Wacker zahlt Dividende trotz Verlust

Erste Online-Hauptversammlung – Kritische Aktionäre – Zuversicht in Stärken des Konzerns

München/Burghausen. Die Zeiten sind herausfordernd: Konjunkturelle Flaute, Corona-Pandemie und internationale Handelskrisen schaffen ein schwieriges Umfeld für die Wirtschaft. Gerade vor diesem Hintergrund haben die Aktionäre der Wacker Chemie AG dem Vorstand mit knapp 99 Prozent und dem Aufsichtsrat mit über 95 Prozent in der jüngsten Hauptversammlung das Vertrauen ausgesprochen und Entlastung erteilt. Mit 98 Prozent folgten die Aktionäre außerdem dem Vorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat, rund 24,9 Millionen Euro aus dem Bilanzgewinn* in Höhe von 1,32 Milliarden Euro als Dividende auszuschütten. Das entspricht 50 Cent je Aktie.

In seinem Bericht skizzierte Vorstandsvorsitzender Dr. Rudolf Staudigl das Umfeld. Die Welt ist quasi in einem Schockzustand; die wirtschaftlichen Prognosen sind dramatisch. Laut Schätzung des IWF geht die Weltwirtschaft um bis zu fünf und in Europa sogar um bis zu zehn Prozent zurück.

Trotz des Lockdowns sei bei Wacker jedoch die Produktion stets gelaufen. Mit der Herausnahme ganzer Schichten sei für den Fall einer Ansteckung sichergestellt worden, dass Ersatzschichten zur Verfügung stehen. Auf dem Höhepunkt der Pandemie hätten zudem rund 6000 bis 7000 Mitarbeiter per Home-Office gearbeitet.

Das Werk Burghausen sei zu dieser Zeit mit rund 40 Prozent weniger Personal gefahren worden. Und das positive Ergebnis: Weniger als 50 Mitarbeiter weltweit wurden positiv auf das Virus getestet.

„Obwohl wir hart dafür gearbeitet haben, ist der Umsatz knapp unter Vorjahr geblieben“, räumte der Vorstandsvorsitzende in der Rückschau auf das Jahr 2019 ein, „bei 4,93 Milliarden Euro. Das EBITDA ist mit 780 Millionen Euro rund 16 Prozent niedriger. Darin enthalten ist die Versicherungszahlung aus dem Schadensfall am Produktionsstandort Charleston in den USA mit 112 Millionen Euro.“

Das Umfeld sei geprägt von intensivem Wettbewerb und der Abkühlung der Weltwirtschaft. Was besonders gebremst hat: Die erwartete Preiserholung im Polysiliciumgeschäft ist ausgeblieben. Der Preisdruck hat sich fortgesetzt und ist noch stärker geworden. Aber auch die Preise für Standardsilicone waren deutlich schwächer, auch auf Grund der geringen wirtschaftlichen Dynamik.

Insgesamt habe das den Konzernumsatz um 365 Millionen Euro geschmälert. Die Preise für Polysilicium werden aller Voraussicht nach vorerst niedrig bleiben. Deshalb habe Wacker die Sonderabschreibung auf die Anlagen zur Herstellung von Polysilicium vorgenommen, in Höhe von 760 Millionen Euro. Wacker habe daher das Jahr 2019 mit einem Verlust von 630 Millionen Euro abgeschlossen.

Wie verträgt sich eine Dividende mit einem Jahresverlust? Für Wacker gebe es dennoch gute Gründe, eine Dividende zu zahlen, betonte der Vorstandsvorsitzende. Wacker sei „in der privilegierten Lage, unternehmerische Entscheidungen langfristig treffen zu können“, stehe „für Kontinuität und Verlässlichkeit. Auch in der Dividendenpolitik.“

Erstmals hatte es die Hauptversammlung der Wacker Chemie AG nicht als Präsenzveranstaltung, sondern als virtuelle Versammlung, live und online, gegeben. Anlass war die immer noch nicht ausgestandene Corona-Pandemie. Mit deutlicher Mehrheit genehmigte die Hauptversammlung außerdem eine Satzungsänderung, die es erlaubt, auch künftig Online-Hauptversammlungen anzubieten. Dennoch geht die Hoffnung in Richtung auf Normalisierung. Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Peter-Alexander Wacker kündigte die nächste Hauptversammlung für den 12. Mai 2021 an freute sich auf ein Wiedersehen in München.

Auch im virtuellen Raum machten die Aktionäre von ihrem Fragerecht rege Gebrauch: War der Preisdruck auf Polysilicium bereits im vorvergangenen Jahr absehbar? Welche Kriterien gibt es für die Bestimmung der Dividendenhöhe? Oder inwieweit spricht der Betriebsrat bei Einstellungen und Beförderungen mit?

Der Preisdruck auf Polysilicium,vor allem für den Einsatz in der Solartechnik, habe sich bereits im Jahr 2018 abgezeichnet, bestätigte Vorstandsvorsitzender Dr. Rudolf Staudigl; man habe früh mit Sparmaßnahmen reagiert und ein Einsparziel im zweistelligen Millionenbereich erreicht.

In der Ermittlung der Dividendenhöhe bewege sich Wacker im Gros der deutschen Industrie und orientierte sich an der jeweiligen Ertragslage. Außerdem sei es sinnvoller die Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiter an anderen Kennzahlen, zum Beispiel der EBITDA-Marge zu orientieren und nicht am Aktienkurs, wie zum Teil vorgeschlagen, denn der sei kaum von den einzelnen Mitarbeitern zu beeinflussen.

Den Kurs der Aktie sieht der Vorstand der Wacker Chemie AG im Augenblick vor allem durch den Preisverfall bei Polysilicium, aber auch durch die Unwägbarkeiten in der aktuellen Krise und die konjunkturelle Flaute beeinträchtigt. An eine Verlagerung der „Poly“-Produktion sei nicht gedacht.

Auch die Streichung der Zuschüsse zu Weihnachtsfeiern rechtfertigte der Vorstand mit dem Verweis auf ein sechsstelliges Einsparpotenzial. Der Betriebsrat sei hier nicht eingebunden gewesen, zumal es sich um freiwillige Leistungen gehandelt habe. Und mit Blick auf Einstellungen und Beförderungen liege die Entscheidung bei Vorgesetzten und Personalleiter bei Mitwirkung des Betriebsrats im Rahmen der gesetzlichen Mitbestimmung.

Auch die Mitwirkung der Unternehmensberatung von McKinsey stand in der Kritik eines Aktionärs. Um die Einsparmöglichkeiten zu identifizieren und Ziele umzusetzen, habe ein Team von rund 100 Fachleuten der Wackerbelegschaft gearbeitet und dazu ein rund zehnköpfiges Team von McKinsey, informierte Dr. Staudigl auf eine Aktionärsfrage. Bereits im vergangenen Jahr angekündigter Personalabbau, auch am Standort Burghausen, soll indes nicht in der Produktion erfolgen, sondern im Verwaltungsbereich. Forschung und Entwicklung sollen sogar noch ausgebaut werden.

Kein Potenzial sieht der Vorstand in den Vorschlägen, sich dem Recycling von Kunststoffen, der Entwicklung von neuen marktnahen Medikamenten oder dem externen Angebot von technischen Dienstleistungen. Zwar sei das Unternehmen stets dabei, neue Marktfelder zu erschließen, aber die Aktivitäten müssten zu den Kernkompetenzen des Konzerns passen.

* Bilanzgewinn/Bilanzverlust sind handelsrechtliche Begriffe, die keineswegs identisch sind mit dem tatsächlich im Geschäftsjahr entstandenen Gewinn/Verlust.

Weitere Infos im Internet unter: www.wacker.com

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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