27. September 2018 - Passauer Neue Presse

"Freiheit und Praxisnähe in der Wissenschaft": Im Gespräch mit Prof. Dr. Johann Plank – TUM-Lehrstuhlinhaber aus dem Bayerischen Chemiedreieck

Freiheit und Praxisnähe in der Wissenschaft

Im Gespräch mit Prof. Dr. Johann Plank – TUM-Lehrstuhlinhaber aus dem Bayerischen Chemiedreieck

München/Trostberg. Lebt die Wissenschaft in einem elfenbeinernen Turm, oder steht sie in engem Wechselspiel mit der Praxis? Prof. Dr. Johann Plank machte nach dem Studium in der Industrie im Bayerischen Chemiedreieck Karriere und wechselte vor fast zwei Jahrzehnten an den Lehrstuhl für Bauchemie an der Technischen Universität München (TUM).

Herr Professor: Bauchemie, was darf man sich darunter vorstellen : Kalk, Zement und Ziegelsteine?
Prof. Dr. Johann Plank:
(lacht) Nur am Rand. Die moderne Bauchemie befasst sich vor allem mit chemischen Zusatzmitteln für Beton und Mörtel. Die Zusatzmittel – hergestellt z.B. von BASF in Trostberg oder Wacker in Burghausen – haben die Baustofftechnologie der letzten 50 Jahre mehr geprägt als alle anderen Innovationen in diesem Bereich. Man denke nur an den selbstverdichtenden Beton, der erst mit der Erfindung der Polycarboxylat-Fließmittel überhaupt möglich wurde.

Sie hatten bereits Karriere in einem seinerzeit führenden Konzern in der Bauchemie gemacht, als Sie 2001 den Sprung in die Wissenschaft wagten. Was hat Sie gereizt, an die TU München zu wechseln und täglich zu pendeln?
Prof. Plank:
Die Freiheit der Wissenschaft. Während meiner Industrietätigkeit stellte ich mir immer wieder die Frage, wie die Zusatzmittel denn genau funktionieren, wie ihre Wechselwirkung auf der molekularen Ebene mit Zement erfolgt. Meine Neugierde in diesem Punkt sowie die tägliche Zusammenarbeit mit hochtalentierten jungen Menschen aus aller Welt waren ebenso wichtige Gründe wie die exzellente internationale Reputation der TU München.

Alle Welt spricht vom Dualen Studium: Sie haben nun etwas salopp formuliert eine „Duale Karriere“ absolviert: Nach dem klassischen Studium der Chemie eine Karriere in der Wirtschaft und dann in Forschung und Lehre an der TU München. Hat dieser Berufsweg Modellcharakter?
Prof. Plank:
Mir hat der industrielle Hintergrund in zweierlei Hinsicht große Vorteile gebracht: Erstens, weil ich bei der Auswahl der Forschungsthemen die wirklich praxisrelevanten Bereiche sehr gut kenne. Wir haben der Industrie mit unseren Grundlagenuntersuchungen oft entscheidende Hinweise dafür gegeben, in welche Richtung sie ihre Produktentwicklungen lenken sollen. Außerdem: Lehrstühle sind ja im Grunde wie eine kleine Firma, die finanziell und personell richtig gemanagt werden muss. Dafür war meine Erfahrung als Geschäftsführer der SKW bzw. Degussa Construction Polymers äußerst wertvoll. Im Rückblick halte ich diese „Duale Karriere“ für ideal, zumindest an einer Technischen Universität. Die Erfahrungen, die man aus beiden Bereichen mitnimmt, sind überreich. Für mich persönlich empfand ich diesen Weg immer als absoluten Glücksfall. Die TU München und ihr Präsident Herrmann begrüßen Kandidaten aus der Industrie ausdrücklich und sehen sie als klare Bereicherung. Ein exzellentes Beispiel neben mir ist Prof. Gasteiger, Inhaber des Lehrstuhls für Elektromobilität an unserer Fakultät für Chemie. Er war vorher bei General Motors in den USA und bringt die praxisrelevante Industrieerfahrung mit, die seine Forschung so aktuell macht.

Und nun noch zwei Fragen, mit denen alle Interviewpartner aus Physik und Chemie in dieser Publikation konfrontiert werden: Wie beurteilen Sie denn als Kenner der Industrie und als Lehrstuhlinhaber an der TU München die allgemeine Bildungslandschaft? Schaffen es die Schulen noch, die notwenigen Voraussetzungen zu schaffen, um ein erfolgreiches Studium zu ermöglichen?
Prof. Plank:
Die deutsche Bildungslandschaft ist im weltweiten Vergleich – und hier kenne ich mich wirklich aus, da in meinem Arbeitskreis derzeit Studenten aus Frankreich, Afghanistan, Iran, Tunesien, Ukraine, Singapur, China, Thailand und Japan sind – absolut hervorragend, was das Angebot und die Qualität der Lehre auf allen Ebenen – von den Grundschulen bis zu den Universitäten – angeht. Von diesem hohen Standard lebt unsere Wirtschaft, da Deutschland über keinerlei Rohstoffe verfügt und zudem ein sehr teurer Standort ist. Insbesondere der Mittelstand ist unglaublich innovativ, was wir in der Bauchemie, die ja sehr mittelständisch geprägt ist, tagtäglich erleben. Speziell in Bayern muss der Politik hohe Anerkennung gezollt werden: der Campus der TU München in Garching zum Beispiel ist eine Riesenbaustelle, es wird massiv ausgebaut und zahlreiche neue Institute werden gegründet. Hier geht der Freistaat Bayern mit großem Vorbild voran, aus anderen Bundesländern höre ich da schon die eine oder andere Klage von Kollegen wegen nicht so großzügiger Unterstützung. Wäre ich heute in der Industrie, würde ich mir vor allem über den Nachwuchs im Handwerk Sorgen machen. Baufirmen zum Beispiel finden kaum noch junge Menschen, die eine Lehre als Maurer etc. beginnen wollen. Dabei bietet der Bau exzellente Berufschancen, oft bessere als nach einem Studium. Aber hier spielt die Vorstellung der jungen Leute eine entscheidende Rolle: Bau ist halt nicht so „in“ wie IT-Spezialist oder „Event Manager“. Dabei trägt die Bauwirtschaft gerade jetzt erheblich zum Wirtschaftswachstum in Deutschland bei, aktuell sogar mehr als die Automobilindustrie.

Und nochmal eins weiter gedreht: Physik, Chemie und alle anderen Natur- und Ingenieurwissenschaften – sind die in den Augen der Jugend eigentlich noch „sexy“ genug? Ober braucht es da noch etwas mehr als Grips und die Aussicht auf ein deutlich gehobenes Einkommen?
Prof. Plank:
Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Fächer wie BWL oder Umweltingenieur sind an der TU München der absolute Renner. Glücklicherweise gibt es aber noch eine ausreichend große Zahl an jungen Leuten, die Maschinenbau oder eine Naturwissenschaft studieren wollen. Wir beobachten, dass in diesen Fächern der Anteil an Studierenden mit Migrationshintergrund stetig steigt – vor allem, weil zum Beispiel in Osteuropa oder Asien eine technische Ausbildung ein höheres Ansehen genießt. Für uns als Universität und auch für die Industrie spielt die Herkunft der Studierenden jedoch absolut keine Rolle, was zählt sind Interesse und individuelle Leistung.

Quelle: Passauer Neue Presse

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