Wasserstoff-Initiative kommt ins Rollen

Experten-Konferenz mit Industrie und Politik – Stützpunkt im Bayerischen Chemiedreieck im Visier

Altötting. Das klingt nach Aufbruchstimmung und Start-up. Rund 50 Vertreter aus Politik, Industrie, Gewerbe, Transport und Logistik aus dem Bayerischen Chemiedreieck haben sich in dieser Woche zum regionalen Wasserstoffgipfel im Altöttinger Landratsamt getroffen, um den Weg in die Zukunft mit emissionsfreier Wasserstofftechnologie zu sondieren. Erste Benchmarks sind gesetzt, die Ziele definiert, aber auch die Probleme und Herausforderungen bekannt. In einer Projektgruppe soll die Umsetzung von Wasserstofftechnologie und der Aufbau von Infrastruktur in der Region nun zügig vorangetrieben werden.

Zum Expertentreffen hatten Landtagsabgeordneter Dr. Martin Huber aus Töging und sein Landtagskollege Sandro Kirchner, Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Landesentwicklung im bayerischen Parlament eingeladen, um das Potenzial der Region im Kontext mit geplanten Ansiedelung von Wasserstofftechnologie am Bahnhof Mühldorf zu entwickeln und zu nutzen.

Ein Kompliment für die positive Resonanz der Wasserstoffinitiative gab es von Dr. Bernhard Langhammer, Geschäftsleiter der InfraServ Gendorf. Er hatte schon vor Monaten ein positives Beispiel aus dem Chemiepark Hoechst in Hessen in die Diskussion im Kreis Altötting eingebracht.

Am Bahnhof Mühldorf soll ab 2024 nicht nur eine Wasserstoff-Tankstelle für Züge angeboten werden. Von Mühldorf aus sollen hier Personenzüge im Bereich des Liniensterns fahren, erklärte Florian Liese von der Bayerischen Eisenbahngesellschaft. Ab dem Jahr 2024 werden die Fahrleistungen im Bereich des Liniensterns neu vergeben, deshalb sei dieser Zeitpunkt zum einen fix, aber auch geeignet, um eine neue Technologie zu etablieren.

Kompetenz in der Gewinnung, im Umgang und in der Nutzung von Wasserstoff gibt es in den Unternehmen des Bayerischen Chemiedreiecks seit Jahrzehnten, vor allem bei der OMV, die Wasserstoff zur Entschwefelung von Treibstoffen nutzt, beim Gase-Spezialisten Linde, aber auch bei Vinnolit, in deren Produktionsprozessen Wasserstoff anfällt, der bislang aber energetisch jeweils vor Ort genutzt wird.

Trotz aller Aufbruchstimmung herrschte im Treffen kein Zweifel an den Herausforderungen und Hürden. Noch sind Fahrzeuge mit Antrieb auf Basis von Wasserstoff sehr selten und sehr teuer. Zur Betankung gibt es so gut wie keine Infrastruktur.

Zur Verfügung stehen im Prinzip zwei unterschiedliche Antriebssysteme – zum einen Motore, in denen Wasserstoff „verbrannt“ wird und zum anderen die Brennstoffzellentechnologie, in der aus Wasserstoff Strom für einen elektrischen Antrieb gewonnen wird. Diese Technologie ist bereits bei modernen U-Booten in Einsatz.

Die Ansprüche in die Betankung sind nicht ohne. So können zum Beispiel Pkws und Lkws, zumal für den Fernverkehr, bisher nicht mit dem gleichen System betankt werden, weil jeweils ein anderer Druck erforderlich ist.

Konkret vorgeschlagen ist nun, dass am Bahnhof Mühldorf, parallel zur Betankungsmöglichkeit für Lokomotiven, auch eine Zufahrtsmöglichkeit zur Betankung von Lkws und Busse geschaffen wird. Zusätzlich zu dieser Betankungsmöglichkeit in Mühldorf soll eine weitere Station im Herzen des Chemiedreiecks geschaffen werden.

Als Favorit für diesen Standort kristallisierte sich in der Runde das Kombiterminal in Burghausen heraus: Der Bereich liegt außerhalb von Wohngebieten, aber doch nahe zur Industrie mit Wasserstoff-Kompetenz. Hier können im Ernstfall Lokomotiven ebenso wie Lkws im Binnenverkehr des Terminals, aber auch für den Fernverkehr betankt werden. Hier könnte Wasserstoff per Kesselwagen, aber auch per kurzer Pipeline angeliefert werden.

Ganz in diese Richtung argumentierten Berthold Jesse, Geschäftsführer von DB Schenker; Mathias Gehrigk Geschäftsführe Greiwing, und Anton Steinberger, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Burghausen. Steinberger brachte das Vorhaben, Einstieg in die Wasserstofftechnologie auf den Punkt: „Wenn nicht bei uns im Chemiedreieck, wo dann?“

Für den Mineralöl-Konzern OMV ist die Wasserstofftechnologie ein ernstes Thema, bestätigt der Geschäftsführer der OMV Deutschland GmbH, Dr. Gerhard Wagner. Die OMV habe bereits einen Pkw mit Brennstoffzelle in Betrieb, der sich gut bewähre. Zum Aufbau einer Versorgungsinfrastruktur erklärt er, dass daran gedacht sei, Wasserstoff-Tankstellen an vielbefahrenen Autobahn-Transversalen in Europa aufzubauen, die dann von Lkws im Fernverkehr leicht angefahren werden können, um damit den CO²-Ausstoß signifikant zu verringern.

Hier sollte rechtlich und politisch Klarheit geschaffen werden, dass man zum Einstieg und zum Aufbau der Wasserstoff-technologie sogenannten „grauen Wasserstoff“ als emissionsfrei akzeptiere, betonte Jens Waldeck, Geschäftsleiter Zentraleuropa von Linde Gase. „Grauer Wasserstoff“ wird zum Beispiel aus Erdgas, einem fossilen Rohstoff, gewonnen, sogenannter „grüner Wasserstoff“ per Elektrolyse aus Wasser unter Einsatz von elektrischer Energie aus erneuerbaren Quellen. Ob und gegebenenfalls ab welchem Zeitpunkt in Deutschland ausreichend grüner Wasserstoff bereitgestellt werden kann, das ist zur Zeit noch offen.

Man will jedoch Verzögerungen vermeiden, in dem Sinn: Man könne mangels ausreichender Stromversorgung aus erneuerbaren und CO²-freien Quellen die Technologie nicht weiter entwickeln. Die Nutzung des „grauen Wasserstoffes“ sollte deshalb als Zwischenlösung akzeptiert werden, um technologische Kompetenz für Großserientechnik und Infrastruktur aufzubauen, die dann auch verkauft werden kann.

Mit Blick auf die Kosten und Wirtschaftlichkeit der Technologie stellen sich weitere Herausforderungen. Die Wasserstofftechnologie, in welcher Ausprägung auch immer, stehe aktuell im harten Wettbewerb zur Elektro-Mobilität auf Basis von Batterieantrieben, betonte Christian Gruber vom Lkw-Hersteller MAN.

Für die Betreiber von Lkw- und Busflotten stellen sich außerdem die Fragen der Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit. Fahrzeuge mit Wasserstoffantrieb sind aktuell kaum verfügbar und kosten ein vielfaches von herkömmlichen Fahrzeugen. Es dürfe auf keinen Fall passieren, dass Fördermittel zum Ausbau eines dichteren ÖPNV-Netzes, vor allem in den ländlichen Regionen, dann allein durch die Mehrkosten im Wandel der Antriebstechnologie aufgezehrt werden, betonten Heino und Isabella Brodschelm.

Auch Stefan Kühn von DB Regio Bus plädierte in die gleiche Richtung. Hier müssten separate Fördertöpfe geschaffen werden, wenn man die Technologie erfolgreich auf den Weg bringen will. Denn Kunden seien am Ende des Tages – trotz aller Bekenntnisse zum Klimaschutz – wohl nicht bereit, die Mehrkosten zu übernehmen.

Als Auftrag an die Politik nannte Dr. Wagner ein Modell, die bisherige Mineralsteuer an Kohlendioxid-Emissionen zu knüpfen, denn dann werde derjenige Fahrer belohnt, der CO² im Betrieb der Fahrzeuge einspart.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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