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29. Juli 2017 - Passauer Neu Presse

AlzChem – durch die Hintertür an die Börse

Über die Softmatic AG zur AlzChem Group AG – Plan: Unternehmenssitz nach Norderstedt und zurück nach Trostberg

Trostberg/München.
Die Weichen sind gestellt. In der kommenden Woche, am Freitag, wird die Hauptversammlung der Softmatic AG in München über die geplante Einbringung der AlzChem AG und die Umwandlung der bisherigen Softmatic AG in die neue AlzChem Group AG entscheiden. Wie berichtet hatte die AlzChem AG im Februar einen seit längerer Zeit in Aussicht gestellten Börsengang gestoppt und strebt nun über einen  Umweg  an  die Börse. (Heimatwirtschaft berichtete zuletzt im Juni.)

Zum Ablauf dieser Aktion hat bereits AlzChem Vorstandsmitglied Andreas Niedermaier in der aktuellen Mitarbeiterzeitschrift erklärt: „Die AlzChem Aktionäre planen die AlzChem AG Aktien per Sacheinlage in die Softmatic einzulegen, alle weiteren freien Aktionäre der Softmatic AG können eine Bareinlage erbringen.“

Voraussichtlich werden etwas mehr als 100 Millionen Euro neue Aktien zu einem Kurs von 2,30 Euro ausgegeben, schreibt Niedermaier und betont: Der zugesagte Mitarbeiterbonus im Falle eines erfolgreichen Börsengangs gelte weiterhin. Der genaue Auszahlungszeitpunkt könne aber noch nicht hinreichend genau bestimmt werden. In einem Interview im Januar hatte AlzChem Vorstand Ulli Seibel diesen Bonus in Höhe eines jeweiligen Monatsgehalts beziffert.

Für Irritationen sorgten jetzt bei Kennern der Geschichte der alten SKW Trostberg AG und ihrer „Nachfolgefirmen“ einige Tagesordnungspunkte der Hauptversammlung. Die Softmatic AG soll zwar in die AlzChem Group AG umfirmiert, aber der Sitz zunächst nach Norderstedt in Schleswig Holstein verlegt werden, um dann wieder nach Trostberg zurückzukehren. Die Registrierung in Norderstedt sei nur ein verfahrenstechnischer Schritt, um die Umfirmierung und dann auch die Ummeldung nach Trostberg sauber abwickeln zu können, versichert man bei der Softmatic AG auf Rückfrage. Man müsse sich keine Sorgen machen, dass Trostberg als Unternehmenssitz der neuen Holding verloren gehe.

Auch Sorgen wegen eines Gewinnabführungsvertrags, der zwischen der AlzChem AG als künftiger Tochter und der Softmatic AG/AlzChem Group AG geschlossen werden soll, entkräftet man bei Softmatic. Dadurch werde sich in Zukunft nichts für Trostberg und andere Standortkommunen ändern. In der Tat, Gewinnabführungsverträge sind in Konzernen nichts Ungewöhnliches, bei Kommunen aber nur mäßig beliebt, weil sie doch den Unternehmen mehr Gestaltungsfreiheit in ihrer Steuerpflicht eröffnen, indem Verluste mit Gewinnen umfassender verrechnet werden können.

Wer sind die Akteure? Die Softmatic AG mit Sitz in Norderstedt bei Kiel ging im Zuge der Börsenhausse im Juni 1999 an den Neuen Markt und sammelte dabei ca. 40 Mio Euro bei Investoren ein. Das Unternehmen war im Bereich betriebswirtschaftlicher Standardsoftware tätig. Im Februar 2002 erfolgte der Gang zum Insolvenzrichter. Am 9. Dezember 2005 wurde der Insolvenzplan gerichtlich bestätigt, womit die Softmatic AG von ihren Verbindlichkeiten in Höhe von insgesamt neun Mio Euro befreit war. Somit war die Gesellschaft frei von jeglichen Altlasten und einer Verwertung dieses Börsenmantels sollte nichts mehr im Wege stehen. (Quelle: www.wallstreet-online.de) Aktuell verfügt die Softmatic über kein operatives Geschäft.

Die AlzChem AG ist im weitesten Sinne ein „Nachkomme“ der ehemaligen SKW Trostberg AG, verfügt über den Hauptstandort und Sitz in Trostberg mit mehreren Tochterunternehmen sowie über weitere Standorte in Schalchen und Hart sowie über Tochterunternehmen in Waldkraiburg, in Sundsvall in Schweden, in Atlanta in den USA und in Shanghai in China. Das Unternehmen ist auf chemische Produkte auf Basis von Kalk, Kohle und Stickstoff spezialisiert und gilt weltweit als Technologieführer dieser Branche.

Eine „Verbindung“ zur Softmatic AG besteht bereits jetzt über den Anteilseigner LIVIA Corporate Development SE. Diese Aktiengesellschaft nach europäischen Recht hält zum Zeitpunkt der Einberufung der Hauptversammlung einen Anteil am Grundkapital der Softmatic AG in Höhe von 72,4 Prozent. An der nicht börsennotierten AlzChem AG hält die LIVIA aktuell einen Anteil von rund 48,16 Prozent an Aktien. Eine Niederschrift der Hauptversammlung der LIVIA Corporate Development SE mit Sitz in München vom 27. Februar 2014 hält Prof. Dr. Dr. Peter Löw als Alleinaktionär der genannten SE fest.

Die restlichen Aktien an der AlzChem AG werden von der HDI Preminger GmbH, der Edelweiß GmbH und dem Vorstandsvorsitzenden der AlzChem AG, Ulli Seibel, gehalten. Wer steht hinter den GmbHs?

Wer in den Registergerichtsakten stöbert, fühlt sich ein wenig an russische Matroschka-Püppchen erinnert – eins im andern: Hinter der Edelweiß GmbH findet man eine „four two na“ GmbH und den Namen Markus Zöllner. Hinter der HDI Preminger GmbH findet sich eine HDI Vier CE GmbH, eine High Definition Industries GmbH, eine High Definition Industries Aktiengesellschaft AG und an zentralen Stellen die Namen Dr. Martin Vorderwülbecke und Dr. Dr. Peter Löw. Diese Namen spielten auch in der ehemaligen Arques Gruppe, die 2004 die SKW Stahl Metallurgie erworben und 2007 an die Börse gebracht hat, eine zentrale Rolle.

Anders als die SKW Stahl Metallurgie AG mit ihrer traurigen Geschichte hat die AlzChem, die 2009 durch die luxemburgische Gesellschaft BluO von der Evonik AG erworben wurde, in den vergangenen Jahren eine gute Entwicklung erlebt. Auch bei BluO stehen die drei Namen aus der ehemaligen Arques und aus den drei Gesellschaften, die die Mehrheit an der AlzChem AG halten, an zentraler Stelle.

Rund 100 Millionen Euro, so Vorstand Ulli Seibel 2015, wurden seit 2009 in die AlzChem investiert. In 2016 erwirtschaftete AlzChem mit rund 1400 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 327 Mio Euro mit einem Jahresüberschuss von rund 13,5 Mio Euro.

Quelle: Passauer Neue Presse

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