Herausforderung Klimawandel: Gespräch mit OMV-Chef Dr. Gerhard Wagner

OMV setzt auf ein technologieneutrales Angebot

Burghausen. Die Sorge um eine sichere Versorgung mit Strom in ausreichenden Qualität und Quantität zu wettbewerbsfähigen Preisen mit Blick auf den Weltmarkt und im Kontext der deutschen Klima-Politik beschert den Unternehmen der Chemischen Industrie, des energieintensiven Mittelstands und auch den Gewerkschaften Sorgen, wie erst kürzlich berichtet. Wie ist die Raffinerie der OMV in Burghausen betroffen? Sie ist nicht nur auf die Stromversorgung, sondern auch auch einen bestimmten Produktmix im Absatz angewiesen und hat zudem vor über zehn Jahren ein Gaskraftwerk geplant, wie es aktuell wieder politisch favorisiert wird. Zu aktuellen Fragen nimmt Dr. Gerhard Wagner, Geschäftsführer der OMV Deutschland GmbH und Chef der größten Spezialitäten-Raffinerie auf deutschem Boden Stellung.

Vor rund zehn Jahren hat die OMV für den Standort Haiming bis zur Baureife das Projekt eines Gaskraftwerkes, einschließlich einer Einspeiseleitung mit der Kapazität von 380 Kilovolt vorangetrieben, viel Geld investiert, und dann doch von einer Realisierung Abstand genommen. War der Ausstieg eventuell zu früh, jetzt wo die bayerische Staatsregierung auf Gaskraftwerke zur Schließung möglicher Lücken in der Stromversorgung setzt, wenn das letzte Kernkraftwerk in Ohu vom Netz geht und die Anbindungen an die norddeutschen Windparks nicht rechtzeitig fertig werden?
Dr. Gerhard Wagner: Gas erweist sich generell als Teil der Lösung. Werden Kohlekraftwerke durch flexible Gaskraftwerke ersetzt, können die CO²-Emissionen um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Dennoch ist der Zeitpunkt für den endgültigen Ausstieg aus dem ursprünglich geplanten integrierten Gas- und Dampfkraftwerk Projekt Haiming auch aus heutiger Sicht im Sinne der OMV Strategie richtig gewesen. Zum einen unterstreicht er den Konzernfokus auf ein integriertes Geschäftsmodell inklusive Petrochemie. Die DNA der OMV ist Öl und Gas, nicht Strom. Zum anderen zeichnen sich bis heute keine für die OMV günstigen Rahmenbedingungen für den wirtschaftlichen Betrieb eines solchen Gaskraftwerks ab.
Gleichwohl zeigt die erneute Forderung nach flexiblen, schnellstartenden Gaskraftwerken in Bayern die Sorge der Politik und Wirtschaft um die klaffende Versorgungslücke nach Atom- und schrittweisem Kohleausstieg in Deutschland – einhergehend mit der klaren Forderung nach Versorgungssicherheit mit Stromenergie zu weltmarktfähigen Preisen im internationalen Wettbewerb. Die Politik ist hier nun unter Druck, zukunftsfähige Lösungen zu entwickeln, um genau diese Ziele „Versorgungssicherheit“ und „Bezahlbarkeit“ im internationalen Vergleich sicherzustellen.

Aber wie ist dann die erklärte Strategie der bayerischen Politik, auf dezentrale Gaskraftwerke zu setzen, erklärbar?
Dr. Wagner: Die Antwort auf diese Frage muss die Politik geben.

Aber mal weg vom Gas: Einer Ihrer größten Kunden für Olefin-Produkte im Bayerischen Chemiedreieck, die Wacker Chemie, beobachtet mit größter Sorge die Entwicklung auf dem deutschen Strommarkt – mit Blick auf Qualität und Quantität in der Versorgung, aber auch mit Blick auf künftige Preise. Wie ist denn die Raffinerie in Burghausen davon betroffen? Doch wohl mehrfach? Sie brauchen Strom für Ihre eigene Produktion und müssen sich außerdem um die Zukunft der Standorte Ihrer Kunden und deren Nachfrage sorgen...
Dr. Wagner: Wir fordern eine sichere, unterbrechungsfreie und bezahlbare Stromversorgung zu international wettbewerbsfähigen Preisen. Das gilt sowohl für uns als auch für alle Unternehmen des ChemDelta Bavaria. In den letzten Jahren gab es immer wieder Spannungseinbrüche im Stromnetz, die regelmäßig zu Störungen in den Betrieben führten. Unter dem Strich kostet das Millionen und vernichtet Wertschöpfung für die Region. Das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil für die international positionierten Firmen. Ein weiteres Beispiel ist die EEG-Umlage. So etwas gibt es in dieser Form nur in Deutschland. Wenn Sie alleine die damit verbundene Komplexität und den Bürokratie-Aufwand außerhalb Deutschlands erklären müssen, erzeugen Sie nur Kopfschütteln.

Und noch ein Blick in die weitere Zukunft: Mit Blick auf die aktuelle Klima-Debatte und die Trends in der Politik scheint sich doch der Abschied von fossilen Energieträgern abzuzeichnen. Was bedeutet das für einen Mineralölkonzern wie die OMV? Mal salopp gefragt: Steigen Sie auf die Herstellung von Akkus für Elektrofahrzeuge um? Oder Power to gas Technologie, vielleicht Biogene Rohstoffe? Oder wird die Olefinsparte, die Produktion von Rohstoffen zur höheren Wertschöpfung in der chemischen Industrie, sogar noch gestärkt und ausgebaut?
Dr. Wagner: Die Zukunft hat für die OMV längst begonnen! Die Mobilität befindet sich jetzt schon mitten in einem Wandel. Die OMV setzt dabei an ihren Tankstellen zunehmend auf ein technologieneutrales Angebot aus Energieträgern wie Wasserstroff für Brennstoffzellenfahrzeuge, Schnellladesäulen für batteriegetriebene Fahrzeuge und auf Kraftstoffe.
Aber alle Energie-Prognosen zeigen, dass auch in 20 Jahren der Energiebedarf noch zu 50 Prozent durch fossile Ressourcen gedeckt werden muss. Dazu eröffnet auch unser langjährig konsequenter Fokus auf die Petrochemie seit unserer Großinvestition im Rahmen des Großstillstands in 2007 eine neue Ära von hochwertigen, petrochemischen Werkstoffen. Signale haben wir bereits mit unseren Investitionen in die Metatheseanlage zur energiesparenden Erzeugung von Propylen und der Butadienanlage für beispielsweise Grundstoffe der Reifenindustrie gesetzt.
Wir sehen uns mit unseren Produkten als Enabler/Möglich-Macher neuer Werkstoffe und Zukunftstechnologien für beispielsweise die Automobilindustrie oder für High-tech Gegenstände des täglichen Lebens. Nachhaltigkeit und Ökologie im Sinne von Klima- und Umweltschutz sind bei diesen Entwicklungen vorrangig.
Zukunftsgerichtete Wertschöpfung und Kreislaufwirtschaft beweist die OMV unter anderem bereits mit ihrer innovativen ReOil Pilotanlage in der Raffinerie Schwechat, wo Kunststoffe am Ende ihrer Nutzungsphase zu synthetischem Mineralöl zurückgewonnen und wieder für die Herstellung wertvoller Produkte genutzt werden. Und auch am Standort Burghausen weist die kürzlich angekündigte, bereits in Bau befindliche ISO C4 Anlage den Weg des weiteren Ausbaus der Petrochemie.

Nun nimmt ja die OMV mit ihrer Spezialitäten-Raffinerie in Burghausen eine besondere Stellung im Bayerischen Chemiedreieck und in der bayerischen Wirtschaft ein: Durch ihren Produkte-Mix liefert sie mal grob gesagt die Rohstoffe für die Chemische Industrie, Diesel und Heizöl für den regionalen Markt und gehört zu den Hauptversorgern mit Turbinentreibstoff am Münchner Flughafen: Was passiert nun, wenn dieses Markt- und Produktgefüge ins Wanken gerät, weil da und dort Segmente wegbrechen? Wird sich die OMV als Konzern mit Sitz im Nachbarland Österreich und mit einem starken Engagement der Mubadala, Abu Dhabi, eventuell von Investitionen zurückhalten oder gar aus Bayern verabschieden, wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr passen?
Dr. Wagner: Wir sind weiterhin eine Konstante als Hauptlieferant am Flughafen München und das noch dazu mit der umweltfreundlichsten Form des Transports, der Pipeline. Der Flugturbinentreibstoff Jet A-1 verzeichnet steigende Absätze und die Wachstumsprognosen für die Luftfahrt und damit auch der weiter steigende Bedarf an Kerosin aus dem fossilen Energieträger Erdöl sind positiv. Laut einer Studie des deutschen Bundeswirtschaftsministeriums nimmt das Wachstum im weltweiten Luftverkehr bis 2037 jährlich um 4,4 Prozent zu.
Heizöl und Diesel sind für die Versorgung kurz- und mittelfristig und gerade im ländlichen Bereich sicher weiter erforderlich, wenn auch in einem bisher noch nicht bekannten Ausmaß abnehmend. Im Bereich dieser sogenannten Mitteldestillate sind die Weichen bei OMV jedoch längst hin zur Petrochemie gestellt, wie vorhin bereits erläutert. Ausgehend von der Konzernstrategie wird die OMV dabei konsequent nur in profitable Wachstumsmärkte und international rentable Standorte investieren – hiervon ist auch die Raffinerie Burghausen trotz ihrer momentan hervorragenden Position sicher nicht ausgenommen und zukunftsgerichtete Standortfaktoren werden künftig mit entscheidend sein.
Ein aktuelles Beispiel für die internationale Ausrichtung der OMV ist der 15 Prozent-Einstieg in die ADNOC Refining und damit in eine Beteiligung am weltweit viertgrößten Raffinerie-Einzelstandort mit Petrochemie-Integration. Durch diese Transaktion erhöht die OMV ihre Raffineriekapazität unmittelbar um 40 Prozent sowie ihre Petrochemiekapazität um 10 Prozent und etabliert sich in Abu Dhabi mit einer starken, integrierten Position entlang der Wertschöpfungskette – von der Produktion in Upstream bis hin zu Refining & Trading und der Petrochemie.

Alle reden gerne in der Klimadebatte mit, wie in einem Wunschkonzert, mal abgesehen, ob die Vorschläge sinnvoll oder realisierbar sind: Können Sie als Chemiker und Verantwortlicher für die größte Spezialitäten-Raffinerie auf deutschem Boden drei Schritte oder drei Maßnahmen nennen, um erstens politisch gesetzte Klimaziele zu erreichen und zweitens eine weltmarktfähige Industrieproduktion, gerade in der Chemischen Industrie im Bayerischen Chemiedreieck zu halten?
Dr. Wagner: Auf politische gesetzte Klimaziele möchte ich im Detail nicht eingehen. Ich kann Ihnen aber sagen, was wir konkret tun, welchen Beitrag die OMV leistet. Beispielsweise werden wir bis 2025 die CO²-Emissionen unserer Anlagen international um 19 Prozent senken. Dazu investiert der OMV Konzern verstärkt in innovative Technologien, und zwar 500 Millionen Euro bis 2025. Ein herausragendes Beispiel dafür ist unsere patentierte ReOil-Technologie, mit der wir synthetisches Rohöl aus Kunststoffmüll gewinnen.
Sicher ist, dass ausschließlich ausreichend agile Unternehmen eine Zukunft haben werden, die mit Kreativität und Innovation ihre eigene Transformation und den Wandel in der Industrie mitgestalten. Ökologie und Ökonomie müssen dazu stets im Einklang sein und dürfen weder einseitig noch ideologisch getrieben sein. Die aktuell geführten Debatten um Umwelt- und Klimathemen müssen deshalb dringend versachlicht und faktenorientiert geführt werden. Wir haben in der deutschen Industrie Wertschöpfungsketten aufgebaut, die hervorragend funktionieren und die uns vielen anderen Ländern gegenüber noch einen Vorsprung verschaffen.
Das dürfen wir mit einer fortschreitenden Ideologisierung nicht aufs Spiel setzen und dabei Deutschland schleichend deindustrialisieren. Dazu braucht es Zusammenarbeit und eine vereinheitlichte und konstruktive Gesetzgebung auf europäischer und internationaler Ebene – nationale Alleingänge sind hier ein Auslaufmodell. Klarerweise muss sich auch hier die Politik, wie schon bei der Gestaltung der sicheren, unterbrechungsfreien und bezahlbaren Energieversorgung entsprechend engagieren, Wirtschaftswachstum fördern, Anreize für Investitionen in die CO²-Reduktion schaffen.
Die OMV und ihre Mitarbeiter am Standort Burghausen sind dafür bereits heute gut aufgestellt und hoch motiviert. Wir wollen mit zukunftsfähigen Produkten Teil der Lösung sein und im Schulterschluss mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die richtigen Antworten auf die Herausforderungen jetzt und in der Zukunft finden.

Interview: Ernst Deubelli

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

Originaldarstellung des Artikels