Bayerische Chemieverbände zu 2019/2020: Durchwachsene Bilanz in der Chemie

„Wir sind die Lösungsindustrie“ – Verlässliche und konstruktive Rahmenbedingungen gefordert

München. Es kommt jetzt darauf an, „in den Vordergrund zu stellen, wie die chemisch-pharmazeutische Industrie helfen kann, selbst die großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu lösen.“ Diesen Auftrag an die Branche formuliert Dr. Christian Hartel als Vorsitzender der Bayerischen Chemieverbände zur Bilanz der Jahre 2019/20. Jetzt müsse die Branche vermitteln, dass es ohne ihre Produkte und Technologien nicht möglich sei, die Probleme zu lösen. Plakativ: „Wir sind die Lösungsindustrie.“

Die Chemie habe schon immer wichtige Lösungsbeiträge für die in der jeweiligen Zeit wichtigsten gesellschaftlichen Probleme bereitgestellt: Ob Dünger gegen Hungersnöte in Bayern im 19. Jahrhundert oder innovative Technologien und Produkte für die Energiewende, für Mobilität, den Klimaschutz oder eben auch die aktuelle Covid-19-Pandemie.

Aber auch für die Politik hat der Chemiker eine klare Botschaft: „Wir brauchen eine besonders kluge und weitsichtige und damit konstruktive Wirtschafts- und Förderpolitik. Denn vielleicht kommt das dicke Ende der jetzigen Rezession erst noch. Der Bereich Automotive – nicht nur eine Leitindustrie in unserem Land – steckt in einer ganz eigenen strukturellen Krise und auch die Finanz- und Schuldenkrise von 2009 ist noch nicht ausgestanden.“

Klare Forderungen an die Wirtschaftspolitik lauten: „Hemmnisse müssen abgebaut werden, damit sich auch produzierende Unternehmen wieder in Bayern und Deutschland ansiedeln, zumindest aber Unternehmen nicht gezwungen werden, abzuwandern.“ Die Rahmenbedingungen für die Industrie müssten gut und stabil sein. So gut und stabil, dass Unternehmen gerne ein unternehmerisches Risiko eingehen und in Bayern investieren.„ Jetzt müsse Klarheit herrschen, welche staatlich beeinflussbaren Rahmenbedingungen in den nächsten 15 bis 25 Jahren vorherrschen.

Und in diesem Kontext übt der Vorsitzende der Bayerischen Chemieverbände, zugleich Mitglied des Vorstands der Wacker Chemie AG, Kritik an der Strompreispolitik in Deutschland – „mit immer ab-struseren Detailregelungen, die selbst Fachjuristen kaum mehr verstehen“. Als zentrale Fragen formulierte er auch, ob die absehbare Versorgungslücke in Bayern bestehen bleibe und ob die Industrie mit einem Strompreis von 4 Cent pro Kilowattstunde kalkulieren könne. Auch Investitionen in CO²-neutrale Technologien sollten einen verlässlichen und kalkulierbaren Rahmen vorfinden.

In die gleiche Kerbe schlägt auch Walter Vogg, Hauptgeschäftsführer der bayerischen Chemieverbände: „Unser Forderung nach strukturellen Veränderungen hat ihre Richtigkeit und Brisanz keineswegs eingebüßt. ... Dazu zählt eine sichere Energieversorgung zu weltmarktfähigen Preisen, die Investitionen in neue, klimafreundliche Prozesse, wie zum Beispiel neue Wasserstofftechnologien, überhaupt erst möglich machen. Dazu gehören aber auch schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie und der Abbau von Überregulierung.“

Die aktuelle Wirtschaftskrise sehen die Chemieverbände nicht nur heftiger, sondern auch schwieriger zu meistern. Denn leider seien große Absatzmärkte der exportorientierten Wirtschaft ebenfalls betroffen. Darüber hinaus starten weltweitprotektionistische Maßnahmen weltweit, die das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft nach der Krise eher bremsen werden.

„Die chemisch -pharmazeutische Industrie ist – je nach Abnehmerstruktur – sehr unterschiedlich betroffen. Insbesondere Betriebe, die in die Automobilindustrie liefern (Produktionsrückgang um über 80 Prozent) sind teils von extremen Umsatzeinbußen betroffen“, bilanzieren die Verbände. Größtes Problem sei derzeit die Nachfrageseite: „70 Prozent der Unternehmen berichten von Auftragsrückgängen, 40 Prozent sind sogar schwer betroffen. Lieferketten mit einzelnen Ländern und für einzelne Produkte sind gestört. Und auch Mitarbeiter fehlen, weil die Kinderbetreuung fehlt.“

Im Vergleich zu anderen Branchen sei die Chemie aber wohl eher glimpflich – mit nur 12 Prozent Rückgang bis Mai (Monatswert) – durch die schwersten Monate der Krise gekommen. Mit den Lockerungen der Maßnahmen rechnen die Chemieverbände zwar wieder mit Wachstum in der Wirtschaft. Aber aufgrund der bestehenden Unsicherheiten, Liquiditätsengpässe, gestörter Lieferketten und geringen Verbrauchervertrauens würden aber Investitionen, Handel und privater Konsum schwach bleiben. Eine Erholung werde sich damit weit in das nächste Jahr ziehen.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) erwartet für Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Industrie ein kräftiges Minus in 2020 und ein Erreichen des Vorkrisenniveaus frühestens erst 2022. Eine zweite Infektionswelle mit erneuten Verschärfungen der Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus, wie sie sich derzeit ankündigen, ist bei dieser Prognose nicht unterstellt.

Im Bayerischen Chemiedreieck, das sich über die Landkreise Altötting, Traunstein und Mühldorf erstreckt, sind weit über 20 000 Mitarbeiter unmittelbar in Unternehmen der chemischen oder pharmazeutischen Industrie beschäftigt. Der volkwirtschaftliche Schlüssel sagt außerdem, dass jeweils rund zwei weitere Arbeitsplätze in anderen Branchen an einem Arbeitsplatz in der chemischen Industrie hängen.

 

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger/Passauer Neue Presse

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