Chemiepark Gendorf – Pionier in Bayern

Chemische Industrie im Wandel – Innovation und Investition für modernen Umweltschutz

Burgkirchen. Die Sorgen der Chemischen Industrie mit Blick auf Herausforderungen durch Klimaschutzziele sowie Unsicherheiten in der Stromversorgung brennen der Branche auf den Nägeln und sind zumindest bei der bayerischen Staatsregierung angekommen. Wie stellt sich Bayerns größter Chemiepark, der Chemiepark Gendorf mit seinen rund 30 Unternehmen und über 4000 Arbeitsplätzen, den Herausforderungen? Dazu nimmt Dr. Bernhard Langhammer, Geschäftsleiter des Standortbetreibers InfraServ Gendorf Stellung.

Vor wenigen Wochen berichtete die Heimatzeitung über ein aktuelles Forschungsprojekt auf Initiative von MdL Dr. Martin Huber zum Thema „Geschlossene Stoffkreisläufe in der Industrie“. Wie weit ist das Vorhaben denn gediehen?
Dr. Bernhard Langhammer: Das Projekt startet in Kürze. Die Rahmenbedingungen wurden unlängst mit dem CSU-Umweltpolitiker und Landtagsabgeordneten Martin Huber sowie Vertretern des Umweltministeriums und des Landesamts für Umwelt (LfU) festgelegt. Im Herbst beginnen die konkreten Studien unter der Projektleitung des LfU. Wir freuen uns sehr, dass wir an diesem beispielhaften Projekt teilnehmen können. Es steht für Innovation und Wandel auch in der Chemieindustrie.

Worum geht es denn ganz konkret?
Dr. Langhammer: Im Mittelpunkt stehen Erforschung und Optimierung technischer Möglichkeiten zur Vermeidung von Stofffrachten im Abwasser der chemischen Produktion. Was sich für den Laien einfach anhört, ist in der Realität hochkomplex – vor allem vor dem Hintergrund einer historisch gewachsenen Infrastruktur wie die des Chemieparks Gendorf. Andererseits war Gendorf immer wieder Vorreiter bei vielen Innovationen, weshalb wir bei dem Thema durchaus ein Motor sein können.

Wie gehen andere Standorte und Industrien mit der Herausforderung Gewässer- und Umweltschutz um?
Dr. Langhammer: Die Erforschung der abwasserfreien Produktion bzw. einer Industrieproduktion ohne ins Freie gelangende Abwässer leisten wir Pionierarbeit im sensiblen Umgang mit der Ressource Wasser.
An vielen Industriestandorten weltweit ist diese Form der Abwasserbehandlung bereits ein Topthema. Und es rückt immer mehr in den Fokus von Unternehmen, weil Ressourcen geschont werden sollen.
Der Chemiepark Gendorf übernimmt deshalb in Bayern die Rolle eines Pilotstandorts für diese zukunftsweisende Technologie, die vielleicht sogar irgendwann ein neuer Standard in der Industrie werden kann. Das vom Freistaat Bayern unterstützte Projekt muss neben der technischen Machbarkeit jedoch auch die Wirtschaftlichkeit solcher Verfahren unter Beweis stellen.

Welche Rolle spielen Umweltschutz und Themen wie Nachhaltigkeit und Ökologie denn grundsätzlich für den Chemiepark?
Dr. Langhammer: Der Schutz von Mensch und Umwelt hat bei uns im Chemiepark Gendorf immer oberste Priorität. Aus diesem Grund arbeiten alle Standortunternehmen im Chemiepark kontinuierlich daran, die Umweltauswirkungen der chemischen Produktion immer weiter zu reduzieren – sei es zum Beispiel durch umweltverträglichere Technologien und Herstellungsverfahren oder durch Maßnahmen in Gewässerschutz oder in Ressourcenreduzierung durch Effizienzsteigerungen.

Und wie passiert das?
Dr. Langhammer: Nur ein Beispiel: Um unser Kühlwasser noch effizienter einsetzen zu können, modernisieren wir als Standortbetreiber seit zwei Jahren Schritt für Schritt unser gesamtes Rückkühlsystem und investieren hier einen knapp zweistelligen Millionenbetrag. Dass wir mit solchen Anstrengungen erfolgreich sind, zeigen weitere Schritte: Den Wasserverbrauch sowie das Abwasser konnten wir am Standort in den vergangenen zehn Jahren deutlich reduzieren – und das obwohl die Produktion um knapp 40 Prozent gesteigert wurde. Im gleichen Zeitraum ist es sogar gelungen, den CO²-Ausstoss um 30 Prozent zu vermindern. Solche Erfolge sind eben nur durch Investitionen in den neuesten Stand der Technik möglich. Und das zeigt: Eine hohe Anlageneffizienz geht mit maximaler Umweltfreundlichkeit einher. Tatsache: Gendorf produziert heute umweltschonender als je zuvor in der langen Geschichte des Chemiewerkes.

Ein Eindruck, der aktuell in der Öffentlichkeit nicht unbedingt gegeben scheint …
Dr. Langhammer: Es wird oft der Eindruck erweckt, die Umweltbelastung durch den Chemiepark erreiche derzeit einen Höhepunkt. Aber das ist schichtweg falsch. Dass in der Vergangenheit, vor allem in den Jahrzehnten nach der Gründung des Werkes , die Herstellung vieler chemischer Produkte mit einer starken Belastung für die Umwelt einherging, bestreitet heute niemand. Umweltschutz war in diesen Jahrzehnten noch kein derart wichtiges Thema und Umweltstandards spielten in der Produktion kaum eine Rolle. Aber diese Haltung ist seit Jahrzehnten überholt. Heute sind die Umweltbelastungen des Chemieparks Gendorf so gering wie noch nie – die Umweltsituation in der Umgebung des Chemieparks Gendorf unauffällig, wie Immissionsmessungen zeigen. Selbst die gewässerökologische Situation in der Alz hat sich nach dem unglücklichen Ereignis von 2012 wieder erheblich verbessert. Gutachten zeigen, dass der Fischbestand wieder in einem sehr guten Zustand ist. Auf diesen Ergebnissen wollen wir aufbauen und Investitionen und darüberhinausgehendes Engagement in der Region, wie zum Beispiel im Rahmen des Vereins Naturnahe Alz, weiter fortsetzen.

Investitionen, Transformation und Wandel sind für die Industrie ja grundsätzlich ein Thema – wie stehen Sie dazu? Welche Visionen haben Sie für die Zukunft des Chemieparks?
Dr. Langhammer: Die Industrie muss natürlich immer offen sein für Innovationen und neue Entwicklungen. Auch wir in Gendorf gestalten den Wandel von Industrie und Gesellschaft mit. Wir haben uns in der Vergangenheit einen Namen als Fluorchemie-Standort gemacht und uns auf Grund unserer Standortvorteile in dieser profitablen Nische etabliert. Die Produkte sind essenziell für die verschiedensten unverzichtbaren Technologien im Alltag. Das ist HighTech und bedeutet Potenzial für die Zukunft.

Wo kommen Fluorpolymere denn im Alltag konkret zum Einsatz?
Dr. Langhammer: Überall dort, wo bei Produkten und Anwendungen hohe Lebensdauer, hohe Zuverlässigkeit, hohe Hygienestandards oder Gewichtsreduktion eine große Rolle spielen. Ihr Einsatz ist beispielsweise in der modernen Kommunikationselektronik, im Automobilbau oder in der Medizin- technik nicht wegzudenken. Und was viele nicht wissen: Fluorpolymere haben aufgrund ihrer einzigartigen Eigenschaften eine Schlüsselrolle in der Elektromobilität, bei der Energiespeicherung sowie der Nutzung regenerativer Energien.

Bereiche, die für unsere Gesellschaft also zunehmend wichtiger werden?
Dr. Langhammer: Genau. Darum kann man davon ausgehen, dass weltweit die Nachfrage nach Fluorkunststoffen künftig noch steigen wird. Wenn unser Standort weiterhin für Fluorpolymer-Hersteller wie Dyneon attraktiv bleibt, dann haben wir hier als Chemiepark eine gute Ausgangslage, von dieser Entwicklung zu profitieren – und das unter Berücksichtigung weltweit höchster Umweltstandards und nach dem Stand der Technik.

Sie blicken mit dieser Ausgangslage also positiv in die Zukunft?
Dr. Langhammer: Die wirtschaftlichen Perspektiven der Unternehmen im Chemiepark sind grundsätzlich positiv zu bewerten. Wir sind innovativ. Produziert werden Spezialitäten-Produkte für zukunftsfähige Märkte und alle Unternehmen profitieren von Standortvorteilen wie einer gemeinsame Chemiepark-Infrastruktur oder dem hohen Qualifikationsniveau der auf die Chemie ausgerichteten Region.

Und wo kommt konkret der Standortbetreiber ins Spiel?
Dr. Langhammer: Ziel von uns als Standortbetreiber ist es freilich, den Chemiepark zukunftsfähig weiter zu entwickeln und damit auch langfristig Arbeitsplätze in der Region zu halten. Allerdings wissen wir auch, dass das harte Arbeit wird: In Deutschland kühlt die Konjunktur gerade deutlich ab und die Chemieindustrie erwartet sogar einen Produktionsrückgang von 3,5 Prozent. Verschärfend ist ein deutlicher Strukturwandel in der produzierenden Industrie wahrzunehmen: Mittelständische Unternehmen bauen Arbeitsplätze ab – und das nicht nur im Automobilzuliefererbereich. Die Begründung lautet meistens: Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik sollte über diesen schleichenden Prozess der „Deindustrialisierung“ alarmiert sein.

Wie schaut‘s denn mit den äußeren Rahmenbedingungen für den Chemiepark aus? Die Branche klagt zunehmend über brennende Sorgen in der die Energieversorgung.
Dr. Langhammer: Neben technologischen Innovationen und einem Produktportfolio mit Zukunftspotenzial sind natürlich auch Konstanten und Planungssicherheit für unseren künftigen Erfolg wichtig. Eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Betrieb eines Chemieparks ist eine sichere und wettbewerbsfähige Energieversorgung. Vor allem die hochmodernen Technologien in den Anlagen verlangen Stabilität in der Stromversorgung, da sie immer feinfühliger ansprechen. Hier sind Politik und Stromversorger gefordert. Sie bestimmen damit indirekt die Zukunft des Standorts mit. Wir haben vor drei Jahren in eine neue und hocheffiziente Anlage zur Kraft-Wärme-Koppelung über 30 Millionen Euro investiert und alle Hausaufgaben am Standort nach Stand der Technik gemacht. Jetzt ist die Politik gefordert. Ich schließe mich hier ganz den Forderungen der Bayerischen Chemieverbände an.

Politik ist das eine, Behörden sind das andere ...
Dr. Langhammer: Auch eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Behörden ist für uns von großer Bedeutung. Gerade in der stark kontroversen Diskussion um PFOA ist aufgrund des hohen fachlichen Niveaus der zuständigen Behörden die Sicherheit für die Bevölkerung jederzeit gewährleistet. Wir unterstützen das mit einem kontinuierlichen und transparenten Informationsaustausch mit den zuständigen Behörden.
Allerdings beobachten wir in diesem Zusammenhang auch mit Sorge, dass Institutionen wie Behörden und Ämtern immer weniger Vertrauen entgegengebracht wird – teilweise von Teilen der Bevölkerung, von NGOs und verwunderlicher Weise auch von einzelnen Politikern. Dabei muss man ganz klar sagen: Unsere Behörden, auch die Genehmigungsbehörden, entscheiden, genehmigen und handeln nach Recht und Gesetz. Letztere entstehen in einem gesellschaftlichen Konsens.

Gehören Kritik üben und Hinterfragen nicht zu Demokratie und Rechtsverständnis in unserer sich wandelnden Gesellschaft? Erfordert dies nicht auch ein anderes Handeln der Industrie im Bereich des Umweltschutzes?
Dr. Langhammer: Der Wandel in unserer Gesellschaft verändert sich positiv in Richtung mehr Beteiligung. Kein Zweifel. Die kritische Hinterfragung und Diskussion sind umso wichtiger und wertvoll in unserer demokratischen Gesellschaft. Industrie und Behörden müssen sich daher dieser Herausforderung stellen, zum Beispiel, indem sie maximale Transparenz aufweisen und Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit noch sichtbarer in den Fokus rücken. Umso wichtiger ist es allerdings, dass gesetzliche Vorgaben und Richtlinien sowie die fachliche Autorität von Institutionen und Wissenschaftlern dabei nicht untergraben werden, um politische Spiele auf den Schultern der Bürger zu treiben und die Bevölkerung mit Desinformation unnötig zu beunruhigen. Genau hier liegt für mich gesellschaftlich eine der größten Bedrohungen unserer Zeit. Komplexe Zusammenhänge und Abhängigkeiten, seien sie politischer und gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher und technischer Natur, lassen sich eben nicht auf simple Parolen oder manipulative Schlagzeilen reduzieren und schon gar nicht durch populistischen Aktionismus lösen.

Wie stellt sich der Chemiepark Gendorf konkret diesen Herausforderungen?
Dr. Langhammer: Grundsätzlich sind wir absolute Befürworter von scharfen Grenzwerten und einer stets kritischen Hinterfragung bei der möglichen Wirkung von Stoffen. Genau hier liegt unsere Verantwortung für Mensch und Natur, der wir mit Investitionen und aktuellen Forschungsprojekten nachkommen. Neue Technologien und eine moderne Analytik helfen uns dabei.

Und wie schaut das in der Praxis aus?
Dr. Langhammer: Mit freiwilligen Messungen wie beispielsweise dem umfassenden Immissionsmessprogramm überprüfen und dokumentieren wir die Auswirkungen unseres Handelns. Gleichzeitig werden Produktionsverfahren entwickelt oder umgestellt, um die Beeinflussung von Mensch und Natur mit Stoffen auf ein Minimum zu begrenzen. Auch die Aktivkohlefilteranlagen sind ein gutes Beispiel, wie pragmatische Lösungen zur Sicherung des Trinkwassers und damit zum Schutz der Bevölkerung seitens Industrie umgesetzt wurden. All das zeigt, dass wir gezielte Investitionen in neue Technologien und Anlageneffizienz unbedingt brauchen, um den Umweltschutz zu fördern – aber auch, um langfristig nachhaltig wachsen zu können. Hier müssen Ökologie und Ökonomie ineinandergreifen.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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