Dyneon setzt auf Standort Gendorf

Fluorpolymere spielen eine zentrale Rolle unter anderem bei der Energie- und Mobilitätswende

Burgkirchen. Die Chemische Industrie im Bayerischen Chemiedreieck mit unmittelbar rund 25 000 Arbeitsplätzen in rund 30 Unternehmen in den Kreisen Altötting, Traunstein und Mühldorf ist dabei, sich neu zu sortieren, angesichts der Herausforderungen durch Klimawandel und Sorgen um die Versorgungssicherheit mit Energie, die eine Produktion zu weltmarktfähigen Preisen erlaubt. Für den Standort der Dyneon GmbH im Chemiepark Gendorf in Burgkirchen ist die Antwort klar: „Wir investieren weiter in den Standort und in die Entwicklung von Fluorpolymeren für wichtige Zukunftstechnologien“, bestätigen der kaufmännische Geschäftsführer Burkhard Anders und der technische Geschäftsführer Stephan Führer im Gespräch mit PNP-Heimatwirtschaft. Der Chemiepark biete hierfür ein ideales Umfeld.

Wo sehen Sie bei Dyneon die großen Herausforderungen für die chemische Industrie und wie reagieren Sie darauf?
Burkhard Anders: Die chemische Industrie steht ohne Zweifel vor großen Herausforderungen. Es geht insgesamt um den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, das heißt um CO²-effiziente Produktionsanlagen sowie um eine zukunftsfähige nachhaltige Produktion nach höchsten Sicherheits- und Umweltstandards. Das alles vor dem Hintergrund eines starken internationalen Wettbewerbs. Hier sind wir in Gendorf sehr gut aufgestellt. Fluorpolymere spielen eine zentrale Rolle unter anderem bei der Energie- und Mobilitätswende. Darauf konzentrieren wir uns.

Herr Anders, die Fluorchemie ist in der jüngsten Vergangenheit etwas in Verruf geraten, in den Medien durch das Schlagwort PFOA und in der Praxis durch Konzentrationen dieser chemischen Verbindung in Bodenflächen in manchen Teilen des Landkreises Altötting. Sehen Sie das Material auf dem Rückzug?
Burkhard Anders: Perfluoroktansäure, kurz PFOA, wird seit über zehn Jahren in Gendorf nicht mehr eingesetzt. Aber in Ihrer Frage stecken unterschiedliche Gesichtspunkte, die man getrennt betrachten sollte. PFOA wurde in Gendorf seit 1968 von unterschiedlichen Unternehmen als Hilfsstoff in der Fluorproduktion eingesetzt. Die Rückstände im Boden im Landkreis Altötting stammen aus einer Produktion die teils Jahrzehnte zurückliegt. Wir haben seit Beginn unserer Aktivitäten in Gendorf über 35 Millionen Euro in moderne Technologien zur Verminderung von Emissionen und Schließung von Produktionskreisläufen investiert. Wir sind als erster Fluorpolymerhersteller weltweit aus der Verwendung von PFOA ausgestiegen. Die globale Nachfrage nach Hochleistungskunststoffen basierend auf Fluorpolymeren steigt. Fluorpolymere sind aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften in wichtigen industriellen und medizinischen Anwendungen unverzichtbar, wie etwa in chirurgisch-implantierbaren medizinischen Geräten. Sie unterstützen den Ausstieg aus Atom- und fossiler Brennstofftechnologie und tragen dazu bei, Emissionen zu reduzieren. Viele Länder, darunter auch China, bauen zurzeit massiv ihre Produktionskapazitäten aus, um die Entwicklung dieser Schlüsseltechnologien weiter voranzutreiben. Wir können von Gendorf aus, unter Einhaltung höchster Umweltstandards, eine weltweit steigende Nachfrage nach Fluorpolymeren bedienen.

Wie übernehmen Sie konkret Verantwortung für das Thema PFOA in der Region?
Burkhard Anders: Wir arbeiten seit Jahren eng mit den lokalen Behörden an nachhaltigen und zukunftsfähigen Lösungen. Im Augenblick werden zwei Filteranlagen für die Wasserversorgung im Bereich Burgkirchen und Kastl sowie Alt- und Neuötting gebaut, deren Herstellungskosten und Betriebskosten für die nächsten 50 Jahre von der Industrie übernommen werden. Diese modernen Aktivkohle-Filteranlagen sind in der Lage, PFOA bis zur Nachweisgrenze aus dem Trinkwasser zu filtern. Wir setzen uns, gemeinsam mit den Aufsichtsbehörden und Gemeinden, für umweltverträgliche Lösungen im Zusammenhang mit PFOA-haltigem Erdaushub im Landkreis Altötting ein. Dyneon hat hierzu ein Konzept entwickelt, das den zuständigen Behörden vorliegt.

Die Konsequenzen von PFOA für die Gesundheit sind doch umstritten. Gibt es hier den Nachweis erhöhter Krankheitsfälle?
Burkhard Anders: Die Summe wissenschaftlicher Erkenntnisse liefert keinen Nachweis dafür, dass von der Menge an PFOA, wie sie in der Umgebung des Chemieparks Gendorf vorkommt, eine Gefährdung für die menschliche Gesundheit ausgeht. Das bayerische Krebsregister zeigt keine Auffälligkeiten im Landkreis Altötting, die mit dem Stoff PFOA in Verbindung zu bringen wären. Auch ein weiteres Absenken von Leitwerten, wie zurzeit diskutiert, ist wissenschaftlich auf Basis der vorhandenen Datenlage sehr umstritten. Aber auch wenn der Trinkwasserleitwert weiter reduziert werden sollte, wären die Aktivkohlefilteranlagen in der Region dafür ausgerüstet.

Hat die Produktion von Fluorpolymeren, auch mit Blick auf steigende Energiekosten, im Bayerischen Chemiedreieck eine Zukunft?
Burkhard Anders: In jedem Fall. Wir setzen hier auf Forschung und Innovation: Allein im vergangenen Jahr hat Dyneon am Standort Gendorf rund 16 Millionen Euro investiert, heuer werden es sogar rund 25 Millionen sein.
Stephan Führer: Die Emissionen unserer Produktion sind bereits aufgrund in der Vergangenheit implementierter Technologien massiv reduziert worden. Dennoch ist es unser Anspruch, uns weiter zu verbessern. Neben der Produktentwicklung fließt daher ein großer Teil unserer Investitionen in neue Technologien zur Schonung von Ressourcen und zur weiteren Reduzierung von Emissionen. Es ist unser Ziel, Technologien zu identifizieren, die es uns ermöglichen, unser Abwasser wieder im Produktionsprozess einzusetzen. Hier arbeiten wir unter anderem mit Nanofiltration, Osmose, und Ionentausch. Wir werden voraussichtlich bis Mitte 2020 erste Versuchsanlagen errichten. Das Projekt ist eingebettet in das „Zero Liquid Discharge-Programm“ des Chemieparks Gendorf, das vom Bayerischen Umweltministerium ins Leben gerufen wurde.

Wo sehen Sie denn konkret die Wachstumsmärkte, mal geografisch und mal technisch betrachtet?
Burkhard Anders: Geografisch betrachtet gehen über 50 Prozent unserer Produktion in den Export außerhalb Europas, vor allem in die USA aber auch mit wachsendem Anteil in Richtung Asien. In der EU haben wir seit vergangenem Jahr einen leichten Rückgang, rechnen allerdings heuer mit einem geringen Wachstum. Und mit Blick auf Technik und Anwendungsbereiche sehen wir starke Zukunftstrends im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit, die die technologische Entwicklung in der Spezialchemie der kommenden Jahre bestimmen werden und deren weitere Entwicklung wir aktiv vorantreiben.

Und was heißt das konkret?
Stephan Führer: Die Energiewende und die damit geforderte Reduzierung der CO²-Emissionen verlangt nach neuen Technologien, vor allem im Verkehrssektor. Schon heute spielen Lithium-Ionen Batterien eine zentrale Rolle. Gleichzeitig schreitet die Arbeit an innovativen Alternativen voran. Dazu zählen der Einsatz von Wasserstoff in der Brennstoffzelle oder künstlich hergestellte Brennstoffe als Ersatz für Benzin oder Dieselkraftstoff. In allen genannten Technologien laufen komplexe chemische Prozesse unter zum Teil hohen Temperaturen ab. Hochleistungsfluorkunststoffe sind wegen ihrer extremen Chemikalien- und Temperaturbeständigkeit ein unverzichtbarer Bestandteil dieser neuen technischen Lösungen.

Vor rund fünf Jahren haben Sie am Standort Gendorf eine Recyclinganlage für Fluorkunststoffe in Betrieb genommen. Hat sich diese Anlage mittlerweile bewährt?
Burkhard Anders: Das kann man wohl sagen. Uns ist es als erstes Unternehmen weltweit gelungen, ein Recyclingverfahren für sortenreine Fluorkunststoffe zu entwickeln. Produktionsabfälle die bislang deponiert oder verbrannt werden mussten, können heute in den Kreislauf zurückgeführt werden. Die Pilotanlage eröffnet der gesamten Branche die Möglichkeit, die Umwelt effektiv zu entlasten. Mit dieser Technologie lassen sich große Mengen des natürlichen Rohstoffs Flussspat, einem Grundstoff für Fluorkunststoffe, einsparen und Emissionen signifikant reduzieren.

Dyneon im Profil
Das Unternehmen Dyneon GmbH ist seit 1996 im Chemiepark Gendorf vertreten und hat hier von der ehemaligen Hoechst AG die Produktion und den Vertrieb von Fluorpolymeren übernommen. Dyneon hat Repräsentanzen in über 50 Ländern. In seiner Zentrale in Burgkirchen beschäftigt das Unternehmen rund 600 Mitarbeiter, Tendenz steigend.
Die Dyneon GmbH ist eine Tochtergesellschaft der 3M. Mit über 25 000 Patenten und rund 50 000 unterschiedlichen Produkten ist der Multitechnologiekonzern in beinahe allen Lebensbereichen vertreten, von der Luftfahrt bis zur Baubranche, vom Verkehrs- und Energiesektor bis zum Gesundheitsmarkt. 3M zählt außerdem zu den führenden Herstellern von Atemschutzmasken, die im Augenblick eine besondere Nachfrage erleben. Der vor über 100 Jahren gegründete US-Konzern beschäftigt weltweit rund 90 000 Mitarbeiter und erzielte 2018 einen Umsatz von 32,8 Milliarden US-Dollar.
Dyneon stellt jährlich über 16 000 Tonnen Fluorelastomere, PTFE, Fluorthermoplaste und Spezial-Additive her. Die Produkte werden unter den Marken Dyneon und Dynamar vertrieben. Eine der jüngsten Entwicklungen von Dyneon ist ein Polymer zur Herstellung von Membranen für den Einsatz in Brennstoffzellen. In Gendorf werden die Bereiche Produktion, Forschung und Entwicklung sowie Vertrieb und Marketing abgedeckt. 2014 nahm das Unternehmen in Gendorf die weltweit erste Recyclinganlage für Fluorpolymere in Betrieb. Weitere Anwendungs- und Produktentwicklungszentren für Fluorpolymere befinden sich in Belgien und den USA.

Details zu 3M im Internet:
www.3mdeutschland.de
www.go.3M.com/entwicklungs-und-spezialmaterialien 

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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