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31. August 2017 - Alt-Neuöttinger Anzeiger

Wo unterm Werk Stalaktiten wachsen

Anzeiger-Serie „Drüber und Drunter“: Nur wenige kennen die Gänge unter dem Chemiepark Gendorf

Burgkirchen.
Die Geheimnisse unter dem Gendorfer Werksgelände waren und sind nur wenigen bekannt. Dorthin, wo unter meterdickem Stahlbeton Stalaktiten und Stalagmiten wachsen, kommt heute normalerweise niemand mehr. Kein Wunder, denn die Gänge stammen noch aus der Anfangszeit des im Zweiten Weltkrieg errichteten Werks.

Über den Bau und die Beschaffenheit gibt es nur äußerst dürftige Unterlagen. Ungefähr die Hälfte dieses unterirdischen Verbindungssystems dürfte gesprengt, verfüllt oder zugemauert sein. Der andere Teil ist immer noch begehbar.

Der im Werk so genannte Schienenkanal vom Bau 154 zum Kraftwerk wird sogar noch als Kabelschacht genutzt. Dieser rund 500 Meter lange Gang im unteren Werksgelände dient seit jeher dem Energietransport. Das seinerzeit modernste Kraftwerk Europas wurde zur Tarnung gleichsam hinter dem Forst ins Alztal geduckt und mit besonders niedrigem Schornstein errichtet, bereits 1939 als eines der ersten Gebäude der neuen, kriegswichtigen Fabrik. Sogar mit Tarnfarbe war das Kraftwerksgebäude angestrichen, um feindlichen Flugzeugen verborgen zu bleiben.

Die Folge des vom Produktionsstandort etwas abgerückten Kraftwerks war der Zwang zum Energietransport. Dieses technische Problem wurde beim Bau des Werks, also vor nahezu acht Jahrzehnten, mit Aluminiumschienen gelöst. Insgesamt zwölf U-förmige Aluminiumschienen leiteten den im Kraftwerk erzeugten Strom hinauf zu den Produktionsanlagen.

Die heutige Hochspannungstechnik braucht bedeutend weniger Platz. Der Chemiepark Gendorf verfügt über ein eigenes Hochspannungsnetz mit 30 Kilovolt und eine 100-Kilovolt-Ringleitung rund ums Werk.

Der unterirdische Gang für die Aluminiumschienen ist 2,30 Meter hoch und breit, hat eine Überdeckung aus 30 Zentimeter Stahlbeton und 70 bis 80 Zentimeter dicke Betonwände. Unter dem Kohlenbunker des Kraftwerks, in den Eisenbahnwaggons zur Entladung hineingefahren wurden, wachsen die Mauern des Schienenkanals auf weit über einen Meter Dicke an. Der im Tagebau errichtete Gang konnte natürlich nicht komplett, sondern nur in kurzen Abschnitten betoniert werden. In der Mitte gibt es einen noch heute offenen Zugangsschacht. Wasser war für den Schienenkanal wie alle anderen unterirdischen Gänge kein bautechnisches Problem, weil das Werk gleichsam auf einer Kiesgrube errichtet wurde. Das heißt, Niederschlagswasser versickert hier schnell und das Grundwasser steht so tief, dass es zu vernachlässigen ist.

Der Schienenkanal dient auch heute noch dem Energietransport, allerdings nicht mehr mit offen liegenden Aluminiumschienen, sondern mit vielen isolierten Kabeln. Der Gang ist jetzt weiß gestrichen und mit vielen Leuchtstoffröhren gut ausgeleuchtet. Vor über sieben Jahrzehnten gab es hier keinen aufhellenden Anstrich und die Beleuchtung bestand nur aus wenigen Glühbirnen.

Die Gründung eines Chemiewerks im Wald bei Burgkirchen hatte nichts mit Unternehmertum zu tun. Der Bau ab 1939 war Teil des Aufrüstungsprogramms, das der Chemieindustrie eine wichtige Rolle in der Kriegswirtschaft zuschrieb. In Gendorf sollten Chemikalien für den Kriegseinsatz hergestellt werden, darunter auch Senfgas. Bei Senfgas kam man in Gendorf jedoch nicht über Versuchsmengen hinaus. Vor allem produzierte dieses Werk Frostschutzmittel und Vorstufen zur Sprengstoffherstellung sowie Chlor und Natronlauge.

Weil die Errichtung des Chemie-Standorts Gendorf unter rein strategischen Gesichtspunkten erfolgte, dachte man von Anbeginn an einen Luftschutzbunker für die Belegschaft. Als solcher wurde an der südwestlichen Werksgrenze ein Stollen in den Hang getrieben, der als Luftschutzkeller gedacht war, jedoch zu diesem Zweck nie gebraucht wurde, denn das Werk wurde nicht bombardiert. Der Stollen hatte drei Zugänge vom Werksgelände aus und zusätzlich drei Zugänge von außerhalb. Die Stahltüren an den Eingängen waren so konstruiert, dass sie der bei einer Bombenexplosion entstehende Luftdruck zudrückt.

Für die Frischluftzufuhr wurde bei Kastl, westlich vom heutigen Tennisgelände, eine Ansaugstation gebaut, von der zum Teil ober-, zum Teil unterirdisch eine Leitung zum Bunker führte. In der Kriegszeit befanden sich im Bunker Sitzbänke, Lebensmittelvorräte und ein Generator zur Stromerzeugung. Mindestens einen Meter dick ist die Stahlbetondecke über dem Luftschutzbunker. Begehbar sind von diesem Hangstollen heute noch etwa 200 Meter. Stark verrostete Reste der Frischluftleitung, die Platten, auf denen der Generator stand, sowie einige Aufschriften und Zeichen aus der Kriegszeit sind noch vorhanden. Übrigens ist es im Sommer im Stollen angenehm kühl.

Der Kalk, der sich durch die Feuchtigkeit aus dem Beton löst, bildet wie in einer Tropfsteinhöhle von der Decke hängende Stalaktiten. Aus dem Boden wachsen Stalagmiten.

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger

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