Chemiepark Gendorf – alles andere als eine „Resterampe“

Vielmehr: Standort mit Zukunft – Dr. Bernhard Langhammer nimmt nach 14 Jahren Abschied von der ISG-Spitze

Burgkirchen/Alz. Nach 14 Jahren als Geschäftsleiter der InfraServ Gendorf (ISG) ist Dr. Bernhard Langhammer auf der Zielgeraden in den Ruhestand. Die zurückliegenden Jahre waren ereignisreich und herausfordernd. Bei Übernahme der Verantwortung war die InfraServ Gendorf immer noch in der Zielfindung. In der Branche wurde sie durchaus nach der Selbstauflösung des einst weltweit aktiven Hoechst-Konzerns in der Branche spöttisch als „Hoechster Resterampe“ bezeichnet.

Zuvor war Hoechst in der Region mit Beteiligungen an Wacker und an der SKW Trostberg AG sowie dem starken Hoechst-Standort in Gendorf im Kreis Altötting enorm präsent. Heute ist Chemiepark Gendorf als Standort mit Zukunft bestens aufgestellt.

Als Dr. Langhammer seine Aufgabe im Frühjahr 2006 antrat, kam er quasi als Rückkehrer in die Region. Er hatte 1989, nach seinem Chemiestudium in München und der Promotion in Oldenburg, bei der damaligen SKW Trostberg AG (heute AlzChem) angefangen und war 1993 nach Garching-Hart gezogen. Nach der Fusion und Aufsplittung im damaligen Degussa-Konzern war Langhammer ab 2003 in Düsseldorf danach in Wesseling bei Köln für die Degussa (heute Evonik) im Einsatz.

Herr Dr. Langhammer, haben Sie die Rückkehr ins Bayerische Chemiedreieck an der Spitze der InfraServ Gendorf in den vergangenen 14 Jahren jemals bereut? Immerhin gab es ja doch einige Herausforderungen, um es vorsichtig zu sagen.

„Ereignisse, die ich mir nicht gewünscht hätte“
Dr. Bernhard Langhammer: Ich kannte die Region, das Bayerische Chemiedreieck, ja schon aus meiner früheren Tätigkeit für die SKW Trostberg AG. Schon deswegen bin ich gerne zurückgekehrt. Und es waren gerade die Herausforderungen in der damals noch jungen InfraServ Gendorf, die mich gelockt haben. Aber ich muss gestehen, dass es auch ein paar Ereignisse gegeben hat, die ich mir nicht gewünscht hätte. Ich denke da beispielsweise an das Fischsterben in der Alz im Frühjahr 2012. Aber wichtig war, dass wir aus den Fehlern gelernt und die Konsequenzen gezogen haben. Und so groß zunächst die Schelte war, die wir in der Öffentlichkeit bezogen haben, so groß war dann später auch die Anerkennung für die Lösung und Renaturierung der Alz.

Bevor wir weiter ins Detail gehen – zunächst zwei formelle Fragen: Wem gehört eigentlich die InfraServ Gendorf und warum ist die Position an der Spitze ein Geschäftsleiter und kein Geschäftsführer?
Dr. Langhammer: Das Unternehmen heißt ja mit vollem Namen InfraServ GmbH & Co. Gendorf KG, ist also eine Sonderform einer Kommanditgesellschaft. Persönlich haftender Gesellschafter in dieser Firmierung ist die Infraserv Verwaltungs GmbH in Frankfurt am Main mit dortigen Geschäftsführern, weswegen die Verantwortung in Gendorf bei Geschäftsleitern liegt. Die Anteile werden von den Unternehmen Clariant (50 Prozent), Celanese (29,5 Prozent) und Vinnolit (20,5 Prozent) gehalten. Alle drei Unternehmen sind ebenfalls aus dem ehemaligen Chemie-Konzern Hoechst AG hervorgegangen.

Kurz nach Ihrem Einstieg in Gendorf hat der Standort Besuch von Greenpeace-Aktivisten erhalten, die damals mit einer spektakulären Aktion auf die Belastung der Umwelt durch PFOA hingewiesen haben.
Dr. Langhammer: Ja, dieses Thema beschäftigt uns – und nicht nur uns – auch heute noch am Standort. Aber dazu sind einige Punkte klar zu trennen. Die Belastungen im Landkreis Altötting stammen überwiegend aus der jahrelangen Produktion am Standort bereits zu Zeiten des Hoechst-Konzerns und nicht aus der jüngeren Vergangenheit. Und am Standort selbst wurden die Produktionsverfahren vor mehr als zehn Jahren bereits umgestellt. Mittlerweile ist hier auch eine weltweit führende Upcycling-Technologie für Fluorkunststoffe im Einsatz. Und auf diese Fluor-Kunststoffverbindungen werden wir in unserer modernen Welt in absehbarer Zeit nicht verzichten können, weniger mit Blick auf Funktions-Kleidung, sondern vielmehr mit Blick auf Medizintechnik, erneuerbare Energien und moderne Produktionsverfahren wie zum Beispiel bei der Microchip-Herstellung.

Aber wie wird es mit der Belastung in der Fläche weitergehen?
Dr. Langhammer: Die Industrie hat hier bereits reagiert. Nicht nur die Produktionsverfahren sind seit langem umgestellt, auch Filteranlagen für Trinkwasser in den betroffenen Bereichen wurden gebaut. Jetzt ist die Politik gefordert, mit Augenmaß die weitere Entwicklung zu begleiten. Es wäre sicher nicht zielführend, etwa in Burghausen auf Gewerbeflächen die weitere Entwicklung durch endlos lange Verfahren zu hemmen. Man sollte anfallendes Erdreich, etwa in Lärmschutzwällen sichern und an Ort und Stelle belassen.

Und wenn Sie nun mal auf positive Erlebnisse zielen. Was würden Sie als Ihren größten Erfolg bezeichnen?
Dr. Langhammer: Kurz gesagt, dass es gelungen ist, den jahrelangen Investitions- und Modernisierungsstau am Standort aus den ersten Jahren der Unsicherheit nach dem Abschied der Hoechst AG aufzulösen. Die InfraServ hat in den vergangenen 15 Jahren rund 300 Millionen Euro investiert, inklusive der Beteiligung am neuen Kraftwerk am Standort. InfraServ Gendorf stellt damit heute eine hochmoderne Infrastruktur für die Chemische Industrie bereit und hat sich als kompetenter Dienstleister für benachbarte Unternehmen in der Region etabliert. Wir erbringen zum Beispiel technische Dienstleistungen und Laborleistungen für die OMV und für Borealis in Burghausen.

Dabei war ihr „Masterplan 2015“ aus dem Jahr 2007, mit dem Sie den Kurs für die weitere Entwicklung vorgeben wollten, zunächst mit Skepsis betrachtet worden.

„Potenzial für neue Ansiedlungen“
Dr. Langhammer: Ja, wir hatten damals zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit ein Kostensparprogramm mit Stellenabbau vorgenommen. Mittlerweile, mit rund 1150 Mitarbeitern, sind aber rund 200 Arbeitsplätze mehr entstanden, als es zum Zeitpunkt meines Eintritts in das Unternehmen waren. Auch das freut mich in der Bilanz. Und das Unternehmen investiert in die Zukunft und die Ausbildung junger Menschen, wie aktuell der Aufbau des neuen Lehr-Technikums anschaulich belegt. Der Standort ist zukunftsfähig und bietet auch Potenzial für neue Ansiedelungen.

Sie denken an Unternehmen aus der Branche wie Linde oder Gore, die sich seit dem Abschied von Hoechst neu in Gendorf angesiedelt haben?
Dr. Langhammer: Ja. Sie haben da zwei erfolgreiche Beispiele genannt. Aber der Standort verfügt noch über weiteres beträchtliches Potenzial – auch dank der Investitionen in die gesamte Infrastruktur. In Bayern gibt es wohl keinen anderen Standort, der einem Chemie-Unternehmen vergleichbare Flächen im Vorhalt bieten kann wie Gendorf. Rund 40 Hektar können hier noch erschlossen und für Unternehmen entwickelt werden. Da steckt noch viel Potenzial drin.

Auch mit Blick auf die Wasserstoff-Initiative, für die sich auch Landtagsabgeordneter Dr. Martin Huber stark macht?
Dr. Langhammer: Ja, da sehe ich durchaus Potenzial. Gendorf ist ein Standort, an dem Wasserstoff in der Produktion anfällt, der bislang noch energetisch in der Produktion zum Einsatz kommt, der aber auch einer höheren Wertschöpfung zugeführt werden könnte.

Was aber bedeutet, dass die in der Produktion benötigte Energie aus anderen Quellen bezogen werden müsste?
Dr. Langhammer: Exakt. Darin sehe nicht nur ich eine große Herausforderung: Will man die chemische Industrie in der Region allein auf klimaneutrale Prozesse umstellen, dann könnte das einen vielfachen Bedarf an klimaneutral erzeugter elektrischer Energie oder Wasserstoff bedeuten. Der Import von regenerativem Strom bedeutet wiederum den Bau von Hochspannungsleitungen. Sie sehen, da gibt es noch jede Menge Aufgaben für die Zukunft.

Die Infrastruktur und ihr Ausbaubedarf waren in den vergangenen Jahrzehnten Dauerbrenner im Bayerischen Chemiedreieck. Jetzt gibt es immerhin die durchgehende A94. Sehen Sie darin einen wesentlichen Erfolg oder eher, einen Zugewinn an Standortsicherheit?
Dr. Langhammer: Auf alle Fälle: Aber lassen Sie mich da etwas ausholen. Ich sehe Erfolge in mehreren Ebenen, zum einen in der Infrastruktur, die geschaffen wurde und zum anderen in der Gründung und der erfolgreichen Arbeit des Interessenverbundes ChemDelta Bavaria. Die Aktionsgemeinschaft „Ja zur A94“ war ein Weg in die richtige Richtung. Eine Interessensvertretung wie ChemDelta war mir von Anfang an ein Anliegen. Vorbilder gab es im Raum Köln oder auch an Standorten in Ostdeutschland. Und als Erfolge dieser Interessensvertretung sind sicher der Bau der Ethylen-Pipeline Süd zu sehen, der EPS, die vor rund sieben Jahren ans Netz ging, für die Industrie zu Folgeinvestitionen in dreistelliger Millionenhöhe führte und Arbeitsplätzen im Bayerischen Chemiedreieck mehr Sicherheit bietet.

Und weitere Aufgaben...?
Dr. Langhammer: Da gibt es genügend. Mal abgesehen von den genannten Projekten oder Vorhaben mit Potenzial möchte ich nur mal zwei nennen: Die Entwicklung der Studiengänge am Campus Burghausen. Vor allem die Fachrichtungen Chemieingenieur und Chemtronik liegen uns am Herzen. Diese Studiengänge bieten nicht nur jungen Menschen beste Zukunftschancen, damit sichert sich die Region mittelfristig auch einen Standortvorteil und mit Chemtronik ein Alleinstellungsmerkmal im gesamten deutschsprachigen Raum. Aus Molekülen werden hier Bits und Bytes, unser Beitrag zur Digitalisierung der Prozessindustrie. Und das zweite Projekt, das mit allem Nachdruck verfolgt werden muss, ist der Ausbau der Bahnstrecken mit Elektrifizierung, Zweispurigkeit nach München und Salzburg, Ertüchtigung für höhere Achslasten und Direkteinmündung aus dem Chemiedreieck in die Strecke nach Salzburg in Tüßling. Wir brauchen diesen Ausbau, um die Standorte und die Arbeitsplätze zu sichern, aber auch, um die Straßen zu entlasten. Alle reden von Kreislaufwirtschaft – die benötigt eben auch Verkehrsinfrastruktur.

Wenn Sie nun im kommenden Jahr wieder mehr Zeit zur Verfügung haben, werden Sie sich dann wieder stärker in die Initiative ChemDelta einbringen? Oder als Dozent am Campus Burghausen einsteigen?

Erfahrungen weiter bei ChemDelta einbringen
Dr. Langhammer: Letzteres weniger, aber ich denke, dass ich meine Erfahrungen weiterhin bei ChemDelta gut einbringen kann.

Aber was dann? Krocket? Das Handicap verbessern?
Dr. Langhammer: Ja, das auch. Ich habe mich da in den vergangenen Jahren respektabel hochgearbeitet. Und wer weiß: Vielleicht gelingt es mir ja, diesen faszinierenden Sport, der vor über 100 Jahren sogar olympische Disziplin, war mit Männern und Frauen gemeinsam in einem Turnier, auch in der Region populär zu machen?

Interview: Dr. Ernst Deubelli

STICKWORT: Krocket
Krocket oder (französisch und englisch) Croquet ist ein interaktiver Präzisionssport für zwei oder vier Spieler auf ebenen Rasen, bei dem es das Ziel ist, farblich markierte Kunststoffbälle mit hammerförmigen Schlägern, genannt Mallets, in vorgegebener Reihenfolge durch massive Tore zu spielen. Das Spiel hat sich aus dem im 16. und 17. Jahrhundert beliebten „Paille Maille“ entwickelt, bei dem die Holzkugeln mit dem Holzhammer geschlagen wurden. Krocket war besonders im 19. Jahrhundert sehr populär und war als Croquet eines der typischen Freizeitvergnügen des Bürgertums und des europäischen Adels.


InfraServ: Langhammer geht – von Reden ist da

Neuer Geschäftsleiter seit Juli

Burgkirchen. Die Weichen sind längst gestellt. InfraServ Gendorf hat seit 1. Juli einen neuen Geschäftsleiter. Die Übergabe der vollen Verantwortung ist jedoch noch offen. Erst zum Ende des Jahres wird Dr. Bernhard Langhammer nach 14 Jahren in der Verantwortung für die Bereitstellung des Chemieparks sowie Infrastruktur und Dienstleistungen in den Ruhestand wechseln. Im Chemiepark Gendorf sind rund 35 Unternehmen mit insgesamt über 4000 Arbeitsplätzen beheimatet.

Nachfolger ist Dr. Christoph von Reden. Er hatte in den vergangenen Jahren am Standort Mechelen (Belgien) die Verantwortung für fünf Produktionswerke in Europa bei der Cargill N.V. inne, einem internationalen Produzenten und Anbieter von Produkten und Dienstleistungen in den Bereichen Nahrungsmittel, Landwirtschaft, Finanzen und der technischen Industrie. Zuvor war Reden Geschäftsführer für die Cargill Deutschland GmbH, nachdem er als Werkleiter in Hamburg tätig war.

Zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn war er bei Cerestar Deutschland GmbH am Standort Krefeld als Projektingenieur und später als Gesamtproduktionsleiter beschäftigt. Dr. Christoph von Reden studierte Chemieingenieurwesen an der technischen Universität Dortmund, wo er auch seine Promotion abschloss.

Nach einer angemessenen Frist der Einarbeitung wird die Heimatzeitung Dr. Christoph von Reden in einem Interview näher vorstellen.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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