Wirtschaftsbeirat bei Wacker Chemie in Burghausen: Ohne Netzausbau keine Energiewende

Schicksalsfrage für die Region Bayerisches Chemiedreieck: Bleibt die Energieversorgung sicher und das zu wettbewerbsfähigen Preisen?

Burghausen. Ohne deutlichen Ausbau und ohne Stärkung der Stromverteilungsnetze in Deutschland wird die proklamierte Energiewende auf keinen Fall gelingen. Man braucht die Netze und die Leitungskapazitäten, aber auch neue und erst zu entwickelnde Speichertechnologien, um den Ausgleich zu schaffen zwischen dem Stromaufkommen aus erneuerbaren Energien auf der einen und der Nachfrage auf der anderen Seite. Das war die zentrale Botschaft von Dr. Andreas Schieder von TenneT in der jüngsten Gesprächsrunde des Wirtschaftsbeirats bei der Wacker Chemie in Burghausen.

TenneT, ein holländisches Staatsunternehmen, ist der Netzbetreiber, der Bayern mit den überregionalen Hochspannungsnetzen versorgt und mit den neuen Übertragungsleitungen, zum Beispiel der SüdLink und der SüdOstLink versorgen soll. Diese beiden Trassen sollen, wo geboten, per Erdkabel, Gleichstromleitungen für 525 Kilovolt, von Norddeutschland nach Süddeutschland verlegt werden. Die Technik ist anspruchsvoll und bei einer Erdverlegung geschätzt vier bis sechsmal so teuer wie Freileitungen.

Wichtig für Anlieger der geplanten neuen 380-Kilovolt-Trasse von Pleinting in Niederbayern nach Pirach im Kreis Altötting, zum zentralen Umspannwerk im Chemiedreieck: Auch diese Wechselstromtrasse soll abschnittsweise per Erdkabel verlegt werden. Allerdings ist eine Erdverkabelung in dieser Dimension technisch höchst anspruchsvoll und teuer. Sie werde deshalb nicht überall zum Tragen kommen.

Hier zu gab es einen Appell aus dem Publikum an Bürgerinitiativen gegen diese 380-Kv-Trasse, sich doch auf die wirtschaftliche Grundlage des Wohlstands im Kreis Altötting zu besinnen. Ein Rückbau der chemischen Industrie werde hier einen kontinuierlichen Abbau des Wohlstands nach sich ziehen. Bereits jetzt liegt die Reinvestitionsquote unter dem Niveau der Abschreibungen.

Altöttings Landrat Erwin Schneider nahm die Bürgerinitiativen insofern in Schutz, als er ihnen Sachlichkeit und konstruktive Argumentation bescheinigte.

Wie sehr die Frage nach der Versorgung mit Strom – grundlastfähig, kontinuierlich sicher und zu international wettbewerbsfähigen Preisen – das Schicksal der Wirtschaft im bayerischen Chemiedreieck, aber auch der energieintensiven Industrie in ganz Deutschland bestimmt, hatte nochmal Dr. Dieter Gilles, Werkleiter der Wacker Chemie in Burghausen mit unmittelbar rund 10 000 Arbeitsplätzen am Ort, betont.

Offen blieben die besorgten Fragen von Verantwortlichen aus der regionalen Industrie, ob denn sicher gestellt sei, dass vor allem auch in der Zeitspanne zwischen dem Abschalten von Ohu als letztem Kernkraftwerk in Bayern und dem Betriebsbeginn der Übertragungsleitungen des Stroms aus regenerativen Quellen, wie Windkraft und Photovoltaik, Strom aus dem Ausland beschafft werden könne? Ob dort Kapazitäten in der Erzeugung bestehen und ausgebaut werden? Ob dort die Leitungskapazitäten bestehen und ausgebaut werden? Und ob im Ernstfall die passenden Grenzübergabestellen bereitstehen?

Offen blieb auch die Frage, wer im Ernstfall entscheidet, welches Werk und welche Industrieproduktion abgeschaltet werden muss, um ein Stromnetz zu stabilisieren, wenn Einspeisung und Nachfrage nicht deckungsgleich sind. Und wer zahlt dann? Welche Entgelte? Hatte es 2003 noch zwei dieser Problemfälle gegeben, waren es 2017 bereits 1579 Ereignisse dieser Art an 356 Tagen.

Letztendlich stand auch der Verdacht im Raum, dass im Notfall Alt-Kernkraftwerke sowjetischer Bauart in Tschechien und in der Slowakei, vielleicht aufgerüstet mit chinesischer Technik, zugeschaltet werden müssen, um Versorgungslücken in Deutschland auszugleichen decken. Und das, obwohl man hier eigentlich die Kernkraft nicht mehr haben wollte!

Und wenn die energieintensive Produktion in Deutschland aus Kostengründen nicht mehr wettbewerbsfähig ist, werde zudem die Produktion in andere Wirtschaftsräume gehen, wo mit älterer Technologie, aber mit billigem Strom und dreifachem CO²-Ausstoß produziert und dem Weltklima massiv werde.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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