Vor 100 Jahren rauchte der erste Kamin

Karbidwerk in Hart wurde 1920 in Betrieb genommen – Heute AlzChem-Werk –Dokumentation des Garchinger Heimatbunds

Hart. Das Alztal war ein ruhiges Fleckchen Erde, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Industrialisierung Einzug hielt und sämtliche bisherigen Strukturen veränderte. Vor 100 Jahren rauchte im neuen Karbidwerk in Hart an der Alz erstmals der Kamin. Diesem Ereignis widmet der Heimatbund derzeit im Schaukasten an der Nikolausstraße eine Dokumentation in Text und Bild.

Dort, wo sich in Hart kurz vor den Zwanzigerjahren das Industriewerk ansiedelte, standen früher zwei Bauernanwesen: der „Steiner“ und der „Lehner“. Wie bereits dem Namen „Steiner am Hart“ abzuleiten ist, handelte es sich um einen steinigen Flecken „wo sich in trockenen Jahren im Haberfeld kaum ein Spatz verstecken konnte und im Kornfeld selbst kurz vor der Ernte die Hühner verhungert wären“, so die Aussage des damaligen Besitzers, dem Vater des späteren Garchinger Bürgermeisters und Altöttinger Landrates Hans Schimmelbauer. Letzterer hielt die Ansicht der „hölzenen Hiawa“ aus dem Jahr 1738 in einer Tuschezeichnung fest, die im Besitz des Garchinger Heimatbundes ist.

„Frank-Caro-Verfahren“ war die Voraussetzung
Das „Lehner-Anwesen“ beziehungsweise dessen Zuhäusl stand dort, wo sich heute die Pforte des Industriewerkes befindet. Für die Überlassung des kleinen Hofes soll ein guter Preis bezahlt worden sein, so dass sich die Besitzer wirtschaftlich verbessern konnten, wie aus den Erinnerungen einer ehemaligen, inzwischen verstorbenen Bewohnerin des Lehen-Zuhäusls hervorgeht.

Ausschlaggebend für die Errichtung eines Werkes der Bayerischen Stickstoffwerke AG in Hart war die Entwicklung eines Verfahrens, das es ermöglichte, Stickstoff aus der Luft an Karbid zu binden und somit Kalkstickstoff zu erzeugen. Hinter diesem Verfahren standen Dr. Adolf Frank und Dr. Nicodem Caro. Ihr „Verfahren zur Darstellung von Cyanverbindungen aus Carbiden“ wurde am 26. August 1896 mit der „Patentschrift des Kaiserlichen Patentamtes“ offiziell anerkannt. Dr. Nicodem Caro setzte sich sehr für die industrielle Nutzung dieses nach ihren Erfindern benannten „Frank-Caro-Verfahrens“ ein. Er gehörte 1907 zu den Mitbegründern der „Bayerischen Stickstoffwerke AG“ (BStW).

Zur erforderlichen Energiegewinnung für die Umsetzung dieses Verfahrens sollte die bis dahin ungenutzte Wasserkraft der Alz dienen. Bereits 1911 nahm das Werk in Trostberg seinen Betrieb auf. Im Jahr 1916, noch während des Ersten Weltkrieges, begannen auch die Arbeiten zum Bau des Kraftwerkes III bei Hirten. Bei den Bauarbeiten waren damals russische Kriegsgefangene eingesetzt, die in einem Lager am Garchinger Bahnhof untergebracht waren. Die „Bayerische Stickstoffwerke AG“ übertrug das Eigentum an den Anlagen in Hirten an die „Bayerische Kraftwerke AG“. Beide Unternehmen standen damals unter der Leitung von Dr. Nicodem Caro und wurden im Jahr 1939 schließlich zur „Süddeutschen Kalkstickstoffwerke AG“, bestens unter „SKW“ bekannt, vereinigt.

Der wichtige Rohstoff Karbid wurde ab der Inbetriebnahme des Werkes Hart hauptsächlich dort erzeugt. Sechs Karbidöfen zu jeweils 3000 kW wurden damals zur Produktion angefeuert. Bereits in den Jahren 1922 bis 1924 wurde das Harter Werk, bedingt durch den Verlust der oberschlesischen Stickstoffwerke in Königshütte an Polen, baulich erweitert. Anfänglich lief der Betrieb im neuen Werksteil mit sechs Karbidöfen á 10.000 kW, deren Leistung in den Folgejahren entsprechend dem Bedarf auf das Doppelte gesteigert wurde. Mitte der Fünfzigerjahre kam „Ofen 7“ als weltweit erster geschlossener Karbidofen hinzu. Obwohl sich die industrielle Landschaft im Werk Hart in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, ist „Carbid“, wie es auch oft geschrieben wird, immer noch ein Herzstück der dortigen Produktion.

Fabrik hat Entwicklung der Region geprägt
Die Freie Volksstimme Tagblatt für Stadt- und Landbezirk von Neu- und Altötting berichtete am 31. Januar 1920: „Im Kraftwerk Margarethenberg der bayerischen Stickstoffwerke ist nun eine Turbine in Betrieb, seit heute nachmittag etwa 4 Uhr raucht auch die von hier aus mit Strom versorgte Karbidfabrik am Hart bei Garching. Im Februar, so hört man, soll eine zweite und bald darauf eine dritte Turbine in Tätigkeit treten können. Hoffentlich wird für die nächste Umgebung genügend Strom abgegeben werden können, dann erträgt sich das Surren leichter, das sich ausnimmt, als ob ständig Flieger kreisen würden.“

Der Garchinger Heimatbund möchte mit seiner Dokumentation in seinem Schaukasten an der Nikolausstraße an ein Ereignis vor 100 Jahren erinnern, das richtungsweisend und prägend für die Entwicklung der Region und vor allem auch der Gemeinde Garching war. Der Rauch aus dem Kamin des Werkes Hart symbolisierte damals für das Alztal den Aufbruch ins Industriezeitalter.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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