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26. Januar 2017 - Passauer Neue Presse

Kein „Ölrausch“ – aber solide Wachstumsbasis

50 Jahre Erdölzeitalter im Bayerischen Chemiedreieck – 1967 startet die Produktion bei Marathon – 1987 übernimmt die ÖMV

Burghausen.
Vor 50 Jahren erlebte das Bayerische Chemiedreieck seine zweite industrielle Revolution, nach dem Aufbau der Elektrochemie im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts – die Umstellung von der Rohstoffbasis Kalk und Kohle auf moderne Petrochemie. Von einem „Ölrausch im Salzachtal“ hatte die Boulevardpresse in München seinerzeit berichtet. Von einem „Ölrausch“ könne nicht die Rede sein, rückte der damalige Werkleiter der Wacker Chemie in Burghausen, Dr. Eduard Enk, die Perspektive zurecht, sondern von einer „wohldurchdachten, stetigen Umstellung und Entwicklung.“

„Im Laufe des Jahres 1967 wird die Raffinerie der ,Marathon chemische Werke Bayern GmbH‘ mit ihren Gasen Aethylen und Azetylen nicht nur die Wackerwerke in Burghausen, sondern auch die Farbwerke Hoechst in Gendorf zu versorgen beginnen. Damit ist dann für die beiden großchemischen Werke die Rohstoffbasis vor das Werkstor gerückt. Nachdem alle diese Voraussetzungen gegeben sind, schicken sich die beiden Werke in Burghausen und Burgkirchen an, ihre Anlagen auf die neue Rohstoffbasis einzustellen und auch ihre Produktionsstätten zu erweitern‘, schreibt der Burghauser Anzeiger an Silvester 1966 in einem Ausblick. Bereits im April des Jahres 1966 waren die ersten 90 Arbeiter nach Burghausen gekommen, um mit dem Bau der Raffinerie zu beginnen. In der Hochphase des Aufbaus waren es rund 3000.

Ein Investitionsbetrag von fast einer halben Milliarde D-Mark wurde in einem doppelseitigen Sonderbeitrag im Burghauser Anzeiger seinerzeit für die Investitionen an den drei Standorten genannt. Rund 400 Millionen D-Mark wurden allein an Investitionskosten für die Raffinerie genannt. Legt man aktuelle Kosten für vergleichbare Substanzwerte zugrunde, man müsste derzeit wohl mit den zehnfachen Beträgen und das in Euro kalkulieren.

Der Genehmigungsbescheid für die neue Raffinerie umfasste seinerzeit 73 Seiten und 40 Anlagen. Allein dieser Bescheid und die Erfüllung seiner Auflagen schlugen laut eines Berichts im Burghauser Anzeiger vom 2. März 1968 mit 50 Millionen D-Mark zu Buche. Wenige Wochen später, am 28. März 1968 war die offizielle Inbetriebnahme mit Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel und James C. Donnell II., Präsident der Marathon Oil Company, damals einer der einflußreichsten und profiliertetsten Manager im weltweiten Öl- und Raffinerie-Geschäft.

Die Bevölkerung im weiteren Umkreis Burghausens, vor allem im ländlichen Raum, betrachtete zunächst den Start der Raffinerie mit Skepsis, vor allem als die Fackeln als Notventile im Probebetrieb zum ersten Mal ansprangen und ein glühend rotes Wabern an den wolkenverhangenen Nachthimmel projezierten. „Ein Großbrand“, vermuteten manche Feuerwehren in Ober- und Niederbayern sowie im Innviertel, „aber warum heulen denn keine Sirenen?“

„Noch Schlimmeres vermuteten ältere Bürger im nördlichen Teil des Landkreises Altötting“, erinnert sich ein Augenzeuge. Sie hatten im Januar 1938 das spektakuläre Nordlicht über Mitteleuropa gesehen und es als Himmelsboten für ein großes Unglück interpretiert. Der kurz darauf folgende Weltkrieg hatte ihnen damals Recht gegeben.

Das Merkwürdige am Leuchten 1967 war aber, es waberte nicht grünlich oder türkis, sondern ausschließlich rot am Himmel, und auch nicht im Norden, sondern im Osten: „Eh klar“, spotteten damals Jugendliche: „Rot ist der Osten. Jetzt kommen die Russen.“ Die Russen sind bislang ausgeblieben und dass rund 20 Jahre später rot-weiß-rot die Österreicher kommen und neue Perspektiven eröffnen würden, war Mitte der 60er Jahre noch nicht vorauszusehen. Regie zum Auftakt des Erdöl-zeitalters in der Region führte die amerikanische Marathon Oil Company.

Dieses Unternehmen geht zurück auf die 1887 gegründete Ohio Oil Company. Im Jahr 1889 wurde das Unternehmen von der Standard Oil Company übernommen und in das Unternehmen eingegliedert. 1911 wurde die Standard Oil Company schließlich zerschlagen. Aus dem Unternehmen gingen 34 einzelne Unternehmen hervor, unter anderem auch die Marathon Oil Corporation.

Marathon Oil hat sich 1987 aus der Region verabschiedet und setzt mittlerweile zunehmend auf Ölsand. So produzierte das Unternehmen im Jahr 2009 rund 600 Millionen Barrel synthetisches Öl aus Ölsand. Zum 1. Juli 2011 wurde das Downstream-Geschäft (Raffinerien und Tankstellen) als Marathon Petroleum abgespalten, die auch das alte Logo von Marathon Oil übernahm. (Quelle: Wikipedia)

Der 1948 gefasste Entschluss, die Geschäftstätigkeit über die Vereinigten Staaten hin auszudehnen, führte in den folgenden Jahren zu ersten Investitionen in Kanada und zum Sprung auf den afrikanischen Kontinent, als dort Ende der 50er Jahre bedeutende Erdölvorkommen in Libyen entdeckt wurden.

Der Expansionsdrang des amerikanischen Energiekonzerns deckt sich in den 60er Jahren mit dem Bestreben, vor allem des damaligen Wirtschaftsministers Dr. Otto Schedl, im damals noch weitgehend agrarisch strukturierten Bayern, zum Erdölzeitalter aufzuschließen. Im Jahr 1962 wird die „Deutsche Marathon Petroleum GmbH“ zunächst in Frankfurt als reine Vertriebsgesellschaft mit Raffineriebeteiligung gegründet. Bald folgt der Entschluss, selbst in die Herstellung petrochemischer Vorprodukte einzusteigen. Im Jahr 1965 werden die Marathon Chemischen Werke mit Sitz in München gegründet.

Etwa zeitgleich treten die Arbeiten an der Transalpinen Ölleitung (TAL), die Raffinerien in Österreich und in Süddeutschland mit Rohöl aus dem Adriahafen Triest versorgen soll, in die entscheidende Phase. Diese Pipeline mit einer Länge von 464 Kilometern bringt damals nicht nur die längste Baustelle Europas, sondern auch den Startschuss für das Erdölzeitalter in Bayern. Im Jahr der Fertigstellung der TAL – 1967 – laufen auch die Bauarbeiten für die Raffinerie in Burghausen, aber auch an den Standorten von Wacker und Hoechst die Umbauarbeiten auf petrochemische Basis auf Hochtouren. Als Alternativstandort für eine Raffinerie im Chemiedreieck war seinerzeit laut Anzeiger Pirach zwischen Burgkirchen und Burghausen im Gespräch.

Versorgt wird die Raffinerie in Burghausen über eine rund 60 Kilometer lange Pipeline, die vom Hauptstrang der TAL in Steinhöring im Landkreis Ebersberg in Richtung Burghausen abzweigt. Pipelines für die Produkte aus der Raffinerie versorgen bereits seit Mitte der 60er Jahre die Chemiestandorte in Burghausen und Burgkirchen im Landkreis Altötting sowie Münchsmünster im Landkreis Pfaffenhofen. Das Tanklager in Feldkirchen bei München, nahe dem damaligen Flughafens München-Riem, wird ebenfalls per Pipeline an die Raffinerie ihn Burghausen angebunden.

„Haupterzeugnisse des Werkes ... sind Acetylen und Aethylen ... Daneben stellt das Werk leichtes Heizöl, Dieselkraftstoff und hochwertigen Petrolkoks für den Absatz in Europa her“, berichtet der Burghauser Anzeiger 1968. Inzwischen wird außerdem der Münchner Flughafen im Erdinger Moos, einer der leistungsstärksten in Europa, über eine verlängerte Pipeline via Feldkirchen aus Burghausen mit Kerosin versorgt. Benzin gehörte nie zum Produktspektrum der Burghauser Raffinerie, allerdings haben in den vergangenen Jahrzehnten Zwischenprodukte für die Herstellung hochwertiger Kunststoffe stark an Bedeutung gewonnen.

Eine Sensation im Jahr 1968: „Das Werk Burghausen gehört zu den am weitestgehenden automatisierten petrochemischen Anlagen der Welt. Ein Computer, Modell IBM 1800, überwacht mehr als 1000 Temperatur-, Druck- und Durchflussmesser, und im Endzustand wird er kritische Betriebsbedingungen, einschließlich der Wulff-Reaktoren, automatisch steuern. (Der Ausdruck Wulff-Reaktoren steht für Anlagen zur Aufschließung leichter Kohlenwasserstoffe und Naphtaschnitte. Die aufgeschlossenen Gase werden dann gekühlt, komprimiert und einer Reinigungsanlage zugeführt.) Außerdem ist die Anlage mit mehr als 50 Prozeßanalysatoren ausgerüstet, die es Marathon ermöglichen, ein Optimum an Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit zu erreichen.“ (Quelle: Burghauser Anzeiger v. 28. März 1968)

Eine ernsthafte Krise für den Standort in Burghausen begann, als US-Streitkräfte im April 1986 Ziele in Libyen bombardierten, nachdem man libysche Drahtzieher hinter einem Anschlag auf US Soldaten in einer Berliner Diskothek vermutet hatte. Die Marathon-Raffinerie in Burghausen musste auf Öllieferungen aus Libyen verzichten. Erdöl aus anderen Quellen wurde zum Hafenterminal in Triest gefahren, um von dort aus in die TAL eingespeist und nach Burghausen gepumpt zu werden.

Einen neuen Schub und eine gesunde Perspektive erlebt der Raffinerie-Standort vor 30 Jahren: Am 25. September 1987 übernimmt die ÖMV (1995 in OMV umfirmiert), die Raffinerie in Burghausen und baut sie zugleich zu einem der modernsten Raffinerie-Standorte für petrochemische Produkte weltweit aus.

Investitionsschwerpunkte der vergangenen 15 Jahre waren vor allem der Bau einer Metathese-Anlage zur optimierten Gewinnung von Ethylen (alte Schreibweise Aethylen), der Ausbau der Produktion von Polyethylen und und Poly-Ethylen-Granulaten in der benachbarten Borealis und die Investition in eine neue Anlage zur Herstellung von Butadien mit einem Investitionswert von rund 200 Millionen Euro und Vorstellung im Juni 2015.

Bereits zwei Jahre zuvor war der Ethylenverbund, eine neue Pipeline-Verbindung von Münchsmünster aus nach Ludwigshafen ans Netz gegangen, um die Produktionssicherheit im Bayerischen Chemiedreieck zu erhöhen.

Quelle: Passauer Neue Presse

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