InfraServ Gendorf: Viel mehr als nur Lizenz zum Löschen

13. März 2021

Positive Bilanz bei der ISG im größten Chemiepark Bayerns zur Ausbildung von Werkfeuerwehrleuten

Burgkirchen. Der Pilotversuch hat sich gelohnt und gut bewährt. Vor zehn Jahren wagte die InfraServ GmbH & Co. Gendorf KG (ISG), Betreiber des Chemieparks Gendorf, im Kreis Altötting, des größten Chemieparks in Bayern, als erstes Unternehmen in Bayern den Einstieg in die Ausbildung von Werkfeuerwehrleuten. Mittlerweile haben rund 20 junge Absolventen diese anspruchsvolle dreijährige Ausbildung erfolgreich abgeschlossen – der Großteil von ihnen unterstützt jetzt die knapp 60-köpfige Mannschaft der ISG-Werkfeuerwehr am Standort.

„Wir haben es damit geschafft, bei uns in der Werkfeuerwehr einen sehr jungen Altersschnitt bei gleichzeitig hohem Ausbildungsniveau und Erfahrungsstand zu erreichen“, bilanzieren Martin Siebert, bis Ende des vergangenen Jahres Leiter der Werksicherheit und nun im Ruhestand, sowie Alfred Kronwitter, Leiter der Werkfeuerwehr. Im Landkreis Altötting gibt es rund 150 Werkfeuerwehrleute an den Standorten Burgkirchen und Burghausen.

Im Kreis Traunstein hat die AlzChem in Trostberg eine eigene Werkfeuerwehr, die allerdings nicht ausschließlich von hauptberuflichen Feuerwehrleuten, sondern im Ernstfall auch von zusätzlichen Kräften aus dem Werk getragen wird. Eine gemeinsame Werkfeuerwehr haben auch die BSH und der Siteco-Standort in Traunreut. Betriebsfeuerwehren gibt es darüber hinaus am AlzChem-Standort Hart sowie an den Gießerei- und Maschinenbaustandorten EWD in Altötting und Alzmetall in Altenmarkt, aber auch im Werk Aschau im Kreis Mühldorf.

Für Know-how-Transfer mit diesen Wehren sei man stets offen, sagt Martin Siebert. Auch mit den Freiwilligen Feuerwehren im weiten Umkreis gibt es seit langem gemeinsame Übungen und Erfahrungsaustausch. Auch mit Kollegen und Kolleginnen aus dem nahen Österreich, ergänzt Alfred Kronwitter. Nicht zuletzt, weil zum Beispiel Transportrouten durch das angrenzende Innviertel führen. Aber auch, weil man vom Erfahrungsaustausch und pragmatischen Löschungsansätzen der Nachbarn profitiert.

Inzwischen werden in Gendorf auch Nachwuchskräfte für die benachbarten Standorte der Wacker Chemie und der OMV in Burghausen ausgebildet. Mussten die ersten Jahrgänge zunächst noch nach Hessen in die Berufsschule fahren, so gibt es seit 2012 eine eigene Berufsschule in Freising.

Dort treffen die angehenden Werkfeuerwehrmänner aus dem Chemiedreieck auch ihre jungen Kollegen der Werkfeuerwehr von Audi Ingolstadt und vom Flughafen München, die inzwischen dem Beispiel der Gendorfer folgen, und an ihren Standorten eigene Fachkräfte im Feuerschutz ausbilden.

Trotz der hochwertigen Ausbildung und der zugleich hohen Nachfrage nach den Fachkräften, zum Beispiel bei den Berufsfeuerwehren in den Großstädten, ist die Fluktuation in Gendorf gering. Der Standort bietet den jungen Leuten eine Perspektive. Mit der Weiterbildung zum Industriemeister der IHK in Fachrichtung Brandschutz steht der Einstieg in den gehobenen Feuerwehrdienst offen.

Neben der Ausbildung über den jungen Lehrberuf gibt es an allen Chemiestandorten noch den klassischen Einstieg in die Werkfeuerwehren, aufbauend auf eine klassische Berufsausbildung und Zusatzausbildung in den Werkfeuerwehren – Fitness und Gesundheit vorausgesetzt.

Auch der Leiter der Werkfeuerwehr in Gendorf, Alfred Kronwitter hat diesen klassischen Hintergrund. Er erlernte zunächst Heizungsbauer und sattelte später auf Krankenpfleger um, bevor er sich bei der Werkfeuerwehr bewarb und dann zusätzlich auch noch an anderen Chemiestandorten Erfahrungen sammelte.

Die Ausbildung zum Werkfeuerwehrmann hat es in sich: Sie erhalten eine vielfältige Grundausbildung in den Berufen wie Schlosser, Heizungsbau- und Installateur, E-Technik und Zimmerei und werden zusätzlich als Rettungssanitäter ausgebildet.

Dazu kommen natürlich die feuerwehrspezifischen Kenntnisse und sicherer Umgang mit moderner IT, denn alle Fahrzeuge der Werkfeuerwehr am Standort sind mit einem IT-basierten Einsatzinformationssystem (EIS) ausgerüstet, um die anrückenden Mannschaften sofort mit allen Informationen zum Einsatzort zu versorgen. Was wird verarbeitet? Wo sind Leitungen? Welche Besonderheiten sind zu beachten? Wo gibt es Gefahrenquellen?

Die schlagkräftigen und rund um die Uhr einsatzbereiten Feuerwehren an den drei Chemiestandorten im Landkreis Altötting sind ein wesentlicher Teil des Sicherheitsmanagements im Bayerischen Chemiedreiecks, das auch außerhalb der jeweiligen Werkgelände zum Tragen kommt.

Die Rettungswagen aus dem Chemiepark Gendorf rücken zum Beispiel auch für Einsätze im näheren Umgriff von Burgkirchen aus, wenn sie schneller am Unglücksort sind und so Leben retten können. Das passiere in der Regel so 200 bis 250 mal im Jahr, erklärt Martin Siebert.

Auch zu Brandeinsätzen oder Transportunfällen werden die Spezialisten aus Gendorf gerufen, wenn dadurch Zeit gewonnen oder spezielle Sachkenntnisse im Umgang mit Gefahrstoffen gefordert wird. Je nachdem werden die Gendorfer so im Schnitt fünf bis sechs Mal im Jahr hinzugezogen, zu Einsätzen im TUIS*-Alarmsystem im Schnitt bis zu 20 mal im Jahr. Dabei kann sich das Einsatzgebiet bis ins Österreichische erstrecken.

Die Bewerbungskriterien für die jungen Leute, die sich für den Ausbildungsberuf Werkfeuerwehrmann/-frau interessieren, sind formell nicht allzu hoch, de facto aber doch anspruchsvoll. Eigentlich genügt ein „Quali“, besser wäre noch ein mittlerer Bildungsabschluss und in jedem Fall hohe körperliche Fitness. Diese Fitness und auch Kraft entscheiden mit dem Aufnahmetest bei der BIT Gendorf über die Zulassung. Und – mindestens sechzehneinhalb Jahre müssen die jungen Leute alt sein, denn dieses Alter ist die Voraussetzung in die Ausbildung zum Lkw-Führerschein, der ebenfalls im Ausbildungsprogramm enthalten ist.

Für Mädchen gelten die gleichen Einstellungsvoraussetzungen im Sporttest wie für Jungen. Wer die Aufnahme und Ausbildung schafft und sich dann zum Industriemeister weiterbildet, hat damit auch das Äquivalent zur Fachhochschulreife und damit Studienberechtigung.

So wie inzwischen die Ausbildung zu hochqualifizierten Werkfeuerwehrleuten auch für andere Unternehmen angeboten wird, leisten die Fachkräfte aus dem Werk Gendorf inzwischen auch einen Know-how-Transfer für Aktive der Freiwilligen Feuerwehren. Das bayerische Innenministerium hat die Zulassung für Kurse bis zu den Zugführern erteilt.

In der Praxis werden aber vor allem nur Kurse für Gruppenführer nachgefragt, denn die Kurse in Gendorf, für die auch ein modernes Ausbildungs- und Übungszentrum in der Keltenhalle, ehemals für den Eissport gebaut, zur Verfügung steht, müssen von den Gemeinden bezahlt werden. Kurse an den staatlichen Feuerwehrschulen sind hingegen für die Gemeinde frei, aber oft überbucht und nicht zum Wunschtermin von Freiwilligen Feuerwehren aus den einzelnen Gemeinden erreichbar. Und was auch oft übersehen wird: Die Gemeinden müssen den Verdienst- oder je nach Sichtweise Arbeitsausfall der sich weiterbildenden Aktiven der Freiwilligen Wehren bezahlen.

„Wir haben auf diese Situation reagiert und bieten Kurse, vor allem für Gruppenführer an Abenden und an Samstagen an, dass die Aktiven der Freiwilligen Feuerwehren bei ihren Arbeitgebern nicht extra um Freistellung nachsuchen müssen und halten die Kosten auf dem Niveau, die dem Lohnausfall der Bewerber entsprechen. Denn die müssten bei den Staatlichen Feuerwehrschulen in Regensburg oder Geretsried sonst von den Gemeinden getragen werden“, sagt Martin Siebert. In den Kreisen Altötting und Traunstein habe sich dieses Modell inzwischen sehr gut bewährt.

Weitere Infos im Internet: https://bit-gendorf.de/Ausbildung/Werkfeuerwehrleute  und auch: www.wfvd.de

* TUIS: Die Abkürzung steht für 130 Chemie-Werkfeuerwehren und Spezialisten und 365 Tage Einsatzbereitschaft. TUIS, das Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem der chemischen Industrie bietet öffentlichen Feuerwehren und Polizei bundesweit Unterstützung bei Transport- und Lagerunfällen mit Chemikalien.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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