Im Mittelpunkt das gemeinsame Interesse

26. Januar 2021

Georg Häckl bei ChemDelta über sein fünf Jahre langes Engagement als Sprecher der Initiative ChemDelta Bavaria – Einsatz für Wettbewerbsfähigkeit der Region und ihrer Arbeitsplätze

Region. Seit knapp 15 Jahren gibt es die Initiative ChemDelta Bavaria mit Unternehmen aus den Landkreisen Altötting, Mühldorf und Traunstein. Unmittelbar werden die Belange von Standorten und Unternehmen mit rund 20000 und davon abhängigen rund weiteren 40000 Arbeitsplätzen vertreten. Anfang Januar war Wechsel im Sprecheramt. In einem Interview für Heimatwirtschaft zieht Georg Häckl Bilanz zu seiner Arbeit.

Herr Häckl, fünf Jahre Engagement als Sprecher der Initiative ChemDelta Bavaria, das entspricht ja quasi einer Legislaturperiode im Landtag. Wenn Sie nun Bilanz ziehen, was werten Sie als den größten Erfolg für die Initiative und damit für die Region – auch über das Bayerische Chemiedreieck hinausgehend?
Georg Häckl:
Beim Ausbau der Infrastruktur für die Region hat sich unser Einsatz mit Sicherheit bezahlt gemacht. Mit der lang ersehnten Fertigstellung der A94 nach München wurde ein wichtiger Schritt getan. Der Beginn der Planungsarbeiten für den Abschnitt nach Simbach ist ebenfalls positiv zu bewerten, weil damit endlich ein unfallträchtiger Knoten auf der gemeinsamen Strecke B12 /B20 zwischen Marktl und Stammham aufgelöst werden könnte. Mit der Neufassung des Bundesverkehrswegeplanes haben wir unsere Interessen für einen angemessenen Ausbau der Bahninfrastruktur in der Region erfolgreich eingebracht.
Auch die Unterstützung beim Aufbau des Campus in Burghausen war für mich spannend und wegweisend zugleich. Die Initiative konnten an dieser Stelle einen spürbaren Beitrag zur Nachwuchssicherung leisten.
Wichtig ist es auch, dass wir uns in der Initiative mit den Energiethemen frühzeitig beschäftigt haben. Unser Anliegen war es hier, auf eine nachhaltig verlässliche Energieversorgung und im internationalen Vergleich wettbewerbsfähige Energiepreise hinzuwirken. Zuletzt haben wir eine Arbeitsgruppe zum Thema Klimaschutz und Wasserstoffwirtschaft eingeführt. In Rahmen von zahlreichen Diskussionsforen, Wirtschaftsmessen und Gesprächen mit Mandatsträgern ist es uns gelungen, für die Initiative ChemDelta Bavaria einen hohen Bekanntheitsgrad zu erarbeiten.

Und nun einmal auf Sie bezogen, was werten Sie als Ihren persönlichen Erfolg in der Arbeit für ChemDelta in den vergangenen fünf Jahren?
Georg Häckl:
Ein wichtige Aufgabe war ganz gewiss die Interessen der Unternehmen im Bayerischen Chemiedreieck in der Öffentlichkeitsbeteiligung zum Bundesverkehrswegeplan angemessen zu platzieren. Dies galt nicht nur für den Bau der A94 sondern auch für den Ausbau der B20 und der Ortsumfahrungen an der B20 und der B299, aber auch für den geplanten Ausbau der Bahnanbindung im Rahmen von ABS 38.

Hier ist es ja gelungen, endlich eine höhere Dringlichkeitsstufe zu erreichen ...
Georg Häckl:
Das freut mich enorm, hier eine höhere Dringlichkeitsstufe erreicht zu haben. Ansonsten hätte sich der erforderliche Ausbau der gesamten Bahn-Strecke zur Anbindung des Bayerischen Chemiedreiecks und der gesamten an das überregionale Schienennetz womöglich um Jahrzehnte verzögert.

War das so einfach?
Georg Häckl:
Dazu musste zunächst eine Klarstellung der zu erwartenden Schienentransportmenge und eine dementsprechende Prognose erfolgen. Dazu waren viele Gespräche mit Vertretern der Politik notwendig. Dabei hat uns als regionaler Vertreter in Berlin der Parlamentarische Staatssekretär Stephan Mayer unterstützt. Letztendlich wurde das Projekt ABS38 mit allen Teilstrecken in die höchste Dringlichkeitsstufe VB-E (vordringlicher Bedarf mit Engpassbeseitigung) im aktuellen Bundesschienenwegeausbaugesetz aufgenommen. Dies ist für unsere Region ein großer Erfolg. Im Zusammenhang mit der neuen Schienengüterverkehrsprognose wurde auch festgestellt, dass ergänzend zum bestehenden Projektumfang die Bahnstrecke am Piracher Berg abgeflacht werden muss und eine Tüsslinger Gleiskurve in Richtung Freilassing spürbar dazu beiträgt, den Güterverkehr schneller abzuwickeln. Beide Ergänzungen sind nun Teil von ABS 38. Ich bin zuversichtlich, dass dieses Projekt innerhalb der nächsten Dekade zu einem erfolgreichen Abschluss kommen wird.

….und woran haben Sie sich evtl. die Zähne ausgebissen?
Georg Häckl:
Na ja, gerade die Entscheidungen zum Bahnausbau mit dem Projekt ABS38 waren schon eine harte Nuss. Aber eine Entscheidung über ein Projekt mit rund 1,8 Milliarden Euro Investitionsvolumen ist ja auch keine Kleinigkeit. Neben den geschilderten notwendigen Änderungen zur Dringlichkeitseinstufung auf allen Teilen der Bahnstrecke galt es zunächst auf die Bedeutung der Wirtschaftsregion im Südosten Bayerns aufmerksam zu machen. In diesem Zusammenhang ist es im wahrsten Sinne des Wortes wegweisend, dass das Projekt ABS 38 nun als eines der sieben wichtigsten Schienenverkehrsinfrastrukturprojekte in das Maßnahmengesetzvorbereitungsgesetz aufgenommen wurde.

Wo sehen Sie denn in der künftigen Arbeit der Initiative den Schwerpunkt, aber auch die größte Herausforderung oder die größten Herausforderungen?
Georg Häckl:
Einer der Hauptbeweggründe für die Ansiedlung von Industriebetrieben in dieser Region im letzten Jahrhundert war die Möglichkeit zur Gewinnung elektrischer Energie aus Wasserkraft. Als Pionieren haben die Chemiker Adolph Frank und Nikodem Caro in Hart an der Alz und Alexander von Wacker in Burghausen den Grundstein für die Elektrochemie in Deutschland und das Bayerischen Chemiedreieck gelegt. Die Verfügbarkeit von Strom war und ist unverändert eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung unserer Chemieunternehmen. Die Abstellung der Atom- und Kohlekraftwerke und damit der Wegfall wichtiger Grundlasterzeuger im deutschen Stromnetz muss mit einem Zubau von Windkraft- und Solaranlagen ausgeglichen werden. Unsere Region wird zukünftig auf die Zulieferung „grünen“ Stroms aus den windreichen Regionen im Norden angewiesen sein.

Kann man das irgendwie in Zahlen fassen?
Georg Häckl:
Um Zahlen sprechen zu lassen: Die Unternehmen im Chemiedreieck haben einen jährlichen Bedarf von rund 5 TWh Strom: Diese Menge könnten etwa 1.600 Windkrafträder erzeugen, aber in ganz Bayern gibt es derzeit insgesamt nur rund 1.000 Anlagen. Dies zeigt, wie wichtig der Bau der geplanten HGÜ (Hochspannungs-Gleichstromübertragung)-Leitungen Südlink und Südostlink ist, um den Süden Bayerns insbesondere mit grünem Strom zu versorgen. Die Verfügbarkeit von Grünem Strom wird auch eine wesentliche Rolle für eine erfolgreiche Transformation unserer Chemieanlagen in eine klimaneutrale Produktion spielen. Die Initiative beschäftigt sich seit Jahren mit diesen Themen (Energiegipfel am 26.01.2017 in Raitenhaslach) und führt dazu auch regelmäßig Gespräche mit den Energieversorgern.

Nach den drei Chemikern Dr. Werner Goll, Dr. Willi Kleine und Dr. Alfred Kern waren sie der erste Ingenieur, zudem Experte für Umweltsicherheit und Genehmigungsrecht im Amt des Sprechers von ChemDelta Bavaria. Hatten Sie als Physik-Ingenieur einen schweren Stand im Kreis der Chemiker?
Georg Häckl:
Im Mittelpunkt stand immer, das gemeinsame Interesse zu verfolgen und ich wurde von allen Kollegen im Lenkungskreis und aus den Unternehmen der Initiative bestens unterstützt. Aus meinen früheren Tätigkeiten bei der Behörde und in der Industrie kannte ich die Themen und Anforderungen der Unternehmen und der Region. So konnte ich meine Erfahrung gut in die neue Aufgabe als Sprecher der Initiative einbringen.

Mal kurz nachgehakt und aus dem Nähkästchen geplaudert: Wie läuft denn so die Praxis in der Arbeit zwischen Lenkungskreis, dessen Vorsitzendem und auch den Stake-Holdern in den einzelnen Unternehmen? Zwei Unternehmen – drei Meinungen?
Georg Häckl:
In den wichtigen Fragen, die die Region betreffen, habe ich es so kennengelernt, dass die beteiligten Unternehmen an einem Strang ziehen. Die gemeinsamen Ziele der Initiative bestehen darin, die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsregion im Einklang mit den Menschen und der Umwelt zu sichern, Zukunftsinitiativen voranzutreiben sowie den Dialog mit der Landes- und Bundespolitik und der Öffentlichkeit zu führen. Als Sprecher war es meine Rolle, diese Ziele in gemeinsame Positionen zu formulieren.

Als Fachmann mit Berufserfahrung im staatlichen Genehmigungswesen, in der Industrie und nun auch in einer Branchen- und regionalorientierten Interessensvertretung: Wie bewerten sie die Entwicklung des neuen Campus der TH Rosenheim in Burghausen: Lernen die jungen Leute und angehenden Chemieingenieure hier im Studium, was die Branche braucht?
Georg Häckl:
Allein die Tatsache, dass es im Bayerischen Chemiedreieck eine Hochschule unter anderem für technische Berufe gibt, ist sehr positiv und die Unternehmen sind als Mitglieder in beratender Funktion im Hochschulbeirat in die Entwicklung des Campus eingebunden. Die Unternehmen haben sich unterstützend auch in die Ausrichtung und das Angebot der Studiengänge sowie in die Entwicklung der Lehrpläne eingebracht.

Und der Ausbau, die weitere Entwicklung des Campus Burghausen?
Georg Häckl:
Dass zusätzlich zur Ausbildung zum Chemie-Ingenieur nun ein weiterer Studiengang, Chemtronik eingeführt wurde, zeigt, dass der Campus die jungen Ingenieure mit einem möglichst bedarfsgerechten Wissenspaket für die Zukunftstechnologien ausstatten will. Denn die Digitalisierung in der Industrie hat eine rasante Entwicklung eingeschlagen. Die Entwicklung neuer Technologien und Verfahren, zum Beispiel rund um das Thema Wasserstoff wird sicherlich auch Einfluss auf die zukünftigen Ausbildungsinhalte am Campus haben.

In der Rückschau auf die vergangenen 15 Jahre, seit der ersten Idee zur Gründung der Initiative auf einer TEN (Transeuropäische Netze)-Veranstaltung in Straßburg und der Gründung von ChemDelta ein Jahr später, ging es mit vorher lang gehegten Wünschen plötzlich Schlag auf Schlag: Die A94; das Kombi-Terminal zum Frachtumschlag Bahn-Schiene in Burghausen ist in Rekordzeit in Betrieb gegangen und entlastet die Straßen. Der Campus Burghausen hat bereits die ersten Chemieingenieure auf den Markt gebracht. Die Ethylenpipeline Süd (EPS) erhöht die Versorgungssicherheit: Und nun läuft die Wasserstoff-Initiative an. Sehen Sie hier die gleichen Erfolgschancen wie bei den vorausgegangenen Projekten ?
Georg Häckl:
Die genannten Projekte waren und sind allesamt notwendig um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen im Bayerischen Chemiedreieck und damit auch den Wohlstand in der Region zu sichern. Mit der Fokussierung gemeinsamer Interessen haben wir es geschafft, bei allen diesen Entwicklungen positive Akzente zu setzen. Es ist nun unsere Aufgabe, mit einem Transformationsprozess unsere Produktionsanlagen erfolgreich in eine klimaneutrale Produktion zu überführen. Mit der Umsetzung der Maßnahmen und Vorgaben zu Klimaschutz und Energiewende steht uns eine große Herausforderung bevor. Der Schlüssel zur Klimaneutralität ist die Elektrifizierung der Industrie. Aber was wir dazu benötigen, sind große Mengen Strom aus erneuerbaren Quellen und dies zu international wettbewerbsfähigen Konditionen. Der Bedarf an dem dazu notwendigen „grünen“ Strom wird ein Vielfaches des heutigen Bedarfs betragen.

Und wo stehen wir insgesamt in diesen Anstrengungen?
Georg Häckl:
Der Prozess in Richtung einer klimaneutralen Gesellschaft ab 2050 wurde von der Politik auf den Weg gebracht. Die grundlegenden Entscheidungen wurden in Brüssel, Berlin und München bereits getroffen und die Rahmenbedingungen weitgehend festgelegt. In der Initiative ChemDelta Bavaria beschäftigt sich ein Arbeitskreis mit diesen Anforderungen und den Chancen des Einsatzes von grünem Wasserstoff in der Region.

Was muss konkret unternommen werden, um die Initiative voranzubringen?
Georg Häckl:
Die politisch vorgegebenen Rahmenbedingungen (z.B. Klimaschutzgesetz), die Anforderungen der zukünftigen Gesellschaft sowie die Notwendigkeit, gegenüber dem internationalen Wettbewerb zu bestehen, sind nach wie vor große Herausforderungen für jedes einzelne Unternehmen. Wir können dies nur bewältigen, wenn wir unsere Interessen auch künftig bündeln und gemeinsam vertreten. Dabei ist es wichtig, kritische Themen frühzeitig zu identifizieren. Die vier „S“ der industriellen Infrastruktur Schiene – Straße – Strom – Standort werden sicherlich auch weiterhin im Mittelpunkt stehen.

Das Interview für Heimatwirtschaft führte Ernst Deubelli.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

Originaldarstellung des Artikels