Wacker-Stauwehr an der Alz: Wo sich Kanal und Fluss kreuzen

Ungewöhnliches Bauwerk rund 100 Jahre alt – Kanalwasser fließt durch Düker unter der Alz hindurch

Hirten. Mit dem Stauwehr an der Alz bei Hirten kann kein Einfluss auf Hochwasser genommen werden. Den Alzwerken der Wacker-Chemie ist es nicht möglich, die Wehranlage als Hochwasser-Puffer einzusetzen. Wie weit sich der Wasserstand des kleinen Stausees auf das Grundwasser auswirkt, weiß niemand genau, weil die Grundwasserströme parallel zum Fluss verlaufen.

Mit regelmäßiger Wartung tun die Alzwerke alles dafür, damit gerade im Hochwasserfall die moderne elektronische und elektrische Technik sowie im Notfall auch die alte Mechanik einwandfrei funktionieren. So werden die so genannten Wehrschützen mit Kameras überwacht. Eine Rechen-Reinigungsmaschine hält den Zulauf zur Wehranlage frei, insbesondere bei Hochwasser, wenn aus Traun und Alz ganze Bäume angeschwemmt werden. In dem Gebäude der Wacker AG am Südufer der Alz befindet sich eine elektronische Schaltwarte mit einer Vielzahl von technischen Überwachungseinrichtungen.

Damit der Alzkanal sicher bleibt, wird er in regelmäßigen Abständen von den Alzwerken saniert, zuletzt im Jahr 2016 für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.

Zur Stauraum-Peilung ist ein Radar-Messboot im Einsatz. Mittels Radar wird die Tiefe des kleinen Stausees gemessen und somit festgestellt, wann es Zeit wird, den von der Alz angeschwemmten Kies auszubaggern. Das Ausbaggern ist nichts anderes als ein Umheben in Absprache mit den Behörden. Die Alzwerke dürfen dem Fluss keinen Kies entnehmen, vielmehr wird der oberhalb der Wehranlage ausgebaggerte Kies flussabwärts wieder eingebracht.

Die Alzwerke haben sich gegenüber dem Wasserwirtschaftsamt schon bereiterklärt, das nächste Ausbaggern etwas früher vorzunehmen als erforderlich, um den Kies unentgeltlich für den geplanten Bau eines Hochwasser-Schutzdamms für Hirten zur Verfügung zu stellen. In diesem Fall wäre das Wasserwirtschaftsamt natürlich gerne bereit, eine Kiesentnahme zu genehmigen.

Vor rund 100 Jahren, nämlich von 1916 bis 1922, wurde der Alzkanal von Hirten nach Burghausen gebaut und gleichzeitig die Wehranlage bei Hirten. Im Dezember 1922 erzeugten die Alzwerke in Burghausen zum ersten Mal Strom. An der Wehranlage in Hirten gibt es in einem Nebendurchlass auf der Südseite eine Kaplanturbine, die Strom ins öffentliche Netz einspeist.

Die Wehranlage gliedert sich in zwei Teile: Im rechten Winkel zum Fluss wurde das Stauwehr errichtet. Das Flusswasser kann über vier so genannte Schützen ablaufen. Seitlich davon, parallel zur Alz auf der Südseite, befindet sich eine Mauer mit acht Schützen vor dem „Beruhigungsbecken“ als Zulauf zum Alzkanal.

Der Hauptzulauf zum Kanal der Alzwerke besteht jedoch in zwei jeweils fünf Meter breiten Rohren (Düker), die unterirdisch das Wasser vom Caro-Werk (Oberlieger) zuführen. Vom Caro-Werk zur Anlage der Alzwerke gibt es einen Verbindungskanal. Die Düker liegen am Fuß der 76 Meter breiten Staumauer unter dem Flussbett. Dass ein Kanal unter einem Fluss hindurchgeleitet wird, ist nach Aussage von Alzwerke-Leiter Gerhard Wimmer selten in Deutschland.

Die Flusssohle liegt vor der Staumauer auf der Höhe von 415,40 Metern über dem Meer. Die Alzwerke müssen den Wasserstand auf 419 Meter über dem Meeresspiegel halten, was bisher immer gelang (siehe untenstehendes Interview). Das Wasserwirtschaftsamt überprüft den Pegelstand regelmäßig und unangemeldet. Auf diese 419 Meter oder einen Wasserstand von 3,60 Meter sind Wehranlage und Dämme ausgelegt, natürlich mit erheblicher Sicherheitsreserve.

Ein Fluss muss immer im Ganzen betrachtet werden, deswegen kann nicht nur für die Wehranlage oder das Dorf Hirten Vorsorge getroffen werden – die Behörden müssen auch an die Unterlieger denken. Würden die Alzwerke bei Hochwasser den Fluss einfach ablaufen lassen, könnte das die flussabwärts gelegenen Siedlungen in Gefahr bringen.

In den Neunzigerjahren handelten die Alzwerke mit dem bayerischen Umweltministerium eine variable Steuerung der bis dahin unflexibel vorgegebenen Restwassermenge aus. Das heißt: Ist viel Wasser im Fluss, dürfen die Alzwerke mehr entnehmen. Bei Niedrigwasser wird diese Mehrentnahme ausgeglichen. Abgerechnet wird auf den Kubikmeter genau.

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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