InfraServ Gendorf: Neuer Chef in kritischer Zeit

Dr. Christoph von Reden: Mit jedem Tag im Chemiepark fühle ich mich in meiner Entscheidung bestätigt

Burgkirchen. Seit 1. Juli hat der Industriedienstleister und Betreiber des größten Chemieparks in Bayern, die InfraServ GmbH & Co. Gendorf KG (ISG), einen neuen Geschäftsleiter. Zum 1. September hat Dr. Christoph von Reden (55), promovierter Chemie-Ingenieur, den Vorsitz in der Geschäftsleitung übernommen. Sein Vorgänger, Dr. Bernhard Langhammer, wird mit Ende des Jahres nach 14 Jahren in der Verantwortung ausscheiden und in den Ruhestand wechseln. Im Chemiepark Gendorf sind rund 35 Unternehmen mit insgesamt über 4000 Arbeitsplätzen beheimatet. Heimatwirtschaft berichtete bereits und stellte Dr. von Reden bereits in einem kurzen Portrait vor.

Herr Dr. von Reden, die ersten 100 Tage in der Geschäftsleitung von InfraServ und am Standort Gendorf sind bereits verstrichen. Haben Sie ihren Entschluss, aus Duisburg nach Gendorf, ins Bayerische Chemiedreieck im Voralpenland zu wechseln bereits bereut?
Dr. Christoph von Reden (lacht): Nein, ganz und gar nicht. Und mit jedem Tag im Chemiepark fühle ich mich in meiner Entscheidung bestätigt und habe jeden Tag hier genossen. Außerdem ist mir ein beruflicher Wechsel nicht fremd.

Wird denn Ihre Familie auch den Wohnsitz und Lebensmittelpunkt in die Region verlegen?
Dr. von Reden: Ja, das heißt zum Teil. Wir haben bereits eine recht nette Wohnung in Burghausen gefunden. Meine Frau wird nachkommen, sobald wir unser Haus in Duisburg verkauft haben. Unsere beiden Töchter sind bereits im Studium und werden natürlich an ihren Studienorten bleiben. Auch unser Sohn wird seine Ausbildung im IT-Bereich fortsetzen. Aber die Familie hat sich in der neuen Heimat bereits umgesehen und ist recht angetan, auch vom hohen Freizeitwert.

Sie sind ja leidenschaftlicher Motorradfahrer...
Dr. von Reden: Ja, das stimmt. Hat aber leider die Folge, dass es mit dem Skifahren in den Bergen nichts wird. Dafür hat mal ein Motorradunfall gesorgt.

Nun gehen Sie nicht gerade in einfachen Zeiten in eine neue Verantwortung. Als Sie Ihre Entscheidung getroffen haben, nach Gendorf zu wechseln, war von Covid, Corona oder Pandemie keine Rede. Und jetzt?
Dr. von Reden: So herausfordernd die Pandemie für uns alle ist, sie hätte aber keinen Einfluss auf meine Entscheidung gehabt, in den Chemiepark Gendorf zu wechseln und führt auch jetzt nicht zu Überlegungen wie ach hätt‘ ich doch nicht. Ich habe gesehen, dass man hier am Standort sehr verantwortungsvoll und professionell mit dem Thema, vor allem auch mit den Herausforderungen in punkto Sicherheit für die Mitarbeiter und Anpassung in Produktion und Dienstleistung umgeht. Das gilt übrigens auch für die Arbeit in den technischen Bereichen am Standort; da konnte ich mich zuletzt bei einer Großabstellung überzeugen.

Und Kurzarbeit?
Dr. von Reden: Zu den einzelnen Unternehmen im Chemiepark kann ich Ihnen keine Zahlen nennen. Aber bei InfraServ Gendorf sind im Augenblick nur noch 20 Mitarbeiter in Kurzarbeit – im Frühjahr waren es kurzfristig 130 Mitarbeiter. Wir orientieren uns hier nahe am Markt, aber auch an den Möglichkeiten. So im Trend kann ich Ihnen sagen, dass die Standortunternehmen in der ganzen Bandbreite betroffen sind, manche stärker, manche weniger.

Befürchten Sie auch Existenzgefährdungen?
Dr. von Reden: Nein, das nicht. Die meisten Unternehmen sind weltweit aufgestellt. Und in diesem Reigen und Wettbewerb hat sich Gendorf bereits in der Vergangenheit gut positioniert und behauptet. Diese Position sehe ich auch aktuell gegeben und wir werden daran arbeiten, dass das so bleibt.

Für den Industriedienstleister InfraServ gab es immer wieder die Fragestellung, eher interner Dienstleister oder auch einen aggressiven Auftritt in Richtung externe Märkte zu wagen, also in jeden Fall auch außerhalb des Chemieparks?
Dr. von Reden: Tatsächlich hat sich in der Wirkungszeit von Dr. Langhammer die Strategie von ISG stark geschärft. Im Unterschied zu den ersten Jahren nach der Gründung von InfraServ, in denen man vieles ausprobierte, wollen wir uns heute klar auf das konzentrieren, was wir am besten können: Und das ist der Standortbetrieb im Chemiepark und sind Dienstleistungen für die im Bayerischen Chemiedreieck ansässigen Chemieunternehmen.
Was den Chemiepark-Betrieb betrifft, bedeutet das angesichts unserer internationalen Standortunternehmen eine große Herausforderung. Denn damit stehen wir direkt automatisch im weltweiten Wettbewerb ohne es selbst zu sehen. Als Standortbetreiber setzen wir natürlich alles daran, dass Investitionsentscheidungen unserer hier angesiedelten Unternehmen für Gendorf fallen. Dafür wollen wir beste Voraussetzungen schaffen. In den vergangenen 20 Jahren wurde hier aber gute Arbeit geleistet – das zeigen auch die vielen Investitionen unserer Kunden. Das ist aber nur ein Aspekt: Denn mit unserem Know-how im Service für die chemische Industrie treten wir natürlich auch für unsere Nachbarn im Chemiedreieck als Anbieter auf. Und die guten Beziehungen wollen wir weiter festigen.

Kurz auf einen Nenner gebracht?
Dr. von Reden: Wichtig ist, was den Standort Gendorf weiterbringt. Kunden und Partner sollen überzeugt sein: am liebsten machen wir unser Projekt im Chemiepark und mit InfraServ Gendorf als bevorzugtem Dienstleister.

Und mit Blick auf die Bildungsakademie BIT Gendorf?
Dr. von Reden: Auch diese spielt dabei eine Rolle. Mit der Bildungsakademie hat der Standort und hat ISG einen echten Trumpf, der übrigens auf die gesamte Region abstrahlt. Wir bilden nämlich nicht nur für die Unternehmen im Chemiepark aus, sondern auch für benachbarte Chemieunternehmen, zum Beispiel die angehenden Werkfeuerwehrleute für Wacker und die OMV in Burghausen. Oder die ganze Bandbreite an technischen Berufen für viele Mittelständler im weiten Umkreis. Die BIT Gendorf sehe ich daher als einen Glücksfall für die Unternehmen in der Region – übrigens, auch was das Angebot der hochwertigen IT-Ausbildung betrifft. Die steigenden Anforderungen an Produktion und Anlagenbetrieb gelten auch in der Ausbildung. Da heißt es nicht nur Schritt halten, sondern voran gehen.

Mit Blick auf eine Ausbildung im naturwissenschaftlichen Berufen, oder überhaupt mit Fokus auf ein Interesse an Naturwissenschaften, hat sich der Chemiepark Gendorf in den vergangenen Jahren bei der Jugend einen sehr positiven Ruf erworben, mit dem Science Slam*. Da drängen sich bis zu 800 Besucher aus einem weiten Umkreis. Der Slam hat schon Kult-Status. Wird es auch unter ihrer Führung einen Science Slam geben?
Dr. von Reden: Ja. Da haben Sie Recht. Das ist wirklich eine tolle Geschichte und ich möchte mich dafür einsetzen, dass es eine Fortsetzung gibt. Allerdings muss ich jetzt einen Wermutstropfen beifügen: Gemeinsam mit den anderen Standortunternehmen, die den Slam ja auch mitfinanzieren, haben wir beschlossen, im kommenden Winter mit Rücksicht auf gesundheitliche Risiken durch die Covid-Pandemie nun keinen Science Slam anzubieten. Aber sobald die Gefahr weg ist, werden wir wieder einen Science Slam organisieren.

Zum Stichwort: Wichtig ist, was den Standort weiterbringt? Haben Sie bereits Ihre neuen Nachbarn in Burghausen besucht?
Dr. von Reden: Selbstverständlich. Ich hab mich bei meinen Kollegen in der OMV und bei Wacker bereits vorgestellt. Und ich freu mich nicht nur auf gute Nachbarschaft, sondern auch auf eine gute Zusammenarbeit. Im Übrigen gab es auch ein erstes Kennenlernen mit den Bürgermeistern direkt umliegenden Gemeinden.

In den Kundenbeziehungen?
Dr. von Reden: Das natürlich auch, aber ich denke auch an die Zusammenarbeit im Interessenskreis ChemDelta. Das ist eine hervorragende Einrichtung. So lassen sich Interessen bündeln und auch effizient vertreten und eine Mittlerrolle in der Öffentlichkeit einnehmen.

Da gibt es ja durchaus Bedarf, zum Beispiel beim unangenehmen Thema Altlasten, wie zum Beispiel der Belastung mit Perfluoroctansäure, kurz PFOA.
Dr. von Reden: Für einen historisch gewachsenen Standort wie Gendorf ist der Umgang mit Altlasten natürlich ein wichtiges Thema. Mein Eindruck ist aber, soweit ich das heute beurteilen kann, dass sich hier die Industrie transparent der Verantwortung stellt und in den vergangenen Jahrzehnten im Altlasten-Management nicht stehen geblieben ist. Es bestreitet heute niemand, dass früher die chemische Produktion mit starken Belastungen für die Umwelt einherging – auch in Gendorf. Damals galten völlig andere Maßstäbe und gesellschaftliche Wertigkeiten, auch mit Blick auf Umweltstandards. Aber diese Haltung hat sich in den letzten Jahrzehnten komplett überholt. Heute stellt sich die Industrie dem Ziel: hohe Anlageneffizienz mit maximaler Umweltfreundlichkeit. In der Praxis heißt das: Die Industrie arbeitet unter Beachtung aller bekannten Grenzwerte und treibt diese dank dem Fortschritt in der Analytik immer weiter.

Und wie sehen Sie den Chemiepark für die Zukunft aufgestellt?
Dr. von Reden: Ich will hier zwei Punkte ansprechen, die ich bemerkenswert finde: Erstens erlebe ich hier eine Region mit hoher Akzeptanz für die Chemieindustrie und großem Verständnis für naturwissenschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge. Ich habe das Gefühl, dass die Bevölkerung durchaus wertschätzt, dass hier erfolgreiche, innovative Unternehmen produzieren und auch gute Arbeitsplätze schaffen. Das bringt mich auch zum zweiten Punkt, nämlich dass gerade in Gendorf weltweit führende Schlüsseltechnologien entwickelt werden und zur Anwendung kommen. Produkte aus Gendorf sind in der Welt von morgen nicht wegzudenken, egal ob das beispielsweise Hochleistungskunststoffe aus Fluorverbindungen für die Elektromobilität oder die Medizintechnik ist oder Reinigungs- und Waschmittel auf Basis nachwachsender Rohstoffe. Und wir haben starke Trümpfe mit Blick auf den Hoffnungsträger Wasserstoff...

Sie begrüßen also die jüngst gestartete Wasserstoff-Initiative für die Region Inn-Salzach?
Dr. von Reden: Voll und ganz. Wir, das heißt die Unternehmen hier, und damit auch die Region, haben einen Know-how-Vorsprung im Umgang mit dem anspruchsvollen Element im Vergleich zu anderen Regionen. Und bei uns im Chemiepark fällt in der Produktion als Nebenprodukt Wasserstoff an, der bislang größtenteils „nur“ energetisch verwertet wird. Da gibt es also durchaus höherwertige Einsatzmöglichkeiten.

Da müsste es dann aber auch gelingen, den Wasserstoff, der jetzt als Nebenprodukt in einer chemischen Produktion anfällt, umweltrechtlich als grünen Wasserstoff zu definieren, denn zu seiner Darstellung werden ja nicht extra fossile Energieträger eingesetzt.
Dr. von Reden: Ja, daran habe ich keinen Zweifel. Ich bin überzeugt, das wird auch gelingen, wenn es die Politik mit all den Nachhaltigkeitsinitiativen ernst meint. Es ist mitunter nicht nachvollziehbar, wieso Wasserstoff, der im Chemiepark mit Strom aus regenerativen Energiequellen hergestellt wird, durch den Gesetzgeber und die Politik nicht als „grün“ angesehen wird. Im Sinne einer vollintegrierten Förderpolitik ist hier noch viel Arbeit möglich.

Und wenn Sie sonst in Richtung Politik schauen, welche Anliegen fallen ihnen hier mit Blick auf das Bayerische Chemiedreieck ein? Vielleicht der Bahnausbau.
Dr. von Reden: Da geben Sie ein wichtiges Stichwort. Der Ausbau und die Ertüchtigung der Bahnstrecken ist ein dringendes Anliegen. Das muss jetzt kommen, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Produktionsbetriebe, nicht nur Im Chemiepark, sondern in der ganzen Region zu erhalten und zu stärken. Aber soweit ich mich informiert habe, ist das Projekt nun ernsthaft in der Planung und hat auch den notwendigen politischen Rückenwind.

Und sonst?
Dr. von Reden: Naja, unter Sonstiges würde ich das weitere zentrale Anliegen nicht einordnen, sondern ebenfalls als vitale Überlebensfrage. Und das ist die Stromversorgung. Da ist es in den vergangenen Monaten in der öffentlichen Diskussion etwas ruhig geworden, aber das Problem ist drängender denn je. Wenn das Kernkraftwerk Ohu spätestens Ende 2022 vom Netz geht, wer liefert dann die enormen Strommengen, die wir an den Standorten brauchen? Und das in sicherer Menge und Qualität bei wettbewerbsfähigen Preisen? Und diese Sorgen gelten nicht nur den Stromquellen, sondern auch den Leitungen. Auch die bestehenden 120-kV-Leitungen ins Chemiedreieck sind in die Jahre gekommen. Wir haben hier zwar ein eigenes Kraftwerk, aber dessen Leistung reichen zur Vollversorgung bei weitem nicht aus. Im Chemiepark Gendorf können wir etwa ein Drittel des Strombedarfs aus eigenen Quellen decken, der Rest muss zugekauft und zugeliefert werden.

Bleibt noch das Thema Campus Burghausen – braucht‘s den?
Dr. von Reden: Na, wenn Sie diese Frage einem leidenschaftlichen Chemie-Ingenieur stellen, dann ist die Antwort klar: Das ist eine hervorragende Investition und ein Beitrag, um hier im Chemiedreieck den qualifizierten Nachwuchs, aber auch, um hier die Standorte mit ihren anspruchsvollen Arbeitsplätzen zu sichern. Und mit dem neuen Studiengang Chemtronik ist jetzt auch eine besonders zukunftsgerichtete Ausbildung hinzugekommen, die Chemie und Digitalisierung miteinander vereinigt.
Das Interview für Heimatwirtschaft führte Ernst Deubelli.

*Ein Science-Slam ist ein wissenschaftliches Kurzvortragsturnier, bei dem Wissenschaftler ihre Forschungsthemen innerhalb einer vorgegebenen Zeit vor Publikum präsentieren. Im Vordergrund steht die populärwissenschaftliche Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte; die Bewertung erfolgt durch das Publikum

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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