Unter Tage: In Stetten nahe Stuttgart fördert die Wacker Chemie Salz für ihren wichtigsten Standort Burghausen

Das Mineral ist in der Hightech-Industrie unverzichtbar - Ganz nebenbei sorgt Wacker damit auch für griffige Straßen in Ostbayern

Und dann wird alles dunkel. Richtig dunkel. Nicht dieses Schemenhafte, das in Zeiten der Lichtverschmutzung als Nacht bezeichnet wird. Nein. Schwärzestes Schwarz. So schwarz, dass es unendlich weit und zugleich bedrückend nah wirkt. Das Sprichwort von der eigenen Hand, die vor Augen nicht zu erkennen ist, es muss von einem Bergmann stammen. Vielleicht einem aus Stetten.

Es ist eine ganz eigene Welt hier unterhalb des 10 000-Einwohner-Städtchens Haigerloch. Und das nicht nur, wenn Ronald Eulenberger seine Grubenlampe ausschaltet um zu demonstrieren, was Dunkelheit unter Tage wirklich bedeutet. Kilometerlange Gänge ziehen sich durch den Berg, gesäumt von zahllosen Kammern, ein unterirdisches Labyrinth, das nur einem Zweck dient: dem Abbau von Salz.

Salzige Zeugnisse des Urmeeres
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts stöbern sie im beschaulichen Stetten dem Mineral Halit nach, besser bekannt als Natriumchlorid. Als Steinsalz gebunden, zeugt es hier, gut eine Autostunde südlich von Stuttgart gelegen, vom einstigen Urmeer, dessen Reste vor 230 Millionen Jahren im damals wüstenheißen Klima verdunsteten. Übrig blieb das Salz, das nach und nach von Sedimenten bedeckt und verdichtet wurde. Rund ein Dutzend Meter dicke Steinsalzschichten bauten sich auf, darüber der Kalkstein.

1924 pachtete die Münchner Wacker Chemie das Bergwerk, um daraus den in Burghausen gelegenen Hauptstandort mit Industriesalz versorgen zu können. 1960 wurde es komplett übernommen. „Bis heute ist Wacker das einzige Chemieunternehmen in Deutschland mit einem eigenen Salzbergwerk“, sagt Standortleiter Ronald Eulenberger.

Rund 100 000 Tonnen werden jedes Jahr per Zug ins knapp 400 Kilometer entfernte Burghausen gebracht. Dort wird es für die Herstellung von Natronlauge, Chlor und – in Verbindung mit Wasser − von Wasserstoff verwendet (siehe Kasten). Chlor und Wasserstoff sind unabdingbar bei der Produktion von Polysilizium und Silikonen, jenen Stoffen, denen Wacker 80 Prozent seines Fünf-Milliarden-Umsatzes verdankt.

So hightech-basiert die Endprodukte sind, am Ursprungsort in Stetten geht es beinahe archaisch zu. In 150 bis 200 Metern Tiefe schneiden und sprengen sich die Bergmänner durchs Gestein. Freilich in ganz anderem Rahmen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Themen wie Dieselabgase, Energieeinsparung und ergonomisch angepasste Arbeitsplätze spielen längst auch unter Tage eine zentrale Rolle.

Mit – unterirdisch – zwölf Quadratkilometern ist Stetten der flächenmäßig größte Wacker-Standort, mit 70 Mitarbeitern zugleich einer der kleinsten. Zum Vergleich: Am Hauptstandort Burghausen zählt Wacker mehr als 8000 Mitarbeiter, weltweit sind es über 14 500.

Und doch sticht Stetten hervor. Gegrüßt wird noch mit „Glückauf“, brachiale Maschinen dominieren das Bild. Über 100 Fahrzeuge und Arbeitsmaschinen sind im Einsatz, ein Gutteil davon verbringt seine gesamte Lebensdauer unterirdisch – nicht zuletzt der Haltbarkeit wegen, schließlich würde der Salzstaub in Verbindung mit der oberirdischen Luftfeuchtigkeit Karosserien binnen weniger Jahre in Rost verwandeln.

Und Salzstaub ist in Stetten überall. An den Fahrzeugen und Maschinen, auf den Computern und Telefonen in den Bürocontainern. Auch in Haaren, Ohren- und Nasenlöchern setzt sich der keineswegs weiße, sondern vielmehr zementgraue Belag fest. Was altgedienten Bergmännern nicht einmal mehr auffällt, merken Neulinge sofort: Die trockene, salzhaltige Luft öffnet die Atemwege. „Gut bei Erkältung“, sagen die Wackerianer hier.

Gewonnen wird das Salz per Spreng- oder Schneideverfahren. Zwar sind die Sprengungen nach Aussage des Werkleiters an der Oberfläche nicht zu spüren, dennoch greift Wacker seit dem vergangenen Jahr in sensiblen Bereichen auf eine zweite Methode zurück – ein mit Kettenantrieb und gewaltigem Fräskopf versehenes Ungetüm des Herstellers Sandvik. Die 120-Tonnen-Teilschnittmaschine frisst sich vollelektrisch durch den Berg und kommt dort zum Einsatz, wo die unterirdischen Salzkammern an Wohngebiete grenzen.

Ist das nicht der Fall, wird wie gewohnt auf Sprengstoff zurückgegriffen. Dutzende Löcher werden sieben Meter tief in die Salzwände gebohrt und mit rund 250 Kilogramm des auf Kunstdünger basierenden Explosivmaterials gefüllt. Gezündet wird am Ende des Arbeitstages, nach Ablauf der zweiten Schicht. „So können die Sprenggase bis zum nächsten Tag abziehen“, erklärt Ronald Eulenberger.

Pro Sprengung fallen gut eintausend Tonnen Salz an. Große Brocken, die per Schubfahrzeug zum nächsten Zerkleinerer gebracht werden. Auf insgesamt 18 Kilometern Förderband führt der weitere Weg zu den nächsten Bearbeitungsschritten, resultierend in der magnetischen Sortierung, bei der Fremdstoffe so gut es geht ausgesondert werden. Ins Freie geht es ebenfalls via Förderband. In einem der größten Holzsilos Europas wird das Salz zwischengelagert und schließlich in Waggons und Lkw gefüllt.

Letztere sind in Stetten deutlich in der Überzahl. Zwar transportiert Wacker sein selbstgenutztes Salz per Zug, doch die für Burghausen gedachten Mengen machen nur einen kleinen Teil der jährlich rund 500 000 geförderten Tonnen Steinsalz aus. Die Masse ist für die Straße bestimmt – als Streusalz. Deutschlandweit beliefert Wacker Händler und Kommunen damit, sei es als Rieselsalz oder auch als Sole.

Der Unterschied zwischen Chemie- und Streusalz liegt in der Qualität. Mindestens 99 Prozent Natriumchlorid-Gehalt sind für den Einsatz in der Burghauser Produktion notwendig, beim Streusalz reichen 97 Prozent. Den Rest bilden dunkle Gesteinseinschlüsse.

Was dem Berg an Salz entnommen wird, wird ihm an Verfüllmaterial wieder zugeführt – bestehend aus den Gesteinsüberbleibseln und externen Versatzstoffen. Keine Gefahrstoffe, betont man bei Wacker, Stetten sei keine Giftmülldeponie, vielmehr gehe es beispielsweise um aufbereitete und konditionierte Rauchgasrückstände aus Verbrennungsanlagen. Im Salzstock unterhalb des Grundwasserspiegels seien diese besser aufgehoben als etwa im Straßenbau, argumentieren die Verantwortlichen und betonen, dass man bei den Einlagerungskriterien deutlich strengere Maßstäbe ansetze, als es der Gesetzgeber verlange.

Die Sache mit der Maultasche
Dass überhaupt verfüllt wird, hängt mit der Standsicherheit des Bergwerks zusammen. Schließlich soll Stetten noch in Jahrzehnten Salz liefern. „Maultaschen“ nennt der eigentlich aus dem Erzgebirge stammende und mittlerweile in Kastl bei Altötting lebende Standortleiter Ronald Eulenberger die Salzvorkommen in Stetten – weil es sich nicht um konstante Schichten handelt, sondern eben um riesige Taschen mit zehn bis zwölf Metern Höhe.

Millionen von Tonnen Steinsalz warten darin noch darauf, abgebaut zu werden. Eine weitere „Maultasche“ ist bereits in Sicht. Wohl nicht die letzte, schließlich kommen zum Zwölf-Quadratkilometer-Bestand Förderrechte auf weiteren 28 Quadratkilometern Fläche. So dürfte es noch ein Weilchen dauern, bis in Stetten die letzte Grubenlampe gelöscht und es wirklich zappenduster wird.

So nutzt Wacker das Steinsalz:
Das Salz aus Stetten, chemisch Natriumchlorid, besteht aus den beiden natürlichen Elementen Natrium und Chlor. Zunächst wird Natriumchlorid mit Wasser zu einer Sole aufgelöst. Mithilfe der sogenannten Chlorelektrolyse erhält man unter Einsatz elektrischer Energie und einer Membran Chlor (CI2), Wasserstoff (H2) und Natronlauge (NaOH). Chlor wird zu Chlorwasserstoff weiterverarbeitet, das für die Herstellung unterschiedlicher chemischer Produkte notwendig ist. Wacker setzt dabei in der Chlorelektrolyse auf energiesparende Membrantechnologie. Chlor selbst ist nach Unternehmensangaben in den meisten Endprodukten zwar nicht mehr zu finden, als Hilfsstoff sei es jedoch unverzichtbar.

So ist Wacker zufolge Salz mittelbar ganz wesentlich an der Herstellung von Reinstsilizium und Silikonen beziehungsweise sogenannter hochdisperser Kieselsäure beteiligt. Die Produktion von mono- und polykristallinem Silizium für Photovoltaikmodule und Wafer für die Mikroelektronik mit Hilfe von Trichlorsilan basiert letztlich auf Steinsalz und dem daraus gewonnenen Chlorwasserstoff. Das geschieht in Burghausen weitgehend im geschlossenen Verbund und in hoch integrierten Produktionskreisläufen, in denen beispielsweise ein Großteil des verwendeten Chlorwasserstoffs zurückgewonnen wird. Damit wiederum lässt sich metallisches Silizium so modifizieren, dass daraus Silikonöle, Harze und Kautschuke werden. Silikone kommen wiederum als Wärmeableiter in Brennstoffzellen und Lithium-Ionen-Batteriestacks zum Einsatz und unterstützen bei der Umsetzung der E-Mobilität.

Übrigens werden nur etwas mehr als drei Prozent der weltweiten Salzproduktion im Lebensmittelsektor eingesetzt. Neben Streusalz kommt der größte Teil des abgebauten Salzes in industriellen Anwendungen zum Einsatz, in der chemischen Industrie zumeist als Hilfsstoff für die Herstellung chemischer Produkte.


Über das Stettener Salz und seine Bedeutung informiert Wacker am 19. November beim „Wacker Wissensforum“. Beginn ist um 18 Uhr im Wacker-Belegschaftshaus (Johannes-Hess-Straße 24 in Burghausen).

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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