Bayerisches Chemiedreieck in großer Sorge: Ohu – abgeschrieben oder Notlösung?

Corona-Krise verschärft die Angst vor Versorgungsproblemen mit elektrischer Energie bei Neustart

Ohu/Region. Die Uhr tickt, die Tage scheinen gezählt. Das Kernkraftwerk „Isar 2/Ohu “ in der Gemeinde Essenbach bei Landshut soll spätestens im Dezember 2022 vom Netz gehen – als letztes in Deutschland. Die Industrie aus dem Bayerischen Chemiedreieck, eine der energie-intensivsten Branchen in Deutschland, zumal aus historischen Gründen hier Elektrochemie konzentriert ist, blickt mit großer Sorge auf diesen Tag. Zugleich ist das Bayerische Chemiedreieck eines der großen Wirtschaftszentren in Deutschland und in normalen Zeiten ein Export-Motor.

Wo soll nach dem Abschalten von „Isar 2“ der Strom in sicherer Qualität und Menge – und vor allem zu weltmarktfähigen Preisen – herkommen, um an Inn, Alz und Salzach die energie-intensiven Anlagen mit unmittelbar rund 25 000 Arbeitsplätzen und weiteren, volkswirtschaftlich damit verbundenen rund 50 000 Arbeitsplätzen, zu versorgen und zu sichern?

Im Augenblick wird zudem deutlich, dass hier viele Produkte für medizinische Schutz- und Versorgungsartikel entwickelt und produziert werden. Die Schlüsselfunktion in der Entwicklung und Gewinnung erneuerbarer Energien ist in Politik und Öffentlichkeit bekannt.

Als Vorsitzender des Vorstands der Wacker Chemie hat Dr. Rudolf Staudigl in den vergangenen Jahren mehrmals und mit Branchenkollegen auf die sich abzeichnende Problematik hingewiesen, vor einem Jahr massiv vor einer Versorgungslücke gewarnt und zugleich Probleme für die Produktion von Polysilicium in Burghausen angekündigt, falls die auch politisch verteuerten Industriestrompreise nicht zum Weltmarkt passen.

Auch Dr. Günter von Au, im vergangenen Jahr noch Vorsitzender des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) in Bayern und Vizepräsident des Verwaltungsrats von Clariant, warnte in einem Interview für Heimatwirtschaft vor einer sich abzeichnenden Versorgungslücke in Bayern. Rund 37 Prozent der Bruttostromerzeugung im Freistaat, zudem grundlastfähig, stammten 2017 aus der Kernenergie. Und damit ist in Kürze Schluss.

Deswegen entstand ja das Projekt, Strom in großen Mengen aus den Windkraftparks und Solaranlagen in Norddeutschland in die Industrieregionen in Süddeutschland zu transportieren. Aber diese Projekte stoßen auf politischen Widerstand in Bayern. Dabei versprechen die geplanten HGÜ-Leitungen auch einen Zugang zum sogenannten NordLink, der wiederum Zugang zu großen und eher grundlastfähigen Wasserkraftwerken in Norwegen ermöglicht.

Ein Aufbau von regionalen und regenerativen Energieversorgern in der Größenordnung, wie sie im Augenblick noch von der Kernkraft geleistet wird, ist in den Augen der Industrie nicht vorstellbar.

„Wir haben seitens der Industrie seit Jahren auf das Dilemma hingewiesen und vor den absehbaren Konsequenzen gewarnt“, betonte Dr. von Au im vergangenen Jahr in einem Interview für Heimatwirtschaft. Und damals dachte noch niemand an die aktuelle Corona-Krise, die Pandemie und ihre substanzielle Bedrohung für die Wirtschaft. Ja selbst wenn die Stromleitungen aus dem Norden, die Süd-Link und die Südost-Link, mit Nachdruck vorangetrieben werden, um Strom in Bayerns Industrieregionen zu liefern, ist schon jetzt klar, dass sie zum Zeitpunkt des Abschaltens des letzten Kernkraftwerks in Ohu nicht funktionsfähig sein werden. Noch ist kein Kilometer gebaut. Und die Technik ist höchst anspruchsvoll.

Mittlerweile – und noch vor der Corona-Krise – wurden die erst vor rund zehn Jahren gebauten Anlagen zur Gewinnung von Polysilicium in Burghausen, die technologisch modernsten und energiewirksamsten der Welt – abgeschrieben mit beträchtlichen Auswirkungen auf das regionale Steueraufkommen in der Region. Und ausgerechnet Silicium ist das Schlüsselelement für regenerative Energie aus der Solartechnologie.

Die aktuelle Corona-Krise mit ihren fatalen Auswirkungen auf die Wirtschaft, die Arbeitsplätze und die davon abhängigen Menschen hatte zu diesem Zeitpunkt, als die Abschreibung bekannt gegeben wurde, noch niemand geahnt. Und jetzt sind im „Poly-Bereich“ in Burghausen rund 500 Mitarbeiter in Kurzarbeit. (Heimatwirtschaft berichtete). Und wie wird es weitergehen? Niemand hat verbindliche Antworten.

Mehrfach haben in Interviews, aber auch in Diskussionsforen in den vergangenen Jahren Verantwortliche aus der Industrie auf die Möglichkeit, eher noch auf das Ansinnen hingewiesen, das Kernkraft werk Ohu als Brückentechnologie für ein paar Jahre weiter zu nutzen, als im spektakulären und nach Meinung vieler Wirtschaftsvertreter vor allem Wahlkampfinteressen geschuldetem Ausstiegsprogramm vorgesehen – bis die Alternativen zum zwischenzeitlich ebenfalls beschlossenen Kohleausstieg funktionieren.

Immerhin, Ohu gilt als moderne Technologie, zumal im Vergleich zu den laufenden Kernkraftwerken in Frankreich und Belgien oder in Tschechien und der Slowakei. Und die Kernenergie gilt bei allen Bedenken wegen der Strahlung und Endlagerung des radioaktiven Materials als denkbar klimafreundlich mit Blick auf die CO²-Bilanz. Die politische Antwort auf die bange Frage, ob die Kernkraft als Brückentechnologie weitergenutzt werden sollte, lautet bisher stets: Nein!

Einen „diplomatischen Schlenker“ hat es vor ein paar Jahren allerdings gegeben: Damals fragte ein bayerischer Vorstandsvorsitzender den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, ob der sich denn einen befristeten Weiterbetrieb in Ohu vorstellen könne, falls bis zum Abschalttermin keine sicher funktionierende Alternative bereitstünde. Seehofer soll geantwortet haben, wenn diese Frage anstehe, werde er sie nicht mehr zu beantworten haben. Und damals wusste er noch nichts von der akuten Corona-Krise, der Pandemie, als Folge deren viele Ökonomen eine Weltwirtschaftskrise befürchten, die alle anderen Krisen der vergangenen 100 Jahre zumindest in Friedenszeiten in den Schatten stellt, Arbeitsplätze, Staatsfinanzen und breiten Wohlstand bedroht.

Taugt Ohu als hilfreiches Werkzeug? In Ohu war der Block Isar 2 in den Jahren 1994, 1999 bis 2004, 2006, 2011 und 2013 bezüglich der produzierten Gesamtenergiemenge der Kernkraftwerksblock mit der höchsten Jahresproduktion weltweit. Zwei Jahre nach Inbetriebnahme war Isar 2 der Block mit der weltweit fünftgrößten Jahresproduktion und seither, mit Ausnahme des Jahres 1992, stets unter den ersten fünf. Seit 1994 war Isar 2 zehn Mal Erzeugungsweltmeister aller 440 Kernkraftwerke auf der Erde.

Die Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke im Herbst 2010 sah die Abschaltung für 2034 vor. Entsprechend der neuen Beschlüsse der Regierungskoalition zum beschleunigten deutschen Atomausstieg nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima geht der Block früher vom Netz.

Das 2011 novellierte Atomgesetz legt fest, dass Isar 2 spätestens im Dezember 2022 seine Betriebsgenehmigung verliert, also abgeschaltet werden muss. Am 17. September 2018 überschritt der Block 2 als drittes Kernkraftwerk weltweit die 350 Milliarden Kilowattstunden Marke, wodurch seit der Inbetriebnahme etwa 350 Millionen Tonnen CO² eingespart werden konnten. Block 2 ist und war mit einer elektrischen Bruttoleistung von 1485 Megawatt (MW) der leistungsstärkste Kernreaktor Deutschlands. 2016 betrug die Zeitverfügbarkeit ca. 96 Prozent. Die produzierte Strommenge betrug ca. 12 000 Gigawattstunden, was etwa 12 Prozent der Stromerzeugung in Bayern entspricht. (Quelle: Wikipedia)


Fast ein Prozent des BRD-Stromverbrauchs: Wohlstand im Chemiedreieck hängt am Netz

Wie sehr Wirtschaft, Wertschöpfung und Wohlstand im Bayerischen Chemiedreieck mit den Standorten in den Kreisen Altötting, Mühldorf und Traunstein von einer sicheren Versorgung mit elektrischer Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen im Vergleich zum Weltmarkt abhängen, das zeigen einige nüchterne Zahlen:

Die rund 20 Chemieunternehmen im Chemiedreieck haben einen Strombedarf von rund 5 Terawattstunden im Jahr (entspricht 5 Milliarden Kilowattstunden). Das ist fast ein Prozent des Stromverbrauchs der Bundesrepublik Deutschland (BRD). Zum Vergleich: Das ist rund doppelt so viel, wie die privaten Haushalte der Stadt München im Jahr verbrauchen.(Quelle VCI)

Allein die Wacker Chemie AG benötigt in Deutschland pro Jahr etwa 4 Terawattstunden im Jahr (4 Milliarden Kilowattstunden Elektrizität und ist damit einer der größten Stromverbraucher in Deutschland (ca. 0,8 Prozent des deutschen Verbrauchs)

Bei der Wacker Chemie AG in Deutschland betragen die Energiekosten mehr als 200 Millionen Euro im Jahr, die sich zu knapp 90 Prozent aus Großhandelspreisen für Strom und Erdgas und zu gut 10 Prozent aus Netzentgelten und weiteren Umlagen zusammensetzen. Das heißt, Wacker muss mehr als 10 Prozent der „Normalpreise“ für Entgelte/Umlagen aufwenden.

Der Wacker-Standort Burghausen ist der größte Stromverbraucher im Chemiedreieck mit rund 3 Terawattstunden im Jahr 2018 (3 Milliarden Kilowattstunden). Das sind rund 0,6 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Benötigt wird der Strom vor allem zur Herstellung von polykristallinem Silicium für die Solarindustrie und hochreinem Silicium für die Halbleiterindustrie.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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