin nach unten; Strukturwandel und weltweiter Wettbewerb setzen Standorte und Branchen unter Druck. Arbeitsplätze werden abgebaut.

Und vor allem die Forderung aus Sicht der Chemischen Industrie: Die Branche sollte in Deutschland weiterhin die Chance haben, hier Produkte und Technologien für den Umweltschutz und für nachhaltige Energiegewinnung in einer Wohlstandsgesellschaft zu erzeugen, zum Beispiel Solarsilicium, Werkstoffe für Windkraftanlagen, Technologien, um Energie in Gas zu wandeln und umgekehrt, Kohlendioxid als Rohstoff zu nutzen oder die Brennstoffzellen-Technik weiter zu entwickeln.

In welch diffiziler Lage die deutsche Wirtschaft, vor allem auch die bislang exportstarke Chemische Industrie steckt, das illustrierte Dr. Staudigl mit einem Schaubild zu aktuellen Trends. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren war vor allem dem erfolgreichen Export nach China geschuldet, das deutsche End- und Zwischenprodukte verlangte.

Nun aber sei China selbst ein leistungsfähiger Wirtschaftsgigant, der zudem wirtschaftliche Unabhängigkeit und einen hohen Grad an Selbstversorgung als politische Ziele verfolge. Das Land baue im Zusammenhang mit den internationalen Handelsstreitereien nicht nur Barrieren auf, sondern dränge mit eigenen Produkten aggressiv auf die Weltmärkte, auch nach Europa.

Und am anderen Ende der Welt aus europäischer Sicht, in den USA, gelte die Devise „America first“ mit ähnlichen Handelsbarrieren. Und wenn nun noch in Deutschland die Wettbewerbssituation für die produzierende Industrie durch hohe Energiepreise nachhaltig geschwächt werde, dann stelle sich nicht mehr die Frage nach einem Scheideweg. Dann sei man wohl schon längst falsch abgebogen.

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

Originaldarstellung des Artikels