Zukunft des Bayerischen Chemiedreiecks: Kein Wohlfühlempfang

Ungelöste Aufgaben, Energiewende und globaler Wettbewerb als Gewitterwolken am Horizont

Burghausen. Edles Ambiente und sommerliche Stimmung – aber kein Grund zum Wohlbefinden! Das machte Burghausens Bürgermeister Hans Steindl zum Auftakt des Raitenhaslacher Wirtschaftsgesprächs am Freitagabend im Steinernen Saal des Klosters Raitenhaslach und Wissenschaftzentrum der TU München deutlich: „Das ist kein Wohlfühlempfang.“

„Wirtschaft am Scheideweg“ lautete das Thema. Die Zukunft des Bayerischen Chemiedreiecks angesichts nationaler und internationaler Herausforderungen stand im Mittelpunkt der Referate vom Vorsitzenden der Bayerischen Chemieverbände Dr. Günter von Au, Wacker Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Rudolf Staudigl und TUM-Präsident Prof. Dr. Wolfgang Herrmann. (Über die Referate der drei Chemiker berichtet die Heimzeitung im Ressort Heimatwirtschaft in der Dienstagsausgabe.)

Die proklamierte „Energiewende“ in Deutschland, gesellschaftlicher Wandel und Herausforderungen in der Globalisierung haben alle ihre Auswirkungen auf Bestandssicherheit und Wohlergehen der exportstarken und damit vom Export abhängigen Wirtschaft im Chemiedreieck und hier auf den stärksten Wirtschaftsstandort Burghausen. Bürgermeister Hans Steindl skizzierte die einzigartig Konstellation in der Salzachstadt: Ein Habitat von europäischem Rang im Salzachtal in nächster Nähe zur historischen Stadt, zum HighTech-Industriequartier und zum Bannwald in unmittelbarer Nachbarschaft.

Burghausen als Kommune habe in diesem Kontext mehr als nur die Hausaufgaben erledigt, mit Investitionen in die Standort- und Lebensqualität, nicht zuletzt mit dem unternehmerischen Risiko und der Verpflichtung, das KombiTerminal für 20 Jahre sieben Tage in der Woche zu jeweils 24 Stunden betriebsbereit zu halten, erklärte Steindl. Mit vier hundertprozentigen Tochtergesellschaften, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft, der Wirtschaftsbeteiligungsgesellschaft, der Burghauser Tourismus GmbH und der Burghauser Wohnbau GmbH betreibe die Stadt aktive Wirtschaftspolitik. Weitere Beteiligungen hält die Stadt an der Campus GmbH, an der Regio-Invest und an der Wärmeversorgung Burghausen GmbH.

Der städtische Haushalt hat mittlerweile ein Volumen von über 132 Mio Euro, bei über 61 Mio Euro Rücklagen und einem Gewerbesteueraufkommen von rund 67 Mio Euro. Diese Zahlen spiegeln nicht nur die Leistungskraft der Kommune, sondern auch die Abhängigkeit von einer florierenden Wirtschaft, um auch in Zukunft die Aufgaben zur Standortsicherung und damit auch zur Sicherung der Lebensqualität lösen zu können.

Vor diesem Hintergrund und den Herausforderungen im globalen Wettbewerb, in dem Industriestandorte stehen, zählte Hans Steindl im Steinernen Saal auch all die offenen Baustellen der Landes- und Bundespolitik auf, die nicht ohne Auswirkungen auf die regionale Standortqualität bleiben: Keine Entscheidung über die Nord-Zulauf-Trassen zum Brennerbasistunnel, obwohl die Herausforderung seit Jahrzehnten bekannt ist; die unvollendete Autobahn in Richtung Passau, deren Weiterbau erst ab 2030 in Angriff genommen werden soll, die dritte Start- und Landebahn in München, die Unsicherheiten im Bau der Stromtrassen aus den Windparks im Norden zu den Industriestandorten in Bayern und letztendlich PFOA.

Die Herausforderungen durch die proklamierte Energiewende mit dem Ausstieg aus Kernkraft und Kohle als Energieträger skizzierten die drei Chemiker Prof. Dr. Herrmann, Prof. Dr. Staudigl und Dr. von Au. Einen Hinweis konnte sich aber auch Bürgermeister Hans Steindl nicht verkneifen: In Polen und in Tschechien werden weiterhin in nächster Nachbarschaft zu Deutschland Kohlekraftwerke gebaut, um dort Energie bereit zu stellen, die in Deutschalnd für die Wirtschaft fehlt.

Welche Risiken zudem in positiver und in die Zukunft gerichteter Wirtschaftspolitik liegen, das illustrierte er außerdem mit einem Hinweis auf das vor rund zehn Jahren aktuelle Projekt der OMV, in Haiming ein modernes Gaskraftwerk zu errichten. Rund 25 Millionen Euro habe der Konzern in die Planungen und Vorbereitungen investiert, dann aber vom Bau Abstand genommen, weil die politischen Rahmenbedingungen einen wirtschaftlichen Betrieb nicht zuließen. Der sei auch heute nicht absehbar, obwohl Gaskraftwerke in der Landespolitik als Lösung für die absehbare Versorgungslücke hofiert werden.

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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