Gratwanderungen des Wacker-Chefchemikers

Wolfgang Gruber war Chemiker und Werkleiter bei Wacker – Seine Erinnerungen, in einem Buch fixiert, sind ein wertvolles Zeitdokument

Burghausen. „Mich kann jeder grüßen, wie er will. Ich werde den Gruß in der gleichen Weise erwidern. So lange der Herrgott noch nicht abgeschafft ist, werde ich ein ‚Grüß Gott‘ hinzufügen.“ Diesen Aushang machte Wolfgang Gruber als Chef seiner Abteilung bei Wacker im November 1933. Ein mutiger Schritt, denn vorher war verfügt worden, dass man nun mit „Heil Hitler“ grüßen musste.

„Das musste man sich erst mal trauen!“, sagt auch Dr. Christian Finger, Archivleiter bei Wacker. Diese Worte seien Ausdruck von Grubers Standhaftigkeit, sein Eintreten für seine Überzeugungen. Finger muss es wissen: Er hat die ausführlichen Aufzeichnungen des früheren Wacker-Werkleiters ausgewertet. Mehr noch, er hat sich durchgewühlt, hat Bilder gefunden und schließlich ein Buch zustande gebracht, das ein Porträt eines außergewöhnliches Mannes zeichnet: eines aufrechten Bürgers in einer schweren Zeit, eines kreativen Chefchemikers, eines Pioniers in den Alpen und eines liebenden Familienvaters.

„Gratwanderung“ heißt der über 700 Seiten dicke Wälzer, der im vergangenen Jahr erschienen ist. Ein wenig stolz sei er schon darauf, sagt Christian Finger. Rund zwei Jahre hat der Archivar daran gearbeitet und dabei auch den Sohn Dr. Helmut Gruber – früher Werkleiter bei Hoechst Gendorf – gut kennengelernt. Dieser ist heute 88 Jahre alt und hatte die Aufzeichnungen seines Vaters in einem Leitz-Ordner an Wacker-Vorstand Dr. Rudolf Staudigl übergeben. Der wiederum gab Christian Finger den Auftrag: „Werten Sie das für Wacker aus“ – und der Chef-Archivar war sofort vom Schreibstil von Wolfgang Gruber in den Bann gezogen.

Da sind einerseits die Texte Grubers zu seiner Karriere und seiner Tätigkeit bei Wacker; er beschreibt aber auch detailliert ein schönes Familienleben, das Leben in Burghausen und die Politik in Deutschland. „Ein faszinierendes, facettenreiches und lebensnahes Gemälde der Zeitgeschichte“, so Finger. „Obendrein erwies sich der Text auch noch als Fundgrube für Alpinisten, da Dr. Gruber zeit seines Lebens ein begeisterter Bergsteiger, Kletterer und Skifahrer gewesen war – schon zu einer Zeit, als man noch gar nicht recht wusste, wie man überhaupt Ski fuhr und die Erfindung von Skiliften in ferner Zukunft lag.“

Und so beschreibt Wolfgang Gruber seinen Alltag amüsant, detailreich und frisch. 1886 in Graz geboren, studierte Gruber in München Chemie, dann war er als Soldat im Ersten Weltkrieg – und damals mit Begeisterung dabei und in der Überzeugung, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Als erfahrener Alpinist – er war 1912 schon zu einer Expedition im Kaukasus – brachte er seine Kenntnisse ein, als er in den Dolomiten stationiert war.

Nach Kriegsende kam Wolfgang Gruber 1919 zu Wacker. In seiner direkten Art beschreibt er die Lage in der noch jungen Firma: Die Labore waren winzig und wurden nur mit rußendem Acetylen beheizt. Einen Abzug gab es erst, „als den Leuten bei den Arbeiten mit Quecksilber die Zähne wackelten.“ Bei den Laboratoriumsversuchen sei auffallend gewesen, „dass es nicht immer krachte“ und im April jeden Jahres zogen mit Geschrei Schwalben ins Labor ein und nisteten.

Für den Chemiker mit dem Entdeckergeist war die junge Wacker Chemie der ideale Ort. Er schätzte gerade das Aufbauen und das „sich Behelfen“, wie er schreibt. Und überhaupt bot das kleine Werk außerhalb der Stadt viele Annehmlichkeiten: „Im Sommer legten wir uns mit Butterbroten in den Wald, der gleich beim Labor begann. Als Nachspeise suchten wir uns Erdbeeren.“

Er wohnte mit seiner Frau Emma zunächst im „Augentalerturm“auf der Burg, als die Familie größer wurde – die Grubers bekamen fünf Kinder – bauten sie ein Haus neben der Villa Sell. Gruber wurde Leiter des Hauptlaboratoriums der Dr.-Alexander-Wacker-Gesellschaft und 1934 Werkleiter – was ihn als Nicht-Nazisympathisanten verwunderte: „Ich war wie aus allen Wolken gefallen.“

„Natürlich gab’s auch Ärger mit 150-prozentigen Nazis, die zu stänkern versuchten und behaupteten, ich entließe Nazis und versetze sie auf schlechtere Posten“, schreibt Gruber über seine Zeit als Werkleiter. „Das Beste war, dass es stimmte, aber der eine hatte Quecksilber gestohlen und der andere war stinkfaul und damit war die Sache erledigt.“ Und doch musste er wegen seiner Haltung nach zwei Jahren die Werkleitertätigkeit aufgeben. Er trat freiwillig zurück, ansonsten hätte er gehen müssen. Doch für Gruber, den Chemiker, war das kein Rückschritt: Er kehrte als Leiter des Acetylzellulose-Betriebes in die Produktion zurück. „In meiner alten Abteilung konnte ich unvergleichlich wertvollere Arbeit leisten.“ 1943 wurde er Chefchemiker für alle Abteilungen.

Im seinen Erinnerungen beschreibt Gruber auch die bekannten historischen Ereignisse. So den Aufstand im Werk, der im April 1945 noch drei Männer das Leben kostete, als „unverantwortliche, bewaffnete Aktion“, wodurch sie selbst und vor allem auch das Werk in größte Gefahr gebracht worden sei. Ganz anders die heutige Sicht, wonach den drei Getöteten Ludwig Schön, Josef Stegmair und Jakob Scheipel in Ehren gedacht wird.

Bis zu seiner Rente 1953 arbeitete Wolfgang Gruber bei Wacker. Er starb 1971 in Burghausen.

Dass das Buch „Gratwanderungen“ nun so erscheinen konnte, ist auch einer weiteren Leidenschaft Grubers zu verdanken: der Fotografie. Von seinen Bergtouren und aus dem Alltag hat er viele Bilder gemacht. Dr. Finger konnte bei der Recherche sein Glück kaum fassen, als er hörte, dass das Haus der Fotografie 1990 eine Ausstellung mit Grubers Bildern zeigte. Die Bilder ergänzen den Text; so zum Beispiel bei einer abenteuerlichen Bergtour in der Schweiz – mit Hut und Mantel durch den Schnee – und Gruber beschreibt, dass die Bergsteiger überraschend eine Leiter entdeckten, mittels derer sie über eine Spalte klettern konnten. „Und dann hat der ein Bild gemacht von der Leiter!“, kann es Christian Finger gar nicht glauben. So entstand dieses Buch, ein Dokument einer vergangenen Zeit. cts„Gratwanderungen“ im Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-45514-6

Am morgigen Freitag liest Gerhard Karl um 19 Uhr in der Bücherei Emmerting aus dem Buch. Karten gibt es in der Bücherei (Fr. 15 bis 17 Uhr), 08679 9084233.

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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