Stromversorgung: ChemDelta Bavaria sieht Wohlstand der Region gefährdet

Sommerempfang der Chemiedreiecks-Initiative mit aktueller Thematik – Staatssekretär Mayer sieht "Gefahr der sukzessiven De-Industriealisierung"

Beim Summer Lounge der Initiative ChemDelta Bavaria: (von rechts) ChemDelta-Sprecher Georg Häckl, Dr. Dieter Gilles (Wacker Chemie AG) als Vorsitzender des ChemDelta-Lenkungskreises, Staatssekretär Stephan Mayer,  Dr. Gerhard Wagner (OMV Deutschland GmbH), Mühldorfs Landrat Georg Huber, Dr. Bernhard Langhammer (Chemiepark Gendorf) und Altöttings Landrat Erwin Schneider.

Beim Summer Lounge der Initiative ChemDelta Bavaria: (von rechts) ChemDelta-Sprecher Georg Häckl, Dr. Dieter Gilles (Wacker Chemie AG) als Vorsitzender des ChemDelta-Lenkungskreises, Staatssekretär Stephan Mayer, Dr. Gerhard Wagner (OMV Deutschland GmbH), Mühldorfs Landrat Georg Huber, Dr. Bernhard Langhammer (Chemiepark Gendorf) und Altöttings Landrat Erwin Schneider.

ChemDelta-Lenkungskreis-Vorsitzender Dr. Dieter Gilles lenkte in seiner Begrüßung auf die Thematik des Abends: Die Auswirkungen der Energiewende auf die Wirtschaftsregion im Südosten Bayerns und auf die Bevölkerung im ChemDelta Bavaria. (Fotos: WACKER)

ChemDelta-Lenkungskreis-Vorsitzender Dr. Dieter Gilles lenkte in seiner Begrüßung auf die Thematik des Abends: Die Auswirkungen der Energiewende auf die Wirtschaftsregion im Südosten Bayerns und auf die Bevölkerung im ChemDelta Bavaria. (Fotos: WACKER)

Burghausen, 31.07.2019. Die Bedeutung der Energiewende für die Zukunft der energieintensiven Industrie in Deutschland stand im Mittelpunkt der diesjährigen „Summer Lounge“ der Initiative ChemDelta Bavaria. In einem Impulsreferat verwies Staatssekretär MdB Stephan Mayer auf die Herausforderungen, denen sich das Bayerische Chemiedreieck in seiner Rolle als wirtschaftliche Schlüsselregion im Süden Deutschlands stellen muss.

Der ChemDelta-Summer Lounge in der Villa Sell in Burghausen dient traditionell dem Informationsaustausch von Verantwortlichen der Chemiestandorte mit Mandatsträgern und Stakeholdern von Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Behörden aus den Landkreisen Altötting, Mühldorf und Traunstein sowie weiteren bayerischen Regionen. ChemDelta Bavaria steht in enger Zusammenarbeit mit den bayerischen Chemieverbänden (VBCI) für 20 Unternehmen der chemischen Industrie im Südosten Bayerns – mit unmittelbar 20.000 und weiteren rund 50.000 davon abhängigen Arbeitsplätzen sowie über zehn Milliarden Euro jährlichem Umsatz.  

Der Werkleiter der Wacker Chemie AG in Burghausen und Vorsitzende des ChemDelta-Lenkungskreises, Dr. Dieter Gilles, erläuterte zu Beginn die Auswirkungen der Energiewende auf die Wirtschaftsregion im Südosten Bayerns und auf die Bevölkerung im ChemDelta Bavaria: Das wirtschaftliche Wohlergehen der Standorte habe jahrzehntelang für eine positive Beschäftigungslage und Wohlstand gesorgt, und damit „auch für ein blühendes gesellschaftliches und kulturelles Leben“.

Dr. Gilles betonte, dass die im Rahmen der Energiewende vorhandenen unklaren Aussichten bei der Stromversorgungssicherheit und weiter steigende Strompreise das weitere Wachstum im ganzen Chemiedreieck gefährden könnten. „Die Versorgungssicherheit über leistungsfähige Netze und die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Strompreise wird sich auch auf den Wohlstand der gesamten Region massiv auswirken", so Gilles. 

Mit Blick auf die aktuelle „Klimapolitik“ befürchtet Dr. Gilles ein Abdriften in Klima-Populismus, anstelle von realistischer Klimapolitik. So würde in der öffentlichen Debatte oft völlig verkannt, dass die CO²-Emissionen in den vergangenen Jahren deutlich reduziert wurden und die Industrie noch nie so umweltfreundlich produziert habe wie aktuell.

Befürchtet werden vor allem Unsicherheiten in der Stromversorgung mit Blick auf Qualität und Quantität nach dem Abschalten des letzten Kernkraftwerks in Bayern, aber auch nach dem Ausstieg aus der Kohleverstromung und vor der Fertigstellung der Überland-Übertragungsleitungen aus den Wind-Parks in Norddeutschland.

Zu diesen substanziellen Sorgen gesellt sich die Angst vor einer vor allem politisch motivierten Verteuerung der Strompreise. Denn diese würde der Wettbewerbsfähigkeit der Chemiestandorte im Bayerischen Chemiedreieck den Boden entziehen und einen Abwärtstaumel in Gang setzten.

Chemieindustrie bietet Lösungen für Klima-Dilemma
Dabei sei es gerade die Chemische Industrie, die Lösungen aus dem Klima-Dilemma anbiete, illustrierte Dr. Gilles: Zum Beispiel durch neue und Gewicht sparende Werkstoffe; durch Verbundwerkstoffe für Windrotoren, durch neue Isolier-Technologie, Batterie- und Speicher-Technologien, aber auch durch Technologien, um Energie in Gas zu verwandeln und umgekehrt, oder durch die Stromerzeugung mittels Solarzellen aus Silicium.

„Chemie ist die Zukunftsindustrie“, brachte Dr. Gilles den Standpunkt der Branche auf den Punkt. Man müsse ihr nur die Chance zur wettbewerbsfähigen Entwicklung und Produktion in Deutschland geben, um die Wertschöpfung hier zu halten. Sonst wandere die Wertschöpfung ab, in Länder, mit geringer Empfindsamkeit gegen CO²-Emissionen.

Welche Dimensionen und Auswirkungen der Strompreisgestaltung für die Unternehmen Wacker und Siltronic mit unmittelbar rund 10 000 Mitarbeitern im Landkreis Altötting hat, das zeigte Dr. Gilles mit einer nüchternen Rechnung: Jeder Cent pro Kilowattstunde habe für Wacker den Gegenwert von rund 40 Millionen Euro.

„Hausaufgaben“ für die Politik
Dr. Gilles stellte als Sprecher des Lenkungskreises von ChemDelta Bavaria der Politik vier "Hausaufgaben"-Punkte vor, um mit Energie die Zukunft zu sichern:

  • Energiepolitik muss eine verlässliche Basis für Bürger und Industrie sein
  • Grüner Strom muss industriefähig sein und benötigt Trassen
  • Versorgungssicherheit und Netzstabilität müssen selbstverständlich bleiben
  • Wettbewerbsfähige Energiepreise sind entscheidend für die Beschäftigung und den Erfolg der Energiewende

Mayer: Strom- und Preispolitik „Achillesferse“ der Chemischen Industrie

In eine ähnliche Kerbe schlug Stephan Mayer, Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär im Bundesinnenministerium in Berlin, mit „einigen persönlichen Gedanken zu dieser Thematik“. Der Chemie-Cluster ChemDelta Bavaria habe jetzt zehn sehr gute Jahre hinter sich. In Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Chemiestandorte habe die Politik in dieser Zeit vieles positiv zur Entwicklung beitragen können, wie beispielsweise die baldige Fertigstellung der A94 in Richtung München, das Kombi-Terminal Burghausen oder die Ethylenpipeline Süd (EPS).

Stephan Mayer räumte ein, dass die proklamierte Energiewende, vor allem mit dem zeitlich straff forcierten Ausstieg aus der Kernkraft und Kohleverstromung in ihren Folgen noch nicht in Gänze abschätzbar sei. Allerdings sei man im Einsatz Erneuerbarer Energien bereits weit fortgeschritten. Stammten im Jahr 2000 noch rund sechs Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbarer Quelle, so waren es im vergangenen Jahr bereits 38 Prozent. Und im Jahr 2030 sollen es 65 Prozent sein. Die weitere Umsetzung der Energiewende nannte er eine Herausforderung, die ihresgleichen sucht.

Ein Krisenindiz sei für ihn, dass nur rund 85 Prozent der getätigten Abschreibungen in der energieintensiven Industrie im Land in den vergangenen Jahren reinvestiert wurden. Das nannte Mayer ein deutliches Anzeichen für eine De-Industrialisierung. „Und die Chemie ist eine Schlüsselindustrie im deutschen Branchenmix.“ Die Strom- und Preispolitik nannte Mayer in diesem Kontext die „Achillesferse“ der Chemischen Industrie.

„Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht Entscheidungen treffen, deren Folgen nicht absehbar sind“, gestand er mit Blick auf Berlin und die regierende Koalition. Hier sollen Mitte August die nächsten Besprechungen über Maßnahmen zum Klimaschutz stattfinden und dann am 20. September die Entscheidungen im „Klimakabinett“ fallen.

Ohne konkrete Vorgaben oder offizielle Trends aus Berlin zu nennen, betonte Mayer, dass er persönlich nichts von einer CO²-Steuer halte. Sie würde wohl, umgelegt auf alle Bürger im Verkehr, vor allem die Menschen im ländlichen Raum finanziell belasten, zumal man hier nur bedingt auf öffentliche Verkehrsangebote zurückgreifen könne.

Mayer nannte Anreize zu umweltfreundlichem Verhalten als den aus seiner Sicht besseren Weg. Auch ein Zertifikatehandel auf europäischer Ebene sei eine Möglichkeit. Oder Anreize für Industrien, die umweltverträglich und ressourcenschonend produzieren.

Auch Fristen für Ölheizungen seien denkbar, um CO²-Emissionen zu reduzieren. Hier müssten Anreize durch das Steuerrecht für energieschonende Umbauten geschaffen werden. Auch eine Öko-Maut in Deutschland, die von allen zu zahlen sei, nannte er als mögliches Mittel. Andererseits sollten die Einnahmen hieraus der Eisenbahn zugutekommen, um Ticketpreise zu senken und zum Verzicht auf private Pkw-Fahrten zu motivieren.