30. Juni 2018 - Passauer Neue Presse

Digitalisierung im Bayerischen Chemiedreieck: Chancen nutzen oder weichen

Podiumsdiskussion im Wirtschaftsbeirat – Wirtschaftsregion im Bayerischen Chemiedreieck ist aktiv dabei, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen

Burghausen. Der Weg in die digitalisierte Wirtschaft und Gesellschaft ist längst beschritten, wenn gleich in unterschiedlichem Tempo – je nach Branche und Unternehmensgröße. Zugleich scheint die Botschaft unbestritten, dass es nicht nur darauf ankommt, mit der Entwicklung Schritt zu halten, sondern auch darauf, sie aktiv mitzugestalten, um im weltweiten Wettbewerb nicht unterzugehen und von der Bühne zu verschwinden. Und: Die Wirtschaftsregion im Bayerischen Chemiedreieck ist aktiv dabei, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Das ist das Fazit der Podiumsdiskussion im Wirtschaftsbeirat Bayern gemeinsam mit der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner am Donnerstagabend bei der Wacker Chemie, moderiert von Erwin Schwarz, Regionalredakteur der Oberbayern Presse GmbH.

Den Handlungsdruck für die Unternehmen skizzierte Jean-Francois Pauly, Leiter des Kompetenzzentrums Digitalisierung bei Dr. Wieselhuber & Partner (W&P) mit dem Darwin-Zitat: „Es ist nicht die stärkste und intelligenteste Art, die überlebt. Es ist die Art, die sich Veränderungen am schnellsten anpasst.“

Definition als Diskussionsgrundlage: Hinter dem Begriff Digitalisierung sind Veränderungen in Technologien und deren Anwendungen im täglichen Leben zu verstehen. Selbstlernende Algorithmen ermöglichen eine stets intelligentere Hilfe in unserem Berufs- und Privatumfeld. Für das Unternehmen geht es um die Identifizierung von neuen Geschäftschancen bzw. um die Absicherung eines Wettbewerbsvorteils und der Zukunftsfähigkeit.

Pauly definierte außerdem zwei unterschiedliche Triebkräfte: Den Kampf um die Serviceerweiterung, wo sich klassische Produkthersteller und Dienstleister mit innovativen, datenbasierten Services überbieten. Und zweitens den Kampf um den Endkunden, wo kritische Nutzungs- und Verhaltensinformationen über den Endverbraucher einen Wettbewerbsvorteil ermöglichen.

Ob sich ein Unternehmen auf diesem dynamischen Spielfeld erfolgreich bewegen kann, hängt davon ab, welche Antworten es auf die Herausforderung der Digitalisierung gibt. Viele Unternehmen aus dem Mittelstand sieht Pauly in der Bewertung der Digitalisierung noch am Anfang und vor allem im Diskurs zwischen Senioren und Junioren. Das Geschäftsmodell werde in laufenden Nachfolgeprozessen nur bedingt digital hinterfragt.

Der Digitalisierungsexperte sieht außerdem im Mittelstand und bei Familienunternehmen Unsicherheiten in Bezug auf digitales Verhalten und digitale Erwartungen der Kunden, Unsicherheiten in Bezug auf die Entwicklung smarter Produkte und Services, aber zum Teil auch veraltete Anlagenparks ohne Sensorik und Aktorik. Ein Neustart auf der sprichwörtlich „grünen Wiese“ sei zudem oft weder realisier- noch finanzierbar.

Welche Herausforderungen sich in der Realität für die gesamte Volkswirtschaft stellen, das zeigte Staatsminister Dr. Marcel Huber in seinem Impulsreferat: Deutschland hat bereits in vielen Branchen Kompetenzen an andere Volkswirtschaften verloren – zum Beispiel in der Textilindustrie, aber auch in der Unterhaltungselektronik. Mit der Entwicklung der Trends bei Mobiltelefonen setzte Jean-Francois Pauly noch eins drauf. Hier hat sich der Markt binnen weniger Jahre mit völlig neuen Ansprüchen und Leistungsangeboten völlig gewandelt: Einst renommierte Teilnehmer wie Siemens oder Nokia sind aus dem Markt verschwunden.

Dass in Deutschland, zumal in Bayern die Voraussetzungen geschaffen werden, um mit Infrastruktur und notwendiger Ausbildung bei Lehrern und Schülern die Digitalisierung zu meistern, das betonte Dr. Marcel Huber, der in seinerzeit als Staatskanzleichef selbst federführend an entsprechenden Masterplänen mitgewirkt hatte.

Über sechs Milliarden Euro investiert der Freistaat aktuell in Infrastruktur-Auf- und Ausbau sowie in begleitende Schulungsprogramme, aber auch in Infrastruktur zur notwendigen Sicherheit der digitalisierten Kommunikation, von der Schaffung eines Landesamtes für Datensicherheit und entsprechenden Institutionen bis hin zur Sicherung des Standortes der technischen Dienste des Bundesnachrichtendienstes (BND) im Raum München.

Keinen Zweifel daran, dass die Digitalisierung die Menschen mitnehmen müsse, ohne sie nie funktionieren könne, ließen alle Teilnehmer der Diskussionsrunde aus Politik und Wirtschaft, zumal vor allem in der technikgetriebenen Wirtschaft der chemischen Industrie Automatisierung und Digitalisierung schon vor Jahrzehnten Einzug gehalten haben.

Jean-Francois Pauly, Leiter Digitalisierung bei W&P, ergänzte: „Häufig steht bei Familienunternehmen die Bewertung der Digitalisierung noch am Anfang – und bei Senioren und Junioren im Diskurs.“ Vor allem in laufenden Nachfolgeprozessen würde das Geschäftsmodell bisher nur bedingt digital hinterfragt. Entscheidend sei deshalb: „Die digitale Transformation muss zur Chefsache werden – denn sie betrifft das gesamte Geschäftsmodell. Dazu gehören einzelne Prozesse, End-to-end Vernetzung, smarte Lösungen genauso wie die Unternehmenskultur.“

„Die ganze Welt der Digitalisierung funktioniert nur, wenn man sich auf Kernkompetenzen fokussiert – unterstützt durch mordernste Technik und vor allem durch bestens geschulte, begeisterte aber auch authentische Mitarbeiter“, bestätigte Fritz Kreutzpointner, Geschäftsführer Elektro Kreutzpointner GmbH.

Für Dr. Dieter Gilles, Werkleiter der Wacker Chemie in Burghausen übernehmen Innovationen eine besondere Funktion in der Mitarbeiterschulung: „Wir sind immer auf der Suche nach Leuchtturmprojekten, denn: Von diesen können andere Bereiche im Unternehmen immens viel lernen und hilfreiches Wissen abschöpfen.“

Für Hans Peter Wagner, Geschäftsführer der Finze & Wagner Holding GmbH, heißt das: „Laufende Innovationen zwingen immer wieder dazu, sich auf neue Technologien einzustellen und diese zu erlernen. Wer da nicht mitgeht, der bleibt auf der Strecke.“ Sein Credo: Schulen, schulen, schulen! Auch neue Ausbildungsberufe und Studiengänge in der Region seien deshalb besonders wichtig.

Besonders legte Wagner Staatsminister Dr. Huber ans Herz, im Kabinett und im Landtag auf die Unterstützung des am Campus Burghausen geplanten Studiengangs mit dem Arbeitstitel „Chemtronic“ zu drängen. Dieser Studiengang verspreche die notwendigen Kompetenzen an der Nahtstelle von Chemischer Industrie und Digitalisierung.

Den Investitionsschwerpunkt in diesem Bereich betonte Anton Steinberger, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Burghausen: Die Stadt investiert nicht nur im weit zweistelligen Millionenbereich in Aufbau und Bereitstellung der Studien- und Laborgebäude für die markt- und nachfragegerechten Studiengänge am Campus, sondern passt auch die Strategie in der Vorbereitung des geplanten Einkaufszentrums an die Trends der Digitalisierung an. Hier zeige sich eine Gliederung in drei Bereiche: Manche brauchen keine Flächen mehr und sagen ab. Manche wollen reduzierte Flächen, weil sie nur mehr „Show Rooms“ betreiben und den Handel über das Internet abwickeln wollen und eine dritte Gruppe will Platz für Abholstationen.

Quelle: Passauer Neue Presse

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