Neue Gemeinschaftsinitiative in Südostbayern: ChemDelta Bavaria

Unternehmen im Bayerischen Chemiedreieck wollen Wettbewerbsfähigkeit der Region im Einklang mit Mensch und Umwelt ausbauen

Burghausen / GENDORF, 03.11.2008 – Das Bayerische Chemiedreieck zählt zu den führenden Wirtschaftsregionen Bayerns. Als Drehscheibe der chemischen Industrie im Zentrum Europas und als Tor nach Süd-, Mittel- und Osteuropa mit Zugang zu den globalen Märkten ergeben sich für die Region zusätzliche Chancen für die Erweiterung von Geschäftsaktivitäten. Dieses Potenzial haben die Unternehmen in der Region und die Bayerischen Chemieverbände als Chance für die Zukunft erkannt. Um diese einzigartige Wettbewerbsposition des Wirtschaftsstandorts nicht nur zu behaupten, sondern – im Einklang mit den Menschen in der Region – weiter auszubauen, haben sie gemeinsam die Initiative ChemDelta Bavaria ins Leben gerufen. Im Rahmen einer Pressekonferenz präsentierten die Unternehmen im Bayerischen Chemiedreieck am 3. November 2008 die Initiative ChemDelta Bavaria in Burghausen erstmals der Öffentlichkeit.

ChemDelta Bavaria ist die Gemeinschaftsinitiative von Unternehmen im Bayerischen Chemiedreieck zur Sicherung und zum Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsregion im Einklang mit den Menschen und der Umwelt in Südostbayern. „Ihre Kennzahlen untermauern die Bedeutung der südostbayerischen Chemieregion“, sagte Dr. Rudolf Staudigl, Vorstandsvorsitzender der Wacker Chemie AG und der Bayerischen Chemieverbände während der Pressekonferenz. An acht Standorten erwirtschaften die angesiedelten Unternehmen einen Umsatz von mehr als acht Milliarden Euro. Mit zirka 25.000 Mitarbeitern arbeitet über ein Drittel der Beschäftigten in der chemischen Industrie Bayerns im Chemiedreieck. Rund 50.000 weitere Arbeitsplätze in der Region sind eng mit der Chemieindustrie verknüpft. Jährlich finden über 1.000 junge Menschen in den Firmen ein breites Angebot an Ausbildungsplätzen. Bereits heute passieren etwa sechs Millionen Tonnen Chemiegüter pro Jahr die Werkstore an den einzelnen Standorten – mit steigender Tendenz.

Denn zwischen 2006 und 2010 investieren die Unternehmen über 2,5 Milliarden Euro in neue Produktionsanlagen und die Standortinfrastruktur. Damit nimmt die Region im gedachten Dreieck zwischen Burghausen, Burgkirchen/GENDORF, Töging, Waldkraiburg und Trostberg eine führende Stellung unter den Wirtschaftsstandorten Süddeutschlands ein.Doch lediglich in der Region wisse man, wo der Wohlstand hier seinen Ursprung habe, so Dr. Staudigl: „Anders sieht es da schon in München aus, wo das Chemiedreieck keineswegs allen präsent ist. Wenn wir dann weiter blicken in Richtung Berlin oder Brüssel, dann kann man von einem signifikanten Bekanntheitsgrad nun wirklich nicht mehr sprechen.“Nicht zuletzt um dies zu ändern, ist die Initiative Bayerisches Chemiedreieck mit ihrer neuen Marke ChemDelta Bavaria angetreten und darin liegt auch der Grund für den neuen, englischsprachigen Namen der Initiative. ChemDelta Bavaria setzt mit seinen 16 Mitgliedsunternehmen dabei auf einer Position der Stärke auf. Der Vorsitzende der Bayerischen Chemieverbände Dr. Staudigl betonte in seiner Rede: „Die Bayerischen Chemieverbände unterstützen diese Initiative ausdrücklich und stehen hinter ChemDelta Bavaria. Wir sind fest davon überzeugt, dass in diesem informellen Zusammenschluss viel Potenzial liegt.“

Standortübergreifender Produktionsverbund als Schlüssel zur Zukunft
Der Vorsitzende des Lenkungskreises von ChemDelta Bavaria, Dr. Bernhard Langhammer von der Geschäftsleitung der InfraServ GmbH & Co. Gendorf KG, verdeutlichte an zahlreichen Beispielen, welche Standortvorteile die angesiedelten Unternehmen bereits sehr erfolgreich nutzen: „Im Grad der Vernetzung der Unternehmen untereinander, dem so genannten Verbund, liegt heute ein wichtiger Schlüssel für die Wettbewerbsfähigkeit. Standortübergreifende Wertschöpfungsketten machen ChemDelta Bavaria zu einem Cluster mit großer Technologiebreite.“ Chemiewerke sind letztlich das Produkt einer optimalen Nutzung und Weiterentwicklung der vorhandenen Stoff- und Energieströme entlang der Wertschöpfungskette, auch über die Werksgrenzen hinaus. Dr. Langhammer führte dazu aus: „Das Chemiedreieck ist standortübergreifend bereits hochvernetzt. Rohstoff- und Produktpipelines verbinden die Werke untereinander und versorgen die Region mit Erdöl und Erdgas. Die gemeinsame Nutzung technischer Gase wie Stickstoff und Wasserstoff wird darüber hinaus zunehmend an Bedeutung gewinnen.“ Die größte Bedeutung hat dabei der bestehende Ethylenverbund zwischen Burghausen und GENDORF mit Münchsmünster. „Die in Bau befindliche Ethylenpipeline Süd (EPS) wird das Chemiedreieck zu einem Teil des bereits bestehenden westeuropäischen Ethylenpipelineverbunds machen und die Versorgung eines der wichtigsten Rohstoffe unserer Region für die Zukunft sicherstellen“, so Dr. Langhammer.

Der Lenkungskreisvorsitzende der Initiative beschrieb jedoch auch den Handlungsbedarf in den Bereichen Infrastruktur, Energie und Nachwuchs: „Die Industrie dieser Region fordert seit Langem die dringend notwendige Kapazitätserweiterung der Bahn in Form eines zweigleisigen Schienenausbaus. Damit könnten zugleich mehr Gütertransporte von der Straße auf die Schiene verlagert werden. Der Bedarf an Strom im Chemiedreieck beträgt etwa 4.000 Gigawattstunden. Gerade einmal zehn Prozent davon wird noch mit Hilfe der Wasserkraft der Region selbst erzeugt. Etwa die Hälfte der übrigen benötigten elektrischen Energie wird in den Werken selbst erzeugt, die andere Hälfte muss vom Markt zugekauft werden. Wir brauchen dringend Ersatz für wegfallende Kraftwerkskapazitäten und daher eine zügige Realisierung des geplanten Kraftwerksneubaus der OMV. Aber auch die erforderlichen Netzkapazitäten müssen rasch genehmigt und realisiert werden.“ Auch spüre man bereits den Mangel an qualifizierten Mitarbeitern. Die demographische Entwicklung der nächsten Jahre werde das Problem noch verstärken, insbesondere bei hoch qualifizierten Naturwissenschaftlern und Ingenieuren.
Mit einem Hinweis auf die Aufbruchsstimmung in der Region durch massive Investitionen verband Dr. Langhammer einen Aufruf an Politik und Regierung: „Derzeit erlebt das Chemiedreieck einen Investitionsboom. Bis 2011 werden sich die Investitionen auf über 2,5 Milliarden Euro summieren, Investitionen in modernste Technologie wie zum Beispiel die erste Metatheseanlage in Europa oder die Produktion von polykristallinem Reinstsilicium. Die Unternehmen im Chemiedreieck sind mit ihren Investitionen in Vorleistung gegangen. Für alle angesprochenen Problembereiche sind auch Lösungen in der Diskussion und an politischen Willensbekundungen hat es nie gefehlt! Aber es muss jetzt auch endlich etwas geschehen.“

Maßnahmen für bessere Infrastruktur, mehr Nachwuchskräfte und Neuansiedlungen
Dr. Werner Goll, Sprecher von ChemDelta Bavaria, führte dazu aus, welche Maßnahmen seitens der Mitgliedsunternehmen als erforderlich angesehen werden: „Am Ausbau der Verkehrsinfrastruktur im Bayerischen Chemiedreieck führt kein Weg vorbei. Dies gilt für die Autobahn A 94 genauso wie für den Bahnausbau. Auch die Diskussion über eine wissenschaftliche Einrichtung in unserer Region verfolgen wir angesichts des bereits jetzt bestehenden Mangels an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren mit großem Interesse. Und mit Standortmarketingaktivitäten versuchen wir, das Potenzial unserer Region durch Neuansiedlungen noch besser zu erschließen.“

Bei der A 94 wartet die Region auf die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtshofs in Leipzig. Bei einem positiven Bescheid zur Trasse Dorfen müssen die Baumaßnahmen unverzüglich weitergehen – was auch für den Bauabschnitt Ampfing-Heldenstein gilt, wo das Planfeststellungsverfahren ohne Einwendungen bereits abgeschlossen ist. Von entscheidender Bedeutung ist nun die gesicherte Finanzierung. Die höchste Priorität bei der Planung forderte Dr. Goll für den zweigleisigen Bahnausbau des Nadelöhrs zwischen Mühldorf und Tüssling, da dieser entscheidend für eine Weiterentwicklung der Strecke ist. Diese muss auch die Anbindung an das elektronische Stellwerk in Mühldorf, ein zusätzliches Kreuzungsgleis im Raum Kastl sowie das in Planung befindliche öffentliche Umschlagterminal für den kombinierten Verkehr umfassen.Aber auch für die Realisierung einer wissenschaftlichen Einrichtung bis zum Jahr 2011 engagiert sich ChemDelta Bavaria.Gemeinsam mit den Initiativen Invest in Germany und Invest in Bavaria, sowie den regionalen Wirtschaftsförderungen versucht man darüber hinaus, die Region für mögliche Ansiedlungen attraktiv zu gestalten. Schwerpunktmäßig bietet der Industriepark Werk GENDORF hierfür gute Möglichkeiten, aber es sind auch kommunale Flächen zum Beispiel in Töging oder Waldkraiburg verfügbar.In all diesen Zukunftsthemen stehen Vertreter von ChemDelta Bavaria in engem Kontakt mit den jeweiligen Verantwortlichen – vom politischen Mandatsträger über Bahnvertreter bis hin zu den verantwortlichen Wirtschaftsförderern und Verwaltungsbehörden. Der Sprecher der Initiative schloss seine Ausführungen zur Zielsetzung der selbsterklärenden Marke ChemDelta Bavaria mit einem Appell an die Vertreter von Verwaltung und Politik: „ChemDelta Bavaria ist angetreten, um die Wettbewerbsfähigkeit der Region Südostbayern im Einklang mit ihren Menschen und der Umwelt zu sichern und auszubauen. Wir alle hier, und damit spreche ich auch Sie an, haben in unseren jeweiligen Funktionen und Tätigkeiten Möglichkeiten, diese Region zu stärken. Ich möchte Sie bitten, diese Möglichkeiten zu nutzen: Machen Sie uns bekannter, unterstützen Sie unsere Ziele. Zum Wohle der Region und der Menschen, die hier leben.“

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