Neuer Chemtronik-Studiengang am Campus Burghausen: Moleküle „werden“ Bits und Bytes

Chemische Industrie im ChemDelta Bavaria setzt große Hoffnungen auf den neuen Studiengang zum Chemtronik-Ingenieur

Burghausen. Eigentlich bräuchte man sie bereits und zwar ganz dringend. Das ist, salopp formuliert, das Fazit einer kurzen Umfrage in der Chemischen Industrie der Region zum neuen Berufsbild der Chemtroniker. Nach den guten Erfahrungen mit dem neuen Studiengang des Chemieingenieurs wagt der Campus Burghausen als Teil der TH Rosenheim gemeinsam mit der Standort-Industrie im Bayerischen Chemiedreieck eine neue Pionierleistung: Ab dem Wintersemester gibt es den Studiengang Chemtronik.

Und ausgerechnet die Corona-Pandemie, die fast allen Branchen Probleme bereitet, befeuert den Bedarf nach dem neuen Berufsbild, das allerdings seit Jahren in Vorbereitung ist: „Wir haben nicht nur sehr kurzfristig auf die neuen Sicherheitsanforderungen reagiert und viele Mitarbeiter ins Home-Office geschickt,“ erklärt Dr. Gerhard Wagner, Chef der OMV Deutschland und zugleich Europas größter Spezialitäten-Raffinerie.

Auf Erdölbasis stellt sie viele Grundstoffe für die Chemische und Pharmazeutische Industrie und damit den modernen Alltag her – darunter auch wesentliche Bestandteile effizienter Schutzmasken gegen Corona-Infektionen. In Summe hat sich außerdem die Chemische Industrie im Vergleich zu anderen Branchen in der aktuellen Krise als weitgehend stabil und sogar als systemtragend erwiesen.

Zugleich fiel quasi von einem Tag zum anderen die Nachfrage nach Flugturbinen-Treibstoff. Allein am Flughafen München nahm die Zahl der Flüge zeitweilig um 90 Prozent ab. Und die Raffinerie in Burghausen deckt rund 50 Prozent des Treibstoffbedarfs in München.

Für das Management der Raffinerie bedeutet der abrupte Wechsel in der Nachfrage ein möglichst schnelles Umstellen der Produktion und damit eine effiziente Reaktion der Prozessleittechnik. Home-Office und enorme Flexibilität in der Produktion, das ist ohne leistungsfähige IT und ein solides Verständnis der Akteure für die chemischen Prozesse nicht zu leisten. Hier entfaltet sich bereits jetzt ein weites Tätigkeitsfeld für Chemtroniker.

Und die Entwicklung geht weiter, denn längst werden viele Prozesse der Stoffumwandlung vor einem Versuch in einem klassischen Labor erst mal in einem Computermodell simuliert. Salopp formuliert: Moleküle „werden“ Bits und Bytes. Hochkomplexe Prozesse in großtechnischen Anlagen werden über Hunderttausende von Daten kontinuierlich erfasst und gesteuert.

„Hierin besteht außerdem ein wichtiger Hebel, um die Produktion am Standort wettbewerbsfähig zu halten“, sagt Dr. Bernhard Langhammer, Leiter der InfraServ Gendorf zu den Herausforderungen. Die Prozesse und Reaktionen an sich sind zum Teil seit Jahrzehnten bekannt und bewährt, aber nur durch eine ständige Verbesserung in den Abläufen – ökonomisch und ökologisch betrachtet – können die deutschen Standorte sich im globalen Wettbewerb behaupten.

Die Praktiker aus der chemischen Industrie sind sich allerdings bewusst, dass sie keinen alleinigen Anspruch auf die kommenden Chemtroniker haben werden: Denn ein breites Wissen in der Stoffumwandlung, verknüpft mit Prozess- und Steuerungstechnik, zunehmend auch mit künstlicher Intelligenz, werden auch in einem breiten Branchenumfeld von Brauereien über Lebensmittel-Industrie bis hin zu Wertschöpfungsketten ganz allgemein und technischen Dienstleistern im Mittelstand nachgefragt.

Auch im wachsenden Trend der „Green Chemistry“ auf Basis nachwachsender Rohstoffe werde man zunehmend Chemtroniker brauchen, erklärt Dr. Mickael Planasch, Engineering-Leiter der InfraServ Gendorf.

Dennoch ist die Chemische Industrie dabei, sich einen Vorsprung zu verschaffen: „Wir arbeiten an einem Konzept, um angehende Chemtroniker mit einem Stipendium zu unterstützen“, sagt Dr. Gerhard Wagner, nicht Chef der OMV-Raffinerie, sondern auch neuer Vorsitzender im Lenkungskreis der Initiative ChemDelta Bavaria.

Gute Resonanz hat mittlerweile das Engagement der Studierenden am Campus Burghausen gefunden. Sowohl die OMV wie auch Wacker und InfraServ Gendorf bieten Praktika und über diese Praktika den Einstieg ins Berufsleben.

Aber auch ein Aufstieg aus dem Team sei möglich, ergänzt Dr. Wagner und auch Dr. Mickael Planasch von der ISG – wenn zum Beispiel Praktiker aus den Unternehmen sich weiter qualifizieren wollen. Gerade erfolgreiche Auszubildende aus den DBFH-Programmen, die im Elitemodell der Altöttinger Berufsschule einen gewerblichen Abschluss als Chemikant oder Elektroniker parallel zur Studienberechtigung erworben haben, bringen beste Voraussetzungen mit.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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