ChemDelta Bavaria - Titelbild

30. September 2017 - Burghauser Anzeiger

Wie aus „Fabriklern“ richtige Burghauser wurden

Wacker-Wissensforum beleuchtete die Entwicklung von Unternehmen und Stadt mit ihren sozialen und demografischen Auswirkungen

Burghausen.
Wohnungsnot und gesellschaftliche Konflikte zwischen alteingessenen Bürgern und den zugezogenen „Fabriklern“ – die Industrialisierung der Kleinstadt Burghausen war keineswegs der geradlinige Erfolgsweg, als der er aus heutiger Sicht erscheint. Auf dem Höhepunkt der sozialen Spannungen in den 20er Jahren ließ sich der Burghauser Bürgermeister sogar zu der Aussage hinreißen, er könne den Segen der Fabrik für die Stadt nicht erkennen. Heute kann die Stadt dank der Steuereinnahmen aus der Industrie soziale Leistungen erbringen wie kaum eine andere bayerische Kleinstadt.

Das Wacker-Wissensforum am Donnerstagabend im Wacker-Belegschaftshaus widmete sich diesmal keinem naturwissenschaftlichen Thema, sondern einem weiter gesteckten Feld – der Entwicklung des Wacker-Werks seit der Gründung 1914 und den den damit verbundenen Veränderungen Burghausens. Referenten waren Stadtarchivarin Eva Gilch und Dr. Christian Finger, Leiter des Historischen Unternehmensarchivs von Wacker.

Die Stadt war ja nach der Abtretung des Innviertels an Österreich 1779 und nach Schließung der Garnison im Jahr 1891 ein Ort mit 3200 Einwohnern ohne Umland mit nur geringer Perspektive. Deshalb hofften die Burghauser auf die Industrie. Nicht ohne Grund: Schon 1904 hatte die BASF Interesse an einer Produktionanlage in Burghausen oder Raitenhaslach für Salpeter angemeldet, teilte aber 1911 der Stadt mit, das Projekt nicht weiter zu verfolgen. Parallel dazu sollte die Wasserkraft der Alz genutzt werden, einmal um Strom zu gewinnen, aber auch, um die Alz eindämmen zu können. In den Jahren davor hatte mehrere verheerende Hochwasser gegeben.

In die von BASF hinterlassene Lücke stieß Alexander Wacker mit seiner Acetonfabrik. Wie Dr. Finger auf eine Zuhörerfrage erläuterte, gibt es im Archiv keinerlei Hinweis, dass an dem Gerücht eines Alternativstandorts in Tittmoning etwas wahr ist. Beschleunigt wurde die Ansiedlung, als Aceton für die Herstellung von Gummiersatz kriegswichtig wurde. Um der Entente keine Hinweise zu liefern, durfte das Wort „Aceton“ nicht genannt werden – eigentlich. Aber der Amtsschimmel konterkarierte das mit dem Schild am Werk: „Betreten der Acetonfabrik verboten“. Zugleich schufteten viele französische Kriegsgefangene beim Bau des Alzkanals. Dessen Bau stieß auch auf Widerstand, es formierten sich Komitees zur Wahrung der Interessen des Alztals und der Stadt.

Burghauser Hauptproblem in den 20er Jahren war die durch den Zuzug der Arbeiter entstehende Wohnungsnot, Burghausen wurde zum „Notstandsbezirk“ erklärt. Große Probleme erfordern große Lösungen – für Burghausen wurde der „Generallinienplan“ entwickelt – die planerische Grundlage für die Neustadt auf Basis einer lockeren Gartenstadt. Zuvor war Holzfeld eingemeindet worden, das Gebiet auf dem Neustadt und Wacker-Werk stehen.

Finanziell ging es Burghausen zu Beginn der Ansiedlung schlecht. Denn Wacker musste seine Steuern am Wohnsitz am Bodensee zahlen. Er überwies auf Bitte der Stadt dieser allerdings 1919 einen freiwilligen Zuschuss von 10 000 Mark. Auch beim Wohnungsbau leistete Wacker viel, baute weit mehr Wohnungen als die Stadt schaffte. Ein Beispiel: 1921 baute Wacker 260 Wohnungen, die Stadt kam auf 52. Bis 1935 war eine geschlossene Neustadt zwischen Markter Straße und Wackerstraße entstanden.

Verbunden damit war eine Spaltung der Gesellschaft mit Konflikten zwischen alteingesessenen Bürgern und „Fabriklern“. Mit Argwohn sahen Kaufleute der Altstadt, wie in der Neustadt das Werks-Kaufhaus entstand. Böse Gerüchte wurden gestreut wie dieses: Arbeiter würden gezwungen, im Werks-Kaufhaus einzukaufen. Wacker hatte zuvor die Stadt gedrängt, gegen Mietwucher und Preistreiberei vorzugehen, um seine Arbeiter zu schützen. Aus diesem Gedanken heraus wurde auch das Werks-Kaufhaus an der Robert-Koch-Straße eingerichtet. Die Arbeiter sollten die Möglichkeit haben, günstig einkaufen zu können. Die soziale Komponente eines Unternehmens spielte in der Zeit des Mangels eine weit wichtigere Rolle als heute. Aus diesen Erwägungen heraus entstand ja auch 1930 der Sportverein Wacker und der Kindergarten als Vorläufer des Wöhler-Kinderhauses.

Ein aus heutiger Sicht eher amüsant anmutendes Beispiel für die Ressentiments brachte Finger, als er ein Schreiben des Konrektors am Gymnasium aus der Gründungszeit vortrug. Der Herr beklagte sich über eine Bande, von denen 70 Prozent Zuchthäusler seien, die bis Mitternacht am Stadtplatz mit Ziehharmonika und Pfeifen Lärm mache. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es dann schnell und kontinuierlich aufwärts. Parallel dazu wurden die Gegensätze gemildert, die Neustadtler als vollwertige Burghauser anerkannt.

In der Diskussion sprach unter anderem Ignaz Bauer das Gerücht an, Alexander Wacker habe den Alzkanal dank Inflation billigst bauen können und unterm Strich lediglich 120 Goldmark dafür zahlen müssen. Da kann nichts dran sein, antwortete Christian Finger. Denn warum hätte sonst der Firmengründer das Unternehmen Hoechst beteiligt. „Wacker braucht Geld, weil die Investitionskosten so hoch waren“, so Fingers Einschätzung.

Das Wissensforum moderierte Silvia Pfeifer von der Standortkommunikation. Sie wies auch gleich auf die nächste Veranstaltung hin: Am 14. November sind 3D-Drucker Thema.

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger

Originaldarstellung des Artikels

zur Übersicht