So macht Wissenschaft noch mehr Spaß

5. Gendorfer Science Slam bietet wieder beste Unterhaltung und so manchen Erkenntnisgewinn

Burgkirchen. Szenenapplaus, Lachsalven, La-Ola-Welle – derartige Gefühlsausbrüche zählen gemeinhin nicht zu Begleiterscheinung naturwissenschaftlicher Vorträge. Dass aber Spaß und Unterhaltung durchaus mit Mathe, Chemie oder Biologie in positiver Korrelation stehen können, ist am Freitagabend beim Gendorfer Science Slam nun schon zum fünften Mal eindrucksvoll unter Beweis gestellt worden. Als Sieger durfte der Informatiker Johannes Schildgen den Goldenen Erlenmeyerkolben mit nach Hause nehmen. Er hatte wortreich und zur Ukulele singend erklärt, was Musik-Streamingdienste, Online-Versandhändler und Imbissbuden-Betreiber gemein haben sollten, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Das Format des Gendorfer Science-Slam wurde 2016 geboren. Die Verantwortlichen im Chemiepark wollten junges Publikum für Naturwissenschaft begeistern. Nachwuchsforscher – wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäts-Instituten, Doktoranden etc. – sollten „komplexe Materie so darstellen, dass es unterhaltsam ist“, wie der Gendorfer Geschäftsleiter Dr. Bernhard Langhammer am Freitag eingangs im Interview mit dem Diplom-Physiker Philipp Schrögel erklärte. Dieser moderiert den Science Slam in Gendorf seit der ersten Auflage 2016 mit Esprit, Charme und einer bühnenfüllenden Erscheinung.

Mit einer Vorlesung oder einem klassischen Vortrag hat der Science Slam nichts zu tun, wenngleich die Inhalte tiefgründig und wissenschaftlich fundiert sind. Die Präsentation dagegen ist witzig und skurril, spannend, schlagfertig und spontan – wie bei der literarischen Ausprägung, dem Poetry Slam. Die 800 Zuhörer in der Kantine des Chemieparks jedenfalls hatten deutlich erkennbar ihren Spaß – und wohl auch den einen oder anderen Erkenntnisgewinn.

Denn die Themen waren durchaus nah am Leben. Beispielsweise die Frage, ob wirklich Liebe in der Luft liegt – wissenschaftlich formuliert in Bezug auf Pheromone von der Humanbiologin Janina Otto von der Uni Marburg. Diese Duftstoffe hätten pharmakologisches Potenzial und wirkten vielfältig – in Tränen etwa machten sie mitfühlend und „geiler Schweiß macht Lust auf mehr“. Der Umweltphysiker Jan-Marcus Nasse von der Uni Heidelberg forscht in der Antarktis, bezauberte die Zuschauer mit Pinguin-Anekdoten, ehe er den Bogen schlug zu Verunreinigungen der Umwelt mit Quecksilber und der Möglichkeit der Rauchgasreinigung mittels Brom – eine Folge dessen, „wenn Halogene radikal werden“.

Barbie und Ken aus Bioplastik – diese Vision stellte die Chemikerin Marlene Böldl von der Uni Tübingen vor. Machte aber allzu kühne Naturschutzträume zunichte: Auch wenn der Kunststoff pflanzen- statt erdölbasiert hergestellt wird, birgt er Umweltprobleme, insbesondere in der Entsorgung. „Irgendwas mit Gruppen“ erzählte die Mathematikerin Judith Alcock-Zeilinger von der Uni Tübingen. Die abstrakten Thesen verpackte die gebürtige Österreicherin in eine dermaßen wortwitzige Performance, dass man ihrem Fazit nur zustimmen konnte: „Endergebnis: Freude“.

Der Gewinner Johannes Schildgen von der TU Kaiserslautern schließlich erläuterte, mit welchen Mitteln Geschäftstreibende am erfolgreichsten ihre Kunden in ihrem Kaufverhalten beeinflussen können – indem sie nämlich auf Matrizen zurückgreifen. Im Grundzug sei die Erfahrung des Pommes-Verkäufers also deckungsgleich mit jener eines Online-Handels – nur dass eben die Datenmenge verschieden ist. Oder wissenschaftlich: „Man muss die Matrix nur mit dem Vektor multiplizieren – und fertig.“

Die Entscheidung über den Gewinner traf wieder das Publikum – und zwar in den zwei Kategorien Science und Slam. Und bei Johannes Schildgen waren nahezu die Hälfte der Bewertungen eine Doppel-Zehn.

Auf dem Weg zu dergestalter Qualität ist Sabine Ispas-Ungermann vom Karl-von-Closen-Gymnasium Eggenfelden. Die Schülerin war außer Konkurrenz dabei, hatte eine Wildcard beim Science Slam der Schulen am König-Karlmann-Gymnasium gewonnen (die Heimatzeitung berichtete). Sie stellte ihre Forschungen vor, wie mit Altpapier ein Porsche angetrieben werden könnte – und sparte auch die Darstellung der Verwüstungen in der elterlichen Küche nicht aus. Der Nachwuchs beweist mithin schon heute wissenschaftliche Brillanz, gepaart mit Entertainer-Qualität.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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