„Wir haben keine Krise“

Im Interview fordert Wacker-Betriebsratschef Köppl, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten

Herr Köppl, die Wacker Chemie hat am Donnerstag angekündigt, bis Ende 2022 weltweit rund 1000 Stellen abzubauen, davon 800 in Deutschland. In welchem Umfang wird Burghausen betroffen sein?
Köppl:
Die Zahlen, sowohl was Arbeitsplätze als auch Sachkosten angeht, sind im Moment grobe Ziele. Burghausen ist und bleibt das Herz von Wacker. Der Anteil an Einsparpotenzialen ist daher hier am größten. Aufgrund der uns bisher lediglich skizzierten Szenarien könnte über konkrete Zahlen zur Betroffenheit der Standorte nur spekuliert werden.

Muss man sich um den Standort Burghausen selbst Sorgen machen, wenn derart drastische Maßnahmen notwendig werden?
Köppl:
Wir sollten die Kirche bei allen Herausforderungen im Dorf lassen. Wacker steht nicht schlecht da. Die Sonderabschreibung in 2019 schafft für die kommenden Jahre zudem Luft nach oben. Wir sind nicht zu überhasteten Reaktionen gezwungen, im Gegenteil. Wir planen wie immer frühzeitig und sind daher in der guten Position, mit Bedacht agieren zu können. Ein Kahlschlag ist aus Sicht des Betriebsrates nicht notwendig, auch wenn es deutlich sichtbare Veränderungen geben wird. Wir gehen davon aus, dass wir auch am Standort in Burghausen weiterhin und langfristig gute Geschäfte machen werden. Wir haben Spitzenprodukte und die Lösung für unsere Kunden, die sie für morgen brauchen. Und vor allem haben wir eine Spitzenbelegschaft, die gemeinsam an einem Strang zieht.

„Eine Frage des Wollens und des Willens“

In der Betriebsversammlung war die Rede davon, dass nach Möglichkeit auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet werden soll, eine Garantie dafür gibt es aber offensichtlich nicht.
Köppl:
Die klare Forderung des Betriebsrates ist es, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Wir haben bei Wacker gemeinsam in der Vergangenheit bewiesen, dass solche Projekte ohne betriebsbedingte Kündigungen zu meistern sind. Das ist auch eine Frage des Wollens und des Willens. Ein wesentlicher Faktor ist natürlich die Zeit. Der Betriebsrat ist sicher, dass Altersteilzeit ein hervorragendes Mittel zur Realisierung der gesteckten Ziele ist. Auch Insourcing ist ein Thema, mit dem einerseits die Beschäftigung gesichert und andererseits die externen Sachkosten gesenkt werden können, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Was bedeutet das Sparprogramm für den Nachwuchs? Müssen Auszubildende um ihre Übernahme fürchten?
Köppl:
Ein guter und für uns äußerst wichtiger Punkt. Der Betriebsrat wird massiv darauf drängen, dass unsere Jugend ebenfalls eine Zukunft bei Wacker hat. Diese Forderung ist bereits in den ersten Verhandlungen von uns gesetzt worden. Jugend und Ausbildung bedeutet für uns auch Zukunftssicherung – und das halten wir für ein Projekt mit dem Titel ‚Zukunft gestalten‘ für essenziell. Wir fordern daher weiterhin Verbindlichkeit bei der Frage der Übernahme von Auszubildenden. Zukunft braucht Jugend, das liegt doch auf der Hand.

Grundsätzlich steht der Betriebsrat dem Zukunftsprogramm aber nicht entgegen, oder?
Köppl:
Wir sind nicht dagegen, etwas anders oder besser zu machen. Im Gegenteil, wir sind für Ideen, die Zukunftssicherheit bringen. Das ist differenziert zu betrachten. Wir werden die Details genau analysieren und bringen unsere Erfahrung, Meinung und Sachverstand ein. Unsere Möglichkeiten der Mitbestimmung werden wir natürlich auch in Zeiten von Sparmaßnahmen und Neuorientierung nutzen. Wir haben nur etwas gegen Projekte, wenn sie die Auswirkungen auf die Belegschaft ungenügend berücksichtigen – Stichwort betriebsbedingte Kündigungen. Es wäre bedenklich, wenn Wacker vom Weg, einem gemeinsamen Wacker-Weg, abkommen würde. Verantwortung für das Unternehmen und für die Beschäftigten, das erwarten die Kolleginnen und Kollegen jetzt nicht nur vom Betriebsrat, sondern auch vom Management.

Sind die von Arbeitgeberseite angedachten Veränderungen denn nicht nachvollziehbar?
Köppl:
Das ist mit dem jetzigen Stand der Dinge nicht zu beurteilen und daher nicht zu beantworten. Manches wird logisch sein, manches nicht. Erfahrungsgemäß schließe ich nicht aus, dass die Betriebsräte nicht alle Vorhaben für sinnvoll erachten werden. Das Thema Innovationen ist mir zum Beispiel bislang noch zu wenig beachtet. Stattdessen geht es nur um Zusammenlegungen und Personalabbau.

Ein Personalabbau über 1000 Stellen und das Einsparen von Sachkosten von insgesamt 250 Millionen Euro klingt ambitioniert.
Köppl:
Ja, die angedachten Ziele sind sehr ambitioniert. Und ja, das wird eine große Herausforderung. Der Betriebsrat wird darüber jetzt mit dem Arbeitgeber in Verhandlungen treten und ist überzeugt, dass dieses Projekt für alle eine Zukunft bei Wacker bedeuten kann. Konzeptideen dafür haben wir betriebsratsintern bereits erarbeitet. Am Anfang eines Prozesses ist vieles unausgegoren. Jetzt stehen die weiteren Beratungen an. Danach wissen wir mehr. Neben der Neuorganisation und der Sachkosteneinsparung liegt für uns der Schwerpunkt auf einem Konzept zur nachhaltigen Personalplanung. Schnellstens Stellen abbauen, um sie dann am Fachkräftemarkt wieder zu suchen, hielten wir nicht für zukunftsweisend.

Wie soll es aus Ihrer Sicht möglich sein, Sachkosten in dreistelliger Millionenhöhe einzusparen?
Köppl:
Wir sehen Potenzial bei der konsequenten Überprüfung von externen Leistungen. Vor allem wenn Personalabbau droht, ist es aus unserer Sicht nur logisch, möglichst viele Aufgaben mit eigenem Personal zu bewältigen. Insourcing ist das Stichwort, das zudem eine Menge Schnittstellen, Kontrollen und Abnahmen vermeiden würde und wodurch zudem Know-how-Verlust eingedämmt werden kann.

„Sorge machen uns die Energiekosten“

Seitens des Unternehmens ist davon die Rede, dass die Organisation konsequent auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Kunden ausgerichtet werden soll. Ist das denn bisher nicht der Fall?
Köppl:
Doch. Wacker hat einiges zu bieten, das uns vom Wettbewerb unterscheidet, etwa die Fokussierung auf Spezialitäten, oder der direkte Kontakt zum Kunden. Unser umfangreicher Service am Kunden bedeutet natürlich Aufwand und scheint auf den ersten Blick teuer, ist aber auch ein großes Plus von Wacker. Anonym Standards von der Stange zu verkaufen, das machen viele unserer Konkurrenten. Eine differenziert ausgerichtete Struktur, die dennoch schnelle Reaktion auf Kundenwünsche ermöglicht, findet immer unsere Unterstützung.

Was sind dann die Ursachen dafür, dass Wacker in der Krise steckt?
Köppl:
Wir haben keine Krise. Zum Beispiel bei den Siliconen haben wir gerade zwei Rekordjahre hinter uns. Auch haben wir weiterhin eine hohe Nachfrage nach unseren durchwegs guten Produkten, trotz eines bereits heute harten Kampfes am Weltmarkt. Sorge machen uns vielmehr die Energiekosten, die in andern Regionen der Welt staatlich subventioniert sind und zu weltweit tiefen Preisen im Solar-Polysilicium-Geschäft führen. Das ist unser Hauptproblem, weil dazu politische Entscheidungen zur Gestaltung der Energiewende notwendig wären.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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