Ein „alter Hoechstler“ wird 90

Der Chemiker Dr. Helmut Gruber war in den 80er und 90er Jahren Werkleiter der damaligen Hoechst AG in Gendorf

Burghausen. Ein „alter Hoechstler“ ist und bleibt er – das sagt Dr. Helmut Gruber von sich, auch noch Jahrzehnte nachdem die Hoechst AG in Gendorf – dem heutigen Chemiepark Gendorf – nicht mehr existiert. Der ehemalige Werkleiter ist passionierter Chemiker und war im Landkreis als Leiter des Hoechst-Werks bekannt − und als Reformer, vor allem, was Arbeitssicherheit angeht. Viele erinnern sich noch an die sogenannte „Gruberhalbe“, das Ergebnis seiner Initiative, den Alkoholkonsum im Werk zu reduzieren. Vergangene Woche wurde Helmut Gruber 90.

Der Chemiker liegt ihm im Blut, könnte man sagen: Der gebürtige Burghauser ist Sohn des ehemaligen Wacker-Werkleiters Wolfgang Gruber. „Chemie ist die Grundlage für alles“, beschreibt Helmut Gruber die Faszination, die ihn sein ganzes Leben lang begleitet hat und ihn durch ganz Deutschland und bis nach Mexiko geführt hat. Die große Bandbreite seiner Arbeit als Leiter zweier Hoechst-Werke – in Kehlheim und Gendorf – kann er bis heute nicht hoch genug schätzen. „Ich hatte sehr, sehr vielseitige Aufgaben“, sagt er. Und als Chemiker, macht er klar, lernt man nie aus.

Geboren ist Helmut Gruber in Burghausen, im Elternhaus in der Unghauser Straße, in dem er heute wieder lebt. Vier Geschwister hatte er, der ältere Bruder Hans-Jürgen starb im Zweiten Weltkrieg – am 30. April, quasi schon fast zu Kriegsende. Helmut Gruber hatte Glück, er war ein „weißer Jahrgang“, gerade noch zu jung für den Krieg.

Nach dem Abitur in Burghausen studierte Gruber Chemie in Regensburg – München war da noch zu zerbombt, die Uni hatte noch nicht offen. Seine Promotion absolvierte Gruber dann in München und schnell zeigte sich, dass das Chemiestudium eine gute Idee war: „Chemiker waren damals überall gesucht, ich konnte es mir aussuchen, wo ich anfangen wollte.“ Angebote in Deutschlands Norden lehnte er ab – zu weit weg von den Alpen für den leidenschaftlichen Bergsteiger. Also war die erste Station Gersthofen bei Augsburg, wo er mit seiner Frau Marlene (geborene Pauli aus Burghausen) lebte und auch die drei Kinder zur Welt kamen.

Die Forschung hatte es ihm angetan, er wurde schnell Leiter des Technikums. Nach einem Stop in Frankfurt ging es für die Familie Gruber nach Kehlheim, wo Helmut Gruber Leiter des Hoechst-Faserwerks wurde. In dieser Zeit baute er auch ein Werk in Mexiko mit auf. Lachend erinnert sich Gruber an die Mentalität der Mexikaner:„ Mañana, mañana heißt es da immer – aber das muss dann nicht morgen sein, sondern irgendwann!“ Eine Herausforderung sei das gewesen, aber auch eine schöne Erfahrung.

In den 70er Jahren dann kam die Faserkrise und Helmut Gruber sollte das Werk Kehlheim verlassen – doch er ging nicht, er wollte die Firma aus den roten Zahlen bringen. Erst als das geschafft war, stimmte er der Versetzung zu – er kam nach Gendorf.

Zehn Jahre blieb er dort und bis heute ist er stolz auf die innovative Arbeit, die dort geleistet wurde. Eine seiner großen Themen als Werkleiter war die Arbeitssicherheit: Lag die Unfallquote in Gendorf zwischen 30 und 40 bei der 1000-Mann-Quote, senkte sie Gruber mit verschiedenen Arbeitssicherheitsmaßnahmen auf 3. Dabei spielte – nicht nur, aber auch − der Alkoholkonsum eine Rolle. „Da fuhren die Bierwägen ins Werk!“ So unvorstellbar das heute ist, damals war es ebenso unvorstellbar, das Bier zu verbieten. Weil Gruber wusste, die Belegschaft würde einen radikalen Schnitt nicht mitmachen, setzte er eine Regel durch: Es gab eine Halbe Bier pro Schicht, die schnell die „Gruberhalbe“ genannt wurde. Kritik gab es freilich trotzdem von allen Seiten, aber das Ergebnis gab Gruber – übrigens selbst ein Freund guten Bieres – Recht.

Das zweite großes Thema, das ihn Zeit seines Berufslebens begleitete, war der industrielle Umweltschutz. Chemiebranche und Naturschutz sieht er nicht als Gegensatz, so saß er in mehreren Branchen-Umweltausschüssen und auch im Vorstand des bayerischen Chemieverbands war er verantwortlich für den industriellen Umweltschutz. Und zwar, das betont er, bevor andere Branchen überhaupt die Wichtigkeit von Umweltschutz erkannt hätten.

Ein halbes Jahr nachdem Helmut Gruber als Werkleiter in Gendorf in den Ruhestand ging, wurde die Zerschlagung von Hoechst eingeleitet. Schlimm sei das für ihn gewesen. „Das Werk ist zerhackt worden“, sagt er. Nur einmal noch hat er sich seither durch den Industriepark führen lassen.

Auch mit 90 bleibt Helmut Gruber wie er stets war: aufgeschlossen, interessiert an der Welt, sportlich. Letztes Jahr fuhr er sogar noch Ski, in die Berge geht er noch, nur nicht mehr mit Kletterseil. Im langen Ruhestand reisten Helmut Gruber seine Frau viel, bis Marlene vor 16 Jahren starb. Die Familie ist mit acht Enkeln und zwei Urenkeln groß – und viele davon sind in der Nähe und gratulierten dem sportlichen Großvater herzlich zum 90.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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