Universalgenie als großer Förderer Burgkirchens

Gendorfs Werksleiter Dr. Karl Huttner prägt die Industriegemeinde bis heute – Vor 50 Jahren gestorben

Burgkirchen. Das heutige Ortsbild der Industriegemeinde geht weniger auf frühere Bürgermeister und Gemeinderäte zurück als auf Dr. Karl Huttner, der von 1953 bis 1964 das Werk Gendorf leitete. Obwohl er Entscheidendes für die örtliche Industrie vollbrachte, war damit seine schier unendliche Schaffenskraft noch lange nicht am Ende.

In Anbetracht der Vielfalt seines Wirkens liegt der Begriff „Universalgenie“ nahe. Übrigens ist Dr. Karl Huttner der einzige Werkleiter, der Ehrenbürger der Standortgemeinde wurde. 50 Jahre nach seinem Tod soll hier sein Schaffen insbesondere für die Entwicklung Burgkirchens in Erinnerung gebracht werden.

Das Engagement des an allem interessierten und weit voraus denkenden Dr. Karl Huttner ist eng mit dem Aufstieg Burgkirchens zur blühenden Industriegemeinde verbunden. 1953, nach Beendigung der US-Verwaltung, konnte er die Gesamtleitung der Anorgana Gendorf übernehmen, die damals noch um ihre Existenz kämpfen musste. Mit großer Tatkraft gelang es Dr. Karl Huttner , das Werk 1955 in die Hoechst AG einzugliedern und in eine Epoche des Ausbaus zu führen. Doch der Werkleiter blickte weit über das Industriegebiet hinaus und sah die vielen Aufgaben, die mit der Expansion des Werkes auf die Standortgemeinde zukamen. Daraus leitete er eine Verpflichtung des Werkes gegenüber seinem Umland ab.

Wer heute durch das Zentrum und über die Obere Terrasse von Burgkirchen geht, wandelt immer noch auf den Spuren des Ehrenbürgers. Dr. Karl Huttner war es wichtig, die Ortsentwicklung in geordnete Bahnen zu lenken. In seinen Notizen zur Ortschronik schrieb er: „In Gendorf wurde der Baueifer bald ungezügelt, Häuser wie Kraut und Rüben, Giebel nach Gutdünken! Die Unfähigkeit der örtlichen Planung hat das Werk veranlasst, für Ordnung zu sorgen, ein Ortsplaner legte die Straßen fest. Nun wächst der Ortsteil Gendorf nach einer spürbaren Einsicht.“

Auch über die Planung des neuen Friedhofs auf der Oberen Terrasse war Dr. Karl Huttner wenig erfreut und hielt in seinen Notizen fest: „Der Gemeinderat beschloss 1954, der Friedhof solle nahe beim alten und seiner Kirche sein, also nachbarlich dort oben am Hang. Zum besseren Rat war es zu spät. So ist der Friedhof nun in den wachsenden Ort gezwängt und gehört doch hinaus an seine Grenze geschoben. Die Gemeinde, das Pfarramt, sie kamen wohl gern um eine Hilfe zum Werk, gut raten wollten sie sich selber.“

„Explodierende“ Einwohnerzahl
Bis zum Jahr 1910 wuchs die Einwohnerzahl Burgkirchens nur geringfügig auf 559 Einwohner an. Der Kanalbau brachte vorübergehend mehr Menschen in den Ort, doch durch den Bau des Werkes Gendorf ab 1939 gab es einen dauerhaften Zuzug. 1939 waren 615 Einwohner in Burgkirchen registriert. Nachdem Zweiten Weltkrieg „explodierte“ die Einwohnerzahl geradezu: 1948 waren es schon 1385 Einwohner, 1952 dann 1655 und 1981 zählte man 8414.

Im Jahr 1955 wurde der Ortsteil Gendorf mit rund 600 Einwohnern von Emmerting nach Burgkirchen umgemeindet. Der Werkleiter sorgte sich um Wohnraum für seine Mitarbeiter, der nach seinem Wunsch in Burgkirchen entstehen sollte. Dr. Karl Huttner hielt in seinen Notizen fest, dass es der Wirt Martin Ofner war, der die ersten Grundstücke auf der Burgkirchner Alzseite hergab, zu beiden Seiten des Kanals. Dort wurden die ersten von der Bayerischen Landeswohnungsfürsorge, einer staatlichen Gesellschaft, finanzierten Häuser gebaut. Die insgesamt 48 Wohnungen mit 40 bis 50 Quadratmeter Wohnfläche, ohne Bad, waren begehrt. Im Jahr 1956 war die Siedlung um die Hoechster Straße mit 204 Wohnungen fertig und bezogen. Auch um die Bebauung der Oberen Terrasse ab 1957 kümmerte sich der Werkleiter. An der Südwand des Hauses Kastenstraße 4 entstand auf Wunsch Huttners ein Mosaik aus farbig gebrannten Keramikplatten. Das Bild zeigt Burgkirchen, wie es 1939 war; rechts unten ist der Ortsplan von 1964 zu sehen. Daneben die Inschrift: „Anno 1939 zählte Burgkirchen rund 400 Einwohner. Anno 1964 wohnten hier rund 4000.“ Urheber des Kunstwerks war Professor Günther Graßmann aus München, ein Freund Huttners, der auch eines seiner beiden Heimatbücher illustrierte. Mit Eifer kümmerte sich Dr. Karl Huttner um das Aussehen des entstehenden Ortes, redete bei der Planung der Ortsmitte kräftig mit und mischte sich beim Bau von Rathaus, Kirchen und Schulen ein. Er kümmerte sich um die Auswahl der Architekten, um die Gestaltung der Straßen und Plätze sowie um deren Benennung.

Dem damaligen Bürgermeister Engelbert Riebesmeier, Gemeindeoberhaupt von 1945 bis 1966, und den Gemeinderäten gefielen die Vorgaben aus dem Werk nicht immer. Aber sie mussten das Wechselspiel zwischen Geben und Nehmen akzeptieren, weil sie das Werk als Geldgeber bitter nötig hatten.

Ortsheimatpfleger Alois Remmelberger erzählt, dass die Gemeinderäte den neuen Platz im Zentrum „Dorfplatz“ taufen wollten, aber Dr. Karl Huttner 1959 den Namen „Max-Planck-Platz“ zur Erinnerung an den großen deutschen Physiker und Nobelpreisträger durchsetzte. Ähnlich lief es bei anderen Straßen in der Ortsmitte ab. Remmelberger verfasste zusammen mit Thomas Mitterer einen Beitrag über Dr. Karl Huttner im „Oettinger Land“ (2011).

Ferner sorgte Dr. Karl Huttner für Kunst am Bau. So wurde der Burghauser Bildhauer Hans Frank mit zahlreichen Arbeiten in Burgkirchen auf Wunsch Huttners beauftragt. Hans Frank schuf unter anderem die alte Frau (1960), den Christophorus (1965) und das Kriegerdenkmal (1963). Um ein Kunstwerk im Zentrum kümmerte sich der Werkleiter ebenfalls: 1964 wurde eine Skulptur mit dem Relief des gelehrten Kopfes von Max Planck auf der einen und dem Alchemisten auf der anderen Seite vor dem Rathaus aufgestellt. Die Figur hält als Zeichen der chemischen Industrie eine Retorte in den Händen. Ortsheimatpfleger Remmelberger geht davon aus, dass die Retorte 1956 unter Mitwirkung des Werkleiters in das Burgkirchner Gemeindewappen aufgenommen wurde.

Seiner Zeit weit voraus
Der Visionär Huttner machte sich auch Gedanken über ein Altenheim und eine Altensiedlung für Ehepaare, die ihre Hauswirtschaft noch selbst betreiben möchten. Für dieses Vorhaben stiftete die Hoechst AG auf den Vorschlag des Werkleiters 200000 DM. Daraus entnahm Dr. Karl Huttner 1964 freimütig 30000 DM, um den Bau des Kindergartens in Gendorf zu unterstützen. Der Anstoß zum Bau des Burgkirchner Schwimmbades 1964 kam ebenfalls vom umtriebigen Werkleiter.

Kultur war ein besonderes Anliegen Huttners. So förderte er die Ortsvereine und insbesondere die Volksmusikgruppe Groß, die auf sein Zutun 1959 entstanden war. Viele Kammermusik-Abende arrangierte das Werk Gendorf, zum Beispiel im Kurfürst-Maximilian-Gymnasium Burghausen. Auch die Förderung des Werkorchesters und des Werkchors war Dr. Karl Huttner ein Anliegen.

Am 14. April 1970 verstarb der große Förderer Burgkirchens im Alter von 71 Jahren. Er wurde in München beigesetzt, wo er geboren worden war und studiert hatte.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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