„Ein Konzert ist wie ein Menü“

Christian Kremser ist seit 20 Jahren Leiter der Burghauser Wacker-Werkkapelle

Haiming/Burghausen. Er konnte es damals als Bub nicht wissen. Als er mit dem Schulranzen auf dem Rücken und der Klarinette in der Hand durch die Pforte bei der Wacker Chemie in Burghausen schritt. Er konnte nicht wissen, dass er mit jenem Gang den Takt für ein immer wiederkehrendes Thema in seinem Leben anschlagen sollte. Denn die Musik und die Wacker Chemie bilden den Refrain in Christian Kremsers Leben.

„Eigentlich wollte ich ja immer Saxofon lernen“ erzählt der Leiter der Wacker-Werkkapelle, der heuer sein 20-Jähriges am Dirigentenpult der Kapelle feiert, rückblickend. Ein Lehrer erklärte ihm aber, er sei zu jung für das Saxofon und er solle lieber ein anderes Instrument auswählen. Kremser begann Klavier zu spielen. „Das hat mich aber leider gar nicht gefreut.“ Die entscheidende Wendung kam mit der Idee des Vaters, seinen Arbeitskollegen und damaligen Leiter der Wacker-Werkkapelle Franz Stangl zu fragen, ob er den Sohn nicht unterrichten könne. Konnte er und das obwohl Stangl gar kein Klarinettist war, aber sich das Wissen von den musikalischen Kollegen der Kapelle holte.

Und so erlernte Christian Kremser fortan die Klarinette. Nach der Schule tappste er zum Klarinettenunterricht, machte seine Hausaufgaben im Büro des Vaters, spielte bald bei den Musikern der Werkkapelle mit – 12, vielleicht 13 Jahre war er damals alt.

Die Klarinette lag ihm, sie sollte sein Instrument werden. Natürlich habe er sich später ein Saxofon gekauft, erzählt er mit einem Grinsen. „Aber das hat mich recht bald nicht mehr interessiert.“ Die Verbundenheit zur Klarinette und zu der Werkkapelle aber sollte bestehen bleiben. Als junger Erwachsener machte er bei dem Burghauser Unternehmen eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Auch als er seinen Wehrdienst beim Stabsmusikkorps der Bundeswehr ableistete blieb er der Kapelle in der Heimat verbunden. Kaum zurück gehörte er wieder zum festen Bestandteil des Orchesters.

Ein Dirigent, der die Musik lebt
Die Werkkapelle gibt es seit 1935. Damals fing Dirigent Alfred Posch mit 34 Musikern an, heißt es von Seiten der Firma. Etwa 70 Musiker sind es heute, rund 60 Prozent davon arbeiten im Werk, 40 Prozent Externe kommen hinzu, schätzt Kremser und betont: „Alles Hobbymusiker, die in ihrer Freizeit und nach der Arbeit zum Proben kommen.“ Und deswegen sei es auch wichtig, dieses Engagement zu berücksichtigen, sagt er. „Ich schreie doch da bei den Proben nicht rum.“ Ehrlich und musikdienlich versuche er in seiner Kritik zu sein, umschreibt es der 54-jährige Niedergottsauer. Er müsse doch vielmehr dafür sorgen, dass die Musiker Freude an den Proben haben und mit dem Gefühl nach Hause gehen, etwas geschafft zu haben. Wer Christian Kremser beim Dirigieren zuschaut, kommt nicht umhin, den Eindruck zu gewinnen, hier lebt einer die Musik. Er wippt, er zuckt, er tänzelt über die Bühne. Mit großer Geste dirigiert er das Orchester und sprüht dabei eine Freude an der Musik aus, die leicht auf das Publikum überspringt.

Als sich Ende der 90er Jahre abzeichnete, dass Franz Stangl in Rente gehen wird und der Posten des Orchesterleiters vakant wird, stand mit Christian Kremser schnell die Nachfolge fest. In den Jahren zuvor hatte der gelernte Maschinenschlosser noch ein Studium an der Uni in Linz draufgesattelt. Ein Schockmoment hatte den jungen Mann noch einmal neu anfangen lassen. „Ich hatte bei der Arbeit eine Pumpe auseinander bauen wollen“, erzählt Christian Kremser. Eine kleine Unachtsamkeit hatte schwere Folgen: Statt der Pumpe traf er seine Hand mit dem schweren Hammer. „Im ersten Moment habe ich gedacht, ich kann nie wieder Klarinette spielen.“ Aber die Prellungen und Quetschungen verheilten und Kremser entschloss sich Musik zu studieren, Schwerpunkt Ensembleleitung Blasmusik.

Mit dem Abschluss zum staatlich geprüften Musikschullehrer in der Tasche war er maßgeblich am Aufbau der Burghauser Musikschule beteiligt, unterrichtete einige Jahre hier, war zeitweise zweiter Schulleiter. Seinen beruflichen Platz aber fand er 1999 an der Spitze der Werkkapelle – mit Festanstellung bei der Wacker Chemie. Auf über 200 Arbeitstage mit der Musik kommt er im Jahr. Proben mit dem Orchester, der Bigband oder kleinen Ensembles, Konzertauftritte, weihnachtliche Einstimmungen an Heiligabend und dem ganz speziellen Angebot der Werkkapelle auch bei Beerdigungen zu spielen. „Jeder Mitarbeiter aus dem Stammwerk hat Anspruch darauf, dass die Werkkapelle die Trauerfeier umrahmt“, heißt es von Seiten der Firma. Allein hier ist Kremser 60 bis 80 Mal im Jahr mit einer Auswahl an Musikern in der Region unterwegs.

Werkkapelle umrahmt Trauerfeier musikalisch
Hinzu kommen die Vorbereitungen der verschiedenen Konzerte und der Proben, die er akribisch in seinem Büro ausarbeitet. Sein Herz hängt an der Volksmusik, gespielt wird aber das ganze Repertoire der Musikgeschichte bis hin zu aktuellen Hits. Was ihn langweilt, komm nicht ins Programm. Eintönige Melodien beispielsweise. „Ich bin sehr kritisch in der Vorbereitung“, sagt er. „Aber den perfekten Auftritt wird es nicht geben“, fügt er dann noch an. Irgendwann aber müsse man sich einfach zufrieden geben, „sonst arbeitet man sich auf“. Bei seinen Konzerten mag er das Kontrastprogramm, Chronologien oder rein thematische Zusammenhänge können ihn nicht begeistern. „Ein Konzert ist wie ein Menü.“ Man könne nicht nur Hauptgerichte essen, brauche zwischendurch etwas Leichtes. Und das i-Tüpfelchen sei stets das Dessert, bei Kremser die Zugabe. Das muss das Ganze abrunden, sagt er. Damit die Zuhörer mit einer Melodie auf den Lippen den Saal verlassen.

Das nächste Konzert der Werkkapelle ist am 10. November. Ein Benefiz-Kirchenkonzert zu Gunsten der Nachbarschaftshilfe der Caritas Altötting. Beginn ist um 16 Uhr in der Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jakobus. Musiker, die bei der Werkkapelle mitspielen wollen, sind übrigens jederzeit willkommen; Kontakt unter Tel. 08677/833303.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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