Energie ist das Mega-Thema

Größte Herausforderung für die chemische Industrie: Sichere und wettbewerbsfähige Stromversorgung

Burgkirchen. Zuverlässige Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen ist für energieintensive Unternehmen wie Vinnolit von existenzieller Bedeutung. Deswegen plagen die Industrie im Landkreis Sorgen um die Zukunft. Das war auch Thema beim gut besuchten Nachbarschaftsgespräch im Chemiepark Gendorf (wir berichteten).

Werkleiter Dr. Bernhard Langhammer brachte es auf den Punkt: „Die Energieversorgung ist das Mega-Thema für uns.“ Immerhin sei die chemische Industrie die deutsche Branche mit dem höchsten Stromverbrauch. Kein Wunder, dass diese Branche die von der Politik definierten Ziele Kernkraft- und Kohleausstieg als Bedrohung empfindet. Denn andererseits können die regenerativen Energien keine Grundversorgung bieten und es fehlen die Stromtrassen in Deutschland.

Aus diesen Gründen bezeichnete Dr. Langhammer die Bezahlbarkeit der Energieversorgung und die Versorgungssicherheit als Herausforderungen für die Zukunft. „Nur, wenn wir eine sichere, grundlastfähige und wettbewerbsfähige Energieversorgung sicherstellen können, sehe ich langfristig eine Zukunft für die chemische Industrie in Deutschland.“

Sparpotenzial genutzt
Schon aus Eigeninteresse engagiere sich der Chemiepark Gendorf in einem Energie-Effizienznetzwerk, schone Ressourcen und nutze Einsparpotenziale, wo immer möglich – so sei die Produktion zwar in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen, der Energieverbrauch hingegen dank verbesserter Effizienz nur um 3,6 Prozent. „Aber die Möglichkeiten sind begrenzt. Einige Prozesse brauchen feste Energiemengen“, so der Chemieparkleiter.

Der größte Stromverbraucher im Chemiepark Gendorf ist die Vinnolit. Standortleiter Klaus Baier hob hervor: „Der Strom für die Elektrolyse ist für die Vinnolit lebenswichtig.“ Dabei geht es dem Vinnolit-Standortleiter sowohl um den Strompreis als auch um die Netzstabilität. Die Anfälligkeit des Stromnetzes für Schwankungen aufgrund der Einspeisung erneuerbarer Energien ist nach Baiers Worten inzwischen zu einem Problem geworden. Deswegen sei die Chloranlage der Vinnolit als Großverbraucher sogar an der Stabilisierung des Netzes beteiligt.

Eine Millisekunde kann teuer werden
„Dabei geht es um Millisekunden“, verdeutlichte Baier. „Eine Mikro-Schwankung, die man im Büro oder im Haushalt allenfalls durch ein kurzes Flackern der Beleuchtung wahrnimmt, führt bei uns zu einem Abschalten der Anlage.“ Nach Aussage des Standortleiters kam es schon vor, dass Mikro-Schwankungen im Stromnetz die Elektrolyse der Vinnolit im Werk Gendorf ausfallen ließen. Baier verglich die Chlor-Elektrolyse, Herzstück der Chlor-Produktion, mit einem Rennpferd: „Hochgezüchtet, aber sehr empfindlich.“

Die Abschaltung erfolge in einer Sekunde, das Anfahren benötige einen ganzen Tag. Solch ein teurer Produktionsausfall dürfe nicht oft vorkommen.

Als exportorientiertes Unternehmen im harten internationalen Wettbewerb brauche Vinnolit wettbewerbsfähige Energiepreise. Der Standortleiter gab zu bedenken, dass Vinnolit nicht nur mit weltweiter Konkurrenz, sondern auch innerhalb des Westlake-Konzerns im Wettbewerb stehe. Im internen Wettbewerb gehe es um Investitionsgelder: „Dabei macht uns die deutsche Energiepolitik die Argumentation immer schwieriger“, klagte Baier.

Am Rande des Gendorfer Nachbarschaftsgesprächs fand Baier gegenüber der Heimatzeitung noch deutlichere Worte: „Ausgerechnet jetzt, wo bald die Autobahn fertig ist und der Bahnausbau im wahrsten Sinne des Wortes auf die Schiene gebracht wurde, kommt das hausgemachte Stromproblem. Und beim Netzausbau sind wir Jahre zu spät dran. Im Norden Deutschlands gibt es Elektrizität im Überschuss, im Süden Strommangel. Aber es fehlen die Leitungen für den Stromtransport“, seufzte der Vinnolit-Standortleiter.

VINNOLIT
Vinnolit, ein Unternehmen der Westlake-Gruppe, ist mit einer Kapazität von 780 000 Jahrestonnen einer der führenden PVC-Rohstoffhersteller in Europa und der weltweite Marktführer bei PVC-Spezialitäten. Die nationalen und internationalen Aktivitäten des Unternehmens werden aus Ismaning bei München gesteuert. Produktionsstandorte sind in Burghausen, Gendorf, Knapsack, Köln, Schkopau und Hillhouse (UK). Mit 1450 Mitarbeitern erwirtschaftet Vinnolit einen Umsatz von rund 900 Millionen Euro. In Gendorf arbeiten 420 Menschen für Vinnolit. Seit 2014 ist die 1986 in Texas gegründete Westlake Chemical Corporation Eigentümer der Vinnolit GmbH & Co. KG.

Vinnolit produziert in der Gendorfer Membran-Elektrolyse Chlor als Vorprodukt für den Kunststoff PVC, der unter anderem im Bausektor, in der Automobilindustrie oder in der Medizintechnik eingesetzt wird. Die stromsparende Elektrolyse in Gendorf ist eine der modernsten weltweit, dennoch benötigt sie große Mengen an Energie für den elektrochemischen Prozess. Somit ist Vinnolit auf eine zuverlässige Stromversorgung angewiesen, denn Stromausfälle und Netzschwankungen können Schäden an den Anlagen und Produktionsausfälle verursachen.

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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