Mit Stickstoff aus der Luft kam die Industriealisierung

Vor etwa 100 Jahren begann ein neues Zeitalter im Alztal

Unterneukirchen. Vor rund 100 Jahren hat eine neue Ära an der Alz begonnen, das Zeitalter der Industrie. Grundlage dafür war die Elektrizitätsgewinnung aus der Wasserkraft.

Im Jahr 1906 erschien die Denkschrift: „Die projektierte Ausnützung der Wasserkräfte der Alz“;dort heißt es unter anderem: „Die Alz, ein Fluß, der erst seit kurzem entdeckt worden ist und der heute in aller Welt genannt wird, weil er dazu dienen soll, die Kraft für eine Werkanlage zu schaffen, die dem Staate (...) gr0ße Einnahmen zu bringen verspricht, der Landwirtschaft unberechenbaren Nutzen durch die Herstellung eines Stickstoffdüngers wird schaffen helfen...“ Verlockend war dabei das tiefe Gefälle vom Chiemsee bis zur Mündung in den Inn mit 164 Metern auf einer Strecke von 63 Kilometer.

Die Voraussetzung für die großen Pläne bildete „Stickstoff aus der Luft“, nach dem Verfahren der Chemiker Prof. Dr. Adolph Frank und Prof. Dr.Dr. Nikodem Caro, später Ehrenbürger der Gemeinde Garching/Alz. Durch ihre Entdeckung, den Stickstoff aus der Luft mit Karbidstaub zu binden, konnten die kostspieligen Einfuhren von Chilesalpeter (Natriumnitrat) vollständig ersetzt werden.

1908, vor 112 Jahren, wurde die Konzession zum Bau der Kraftwerke Trostberg und Tacherting an die Bayerischen Stickstoffwerke AG erteilt. Von 1908 bis 1910 errichteten die Bayerischen Stickstoffwerke die Alzstufe I in Trostberg und die Alzstufe II in Tacherting. In den Jahren 1916 bis 1919 folgte die Alzstufe III auf Höhe Margarethenberg. Das Kraftwerk liegt heute im Gebiet der Gemeinde Unterneukirchen. Und alle drei Kraftwerke gehören heute der Alzkraftwerke Heider GmbH.

Etwas später als für die Errichtung des Wasserkraftwerks III geschehen, wurde der Alzkanal in Richtung Burghausen weitergebaut. Dieser vierte Abschnitt gehört den Alzwerken der Wacker-Chemie. In den beiden Hauptbaujahren 1921/23 des vierten Kanal-Abschnitts waren insgesamt über 3000 Arbeiter beschäftigt, für die 35 Wohnbaracken errichtet wurden. Zusätzlich wurde in Burgkirchen ein Baubüro in Betrieb genommen.

Vor 100 Jahren, im März 1920, ging die Karbidfabrik Hart/Alz in Betrieb. Bei Beginn der Produktion lieferte die Anlage mit sechs Öfen zu je 3000 kW eine durchschnittliche Tagesleistung von 120 Tonnen Karbid. Die Energie dafür kam vom Caro-Werk, der Alzstufe III. Während im Ausleitungskraftwerk Trostberg nur eine Fallhöhe von sechs Metern genutzt werden kann, sind es in Schalchen 18 Höhenmeter, beim Caro-Werk jedoch 39 Höhenmeter, die das Wasser bei seinem Sturz vom Oberwasserkanal in den Unterstrom zurücklegt.

Nikodem Caro wurde am 26. Mai 1871 in Lodz geboren. In seiner jüdischen Familie spielte die Religion eine große Rolle. Der Großvater war Oberrabbiner und auch der Vater hatte eine Rabbinerausbildung absolviert. Nach dem Abitur mit 17 Jahren studierte Nikodem Caro Natur- und Ingenieurwissenschaften, um bereits mit 21 Jahren an der Universität Rostock zu promovieren. Drei Jahre später erhielt er zusammen mit Adoph Frank ein Patent über die Anlagerung von Stickstoff an Carbide, das die Voraussetzung für die spätere Kalkstickstoff-Produktion werden sollte.

Gemeinsam mit Frank und Rothe sowie mit den Firmen Siemens-Halske, Degussa und der Deutschen Bank gründete Nikodem Caro 1899 die Cyanid-Gesellschaft. Dies alles war die Voraussetzung für die spätere Bayerische Stickstoffwerke AG, die Süddeutsche Kalkstickstoff-Werke AG bzw. SKW Trostberg AG.

1933 verließ Nikodem Caro Deutschland wegen der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Am 27. Juni 1935 starb er in Rom.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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