Ökologisch wertvoll: Neues Altwasser an der Alz geschaffen

5. Mai 2021

Verein „Naturnahe Alz“ mit acht Chemiedreiecks-Unternehmen ließ den Fluss ein Stück weit in seinen Urzustand zurückversetzen – Hauptversammlung mit Wahlen

Burgkirchen. Acht Unternehmen aus dem Chemiedreieck haben sich im Jahr 2015 zum Verein „Naturnahe Alz“ zusammengeschlossen. Ziel dieser Initiative war und ist es, den Freistaat Bayern bei der Renaturierung der Alz zu unterstützen und das Ökosystem nachhaltig zu stärken.

Vereinsmitglieder sind: Archroma Germany GmbH, Clariant Produkte (Deutschland) GmbH, Dyneon GmbH, InfraServ GmbH & Co. Gendorf KG, Global Amines Germany GmbH, Hamburger Rieger GmbH & Co. KG, Vinnolit GmbH & Co. KG, Wacker Chemie AG.

Unlängst fand virtuell eine Jahreshauptversammlung mit Wahlen statt. Das Ergebnis der Vorstandswahl: Erster Vorsitzender Dr. Christoph von Reden, Zweiter Vorsitzender Dr. Peter von Zumbusch, Schriftführer & Kassierer Dr. Andreas Fischbach.

Im Beirat des Vereins Naturnahe Alz sitzen Experten von Behörden, aus Politik und Wissenschaft sowie Umweltorganisationen. Sie beraten den Vorstand und die Vereinsmitglieder, geben Empfehlungen und wirken so an den Entscheidungen und den Projekten des Vereins mit. In den Beirat gewählt wurden: Walter Raith (Wasserwirtschaftsamt Traunstein), Dr. Stefan Fach (Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz), Gerhard Merches (Bund Naturschutz Altötting), Sabine Finster (Landschaftspflegeverband).

Da die „Naturnahe Alz“ e.V. kein normales Vereinsleben hat, kam dieser Verein in der Berichterstattung seit 2015 relativ selten vor. Dennoch spielt die „Naturnahe Alz“ e.V. eine wichtige Rolle. Die Bedeutung ist durchaus daran zu messen, wie viel Geld der Verein seit der Gründung in die Renaturierung der Alz investiert hat. Insgesamt hat der Verein in die Umsetzung der unterschiedlichen Maßnahmen an der Alz bisher fast 200000 Euro investiert, wie Tilo Rosenberger-Süß, Leiter Unternehmenskommunikation der InfraServ, mitteilt.

Seit der Regulierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Alz starke Veränderungen erfahren: Begradigungen, Dämme für den Hochwasserschutz, Trockenlegungen von Auen und industrielle Nutzung – die menschlichen Eingriffe haben dem Fluss viel von seiner Ursprünglichkeit und natürlichen Qualität genommen.

Das Wasserwirtschaftsamt Traunstein erarbeitete mit Blick auf die Europäische Wasserrahmenrichtlinie ein Konzept zur Förderung der Alz mit Maßnahmen zur Renaturierung. Jahrelang lag das Konzept in der Schublade der Behörde und konnte aufgrund der Kosten nicht in Angriff genommen werden. Für einen Umschwung sorgte die Chemie-Katastrophe im März 2013. Das damalige Fischsterben war nicht zuletzt auf fehlende Fluchtmöglichkeiten zurückzuführen.

„Alte Wunden heilen“
Die acht Gründer-Unternehmen des Vereins „Naturnahe Alz“ setzten sich gemeinsam für die nachhaltige Renaturierung der Alz ein. In enger Abstimmung mit dem Wasserwirtschaftsamt Traunstein finanzierte der Verein entsprechende Maßnahmen im Abschnitt von Trostberg bis zur Mündung in den Inn.

„Wir können zwar als Nutznießer der Alz den Fluss nicht völlig unberührt lassen. Denn Gemeinden wie Unternehmen sind auf sein Wasser angewiesen. Aber wir können verantwortungsvoll mit der Alz umgehen und alte Wunden heilen“, erklärte bei der Vereinsgründung der ehemalige Vorsitzende Dr. Bernhard Langhammer.

Zu den Maßnahmen der Renaturierung zählten unter anderem der Rückbau von Uferverbauungen, die Ausbildung von Altarmen sowie die Herstellung von Strukturen im Gewässerbett.

Neu angelegtes Altwasser ist also als ökologisch wertvoll zu betrachten.

Das Einbringen von Totholz, sei es in Form von Wurzelstöcken, ganzen Baumstämmen inklusive Astwerk (so genannten Raubäumen) oder Treibholzrechen, bringt eine Reihe von Vorteilen: Totholz im Flussbett schafft Strukturen als Unterstand und Rückzugsraum für Fische aller Altersklassen, dient als Lebensraum für Wasserinsekten und andere Fischnährtiere, führt zu Kiesumlagerungen nach Hochwässern und schafft damit Laichplätze für Fische.

Laichplätze für Fische
Die Neubildung von Kiesbänken und Kiesumlagerung durch die Beseitigung von Uferbefestigungen und Begradigungen schafft Laichplätze für Kieslaicher. Geschiebe ist ein unverzichtbares Element des Fließgewässer-Ökosystems. Es bildet die Flusssohle aus und trägt wesentlich zu deren Stabilität bei. Fehlendes Geschiebe in Fließstrecken führt zur Eintiefung des Flusses mit all ihren negativen Auswirkungen auf das Grundwasser und die Auen. In seinen unterschiedlichen Ausprägungen ist es ein wichtiger Lebensraum für die charakteristische Fauna und Flora, insbesondere für Fische.

Als Kiesbank, Schüttkegel in Flussmündungen oder Kiesufer abgelagert, ist es eine charakteristische Struktur aller naturnahen Fließgewässer vom reißenden Bergbach bis zum trägen Flachlandstrom. Die Begradigung von Fließgewässern wie der Alz führte zur Erhöhung der Fließgeschwindigkeit und zum beschleunigten Abtransport des Sohlenmaterials. Sie machten Ufer- und Sohlsicherungen notwendig, die Einträge von Geschiebe durch Erosion verhindern und den Geschiebetransport reduzieren.

Gezielt eingebrachte „Störsteine“ brechen die Strömung des Flusses bei Hochwasser und bieten Unterstände für Fische. Ein Störstein ist ein Flussstein zur Förderung der Eigendynamik des Gewässers, zur Sauerstoffanreicherung und als Totholzfänger.

Störsteine werden im Rahmen von Renaturalisierungsmaßnahmen mit dem Ziel, Gewässer wieder in einen guten, ökologischen Zustand zurückzuführen, künstlich in ein Flussbett gesetzt. Die Schaffung von mehr Strömungsvielfalt durch Störsteine führt im Idealfall zu einer abwechslungsreicheren Sohlenstruktur.

Führungen für Kinder
„Kleine Forscher entdecken die Alz.“ Unter diesem Motto können Kindergartenkinder die heimische Flora und Fauna in und am Lebensraum Fluss kennenlernen. In Zusammenarbeit mit dem Verein der Natur- und Landschaftsführer veranstaltet die „Naturnahe Alz“ e.V. ein Mal im Jahr eine Exkursion an die Alz mit Kindergartenkindern aus den Alzgemeinden. Unter fachkundiger Anleitung können die „kleinen Alzforscher“ die Vielfalt im und am Wasser entdecken, dürfen selbst Arten bestimmen und erfahren viel über die Natur und Umwelt an den Gewässern ihrer Heimat.

Rund 50 Vorschulkinder aus umliegenden Kindergärten hat der Verein bislang mit auf die Exkursionen genommen. Die ausgebildete Natur- und Landschaftsführerin Monika Hager übernahm die Führungen für die Kinder. Die letzte Veranstaltung für Kinder war im Jahr 2019, da 2020 und 2021 coronabedingt die Entdeckungstouren unterbleiben mussten.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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