30. November 2018 - Alt-Neuöttinger Anzeiger

Chemie-Zukunft hängt vom Strompreis ab: InfraServ-Geschäftsleiter Dr. Bernhard Langhammer beim Kamingespräch der Europa-Union

Altötting. Alles hänge am Strompreis, mit dieser Aussage konzentrierte der Geschäftsleiter der InfraServ, Dr. Bernhard Langhammer, den Kernpunkt seines Referats beim Kamingespräch des Kreisverbands der Europa-Union im Gasthof Plankl. Vor aufmerksamen Zuhörern wie Kreisvorsitzendem Helmut Tiefenthaler, Dr. Willi Kleine, ehemaliger Werkleiter der Wacker Chemie und dessen Nachfolger Dr. Dieter Gilles, reflektierte Langhammer am Dienstagabend die Entwicklung des Gendorfer Chemieparks.

Die Chemie besetze hinter der Kfz-Industrie und dem Maschinenbau die drittstärkste Position in Deutschland. Die Bedeutung der Branche für das Land spiegle sich im Umsatz von 210 Milliarden Euro wider, einem Fünftel des europäischen Chemieumsatzes von einer Billion Euro. Zu diesem Erfolg habe das typisch deutsche Konzept des Chemieparks beigetragen, hier sei die Bundesrepublik mit 37 Einrichtungen Marktführer in Europa mit insgesamt 70 Standorten, erläuterte Langhammer.

Zum Erfolg der chemischen Industrie hat ihm zufolge die rechtzeitige Abspaltung von der Pharmazie beigetragen und die Spezifizierung des Produktangebots. Allerdings laufe längst nicht alles so glatt, wie sich vermuten ließe. Die EU greife überall massiv ein; Behörden wie die europäische Umweltagentur lieferten den politischen Entscheidungsträgern alle Daten im Bereich der Umwelt. Die Europäische Chemikalienagentur ECHA sorge für die Umsetzung der richtungweisenden Rechtsvorschriften der EU. Mit der von Brüssel angestrebten europäische Energie-Union werde der Energiebinnenmarkt vertieft. Die EU fordere eine grundlegende Umstellung des europäischen Energiesystems, so Langhammer.

Die Reduzierung des Energieverbrauchs um 20 Prozent bis 2020, die Steigerung der Energieeffizienz und das Setzen absoluter Zielvorgaben, fordert Langhammer zufolge die chemische Industrie intensiv. Strom sei in Gendorf nicht nur der wichtigste Energielieferant, sondern auch unverzichtbarer Bestandteil bei der Produktion der verschiedenen Stoffe. Die EEG-Umlage sei doppelt so hoch wie der Strompreis; die nach langen Verhandlungen erzielte Befreiung für den selbsthergestellten Strom und Fördermittel für die Kraft-Wärme-Kopplung würden den Chemiepark nur bedingt entlasten.

Bekannterweise bestehe im Norden Deutschlands ein erheblicher Stromüberschuss, den der Süden als größter Energieverbraucher dringend benötige. Den bisher einheitlichen Strompreis in Deutschland sieht Langhammer in Gefahr, wenn die europäische Energieregulierungsbehörde ACER eingreife und den Strommarkt in einen günstigeren norddeutschen und teureren süddeutschen aufspalte. Stromintensive Betriebe könnten dann in den Norden der Republik abwandern.

Der von der Politik angestrebte Kohleausstieg werde kommen, prophezeite Langhammer, die mögliche Kompensation durch Windenergie setze den Ausgleich schwankender Strommengen voraus. Hier stehe die notwendige Speicherung in Konkurrenz zur Energieeffizienz. Die deutschen Behörden haben dem InfraServ-Leiter nach nichts ausgelassen, um die Umweltvorschriften der EU zusätzlich zu verschärfen; so sei angedacht, die Abstandslinien zwischen Produktionsstandorten und Wohngebieten auszuweiten. Hier sieht Langhammer Gendorf gut aufgestellt; in Richtung Norden sei genügend Raum, um den Chemiepark, wenn notwendig, zu erweitern.

Beim Thema PFOA sieht der InfraServ-Chef auch noch in Zukunft Handlungsbedarf, wie auch beim Problemkreis Mikroplastik. Der Wunsch nach einer kohlenstofffreien Chemie sei die nächste langfristige Herausforderung. Eine dazu notwendige Transformierung der Industriestandorte verlange ausreichend günstige Energie. Hierzulande seien die politischen Regularien sehr hoch, die Konkurrenz in Asien müsse sich nicht mit diesen Problemen herumschlagen, verdeutlichte Langhammer. Nur massive Investitionen in Wissen und Bildung seien in der Lage, den künftigen Herausforderungen zu begegnen.

In der Diskussionsrunde widersprach Langhammer der Behauptung von Hans Steck (Ortsvorsitzender des Bund Naturschutz), die Netzversorger erzielten Traumrenditen und vernachlässigten die Energiewende. Tatsächlich seien die Margen begrenzt, so der Geschäftsleiter; Elektrotankstellen benötigten Stromtrassen, die nur langfristig gebaut werden könnten. Diese Investitionen seien kostspielig.

Zu den strengen Grenzwerten in Deutschland wollte Dr. Matthias Geiger eine Stellungnahme. Hier warf Langhammer der Autoindustrie Versäumnisse vor. Bereits vor zehn Jahren hätte diese Branche klar Position beziehen müssen; sehr viele Grenzwerte seien pragmatischer Natur.

Sepp Rottenaicher, Mitautor des Buchs „Heimat Europa gestalten“, verwies auf die von der Natur gesetzten Grenzen und forderte, mit der angestrebten Reduktion von CO2 bereits jetzt anzufangen. Hier stellte Langhammer klar, dass Deutschland nicht die Welt retten werde und diese Emissionen noch viele Jahre steigen würden. Die Forderung von Hans Steck, die Ressourcen zu schonen, befürwortete Langhammer mit notwendiger Rücksichtnahme auf die Umwelt, hinterfragte aber den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel. Er persönlich halte diese Problematik für reichlich übertrieben.

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger

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