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26. Januar 2017 - Passauer Neue Presse

Diskussion mit ChemDelta Bavaria: Energiewende in Bayern – Schaffen wir das?

Experten beleuchten im Wirtschaftsbeirat Bayern die Pläne und aktuelle Situation – Heute berät ChemDelta Bavaria

München/Burghausen.
Das Projekt ist gewaltig. Die Herausforderung ist es auch. Bis 2025 soll die Energiewende in Bayern umgesetzt, sollen die neuen Nord-Südverbindungen, die SüdLink (ca 800 Kilometer Länge) und die SüdostLink (ca 560 Kilometer Länge), zur Übertragung der Elektrizität fertig gestellt sein. Und bereits drei Jahre zuvor, zum 31. Dezember 2022 soll aufgrund der 13. Novelle des Atomgesetzes (AtG) das Kernkraftwerk Isar 2 im nahen Ohu bei Landshut als letztes bayerisches Kernkraftwerk vom Netz gehen. So will es die im Bund beschlossene Energiewende. Klare Aussage zum weiteren Kurs: An einen Ausstieg aus dem Ausstieg ist derzeit nicht gedacht.

Diese Eckpunkte der Energiewende in Bayern und vor allem die Konsequenzen für das Bayerische Chemiedreieck diskutiert heute nachmittag die Initiative ChemDelta Bavaria intern mit Bayerns Wirtschaftsstaatssekretär Franz Pschierer und Lex Hartmann vom Betreiber des Hochspannungsnetzes TenneT in Raitenhaslach.

Zu Beginn dieser Woche stand die Thematik bereits im Wirtschaftsbeirat in München zur Debatte. Gut über 150 Unternehmensvertreter quer durch alle Branchen aus dem gesamten südbayerischen Raum waren in diesem Forum präsent, um sich über die Energiewende und ihre Bedeutung für den Freistaat, vor allem aber zum Projekt zweier Hochspannungstrassen für Gleichstromleitungen aus Nord- und Mitteldeutschland nach Bayern zu informieren.

Große Sorgen galten der technischen Machbarkeit des Gesamtvorhabens insgesamt, der Umsetzung innerhalb der gesetzten Frist und nicht zuletzt den Kosten und möglichen Konsequenzen für den Strompreis. Das zeigten die Fragen der Unternehmer. Der Strompreis ist wiederum für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Bayern von existenzieller Bedeutung.

Hinweise auf Projekte wesentlich kleineren Umfangs, wie zum Beispiel der neue Flughafen in Berlin oder die Elbphilharmonie in Hamburg, sorgten mit Blick auf Fristen und möglicher Kostenexplosion beim Strom-Trassenprojekt der Energiewende für Stirnrunzeln. Immerhin wird das Projekt der Stromtrassen auf rund 15 Milliarden Euro Baukosten geschätzt.

In der Region südöstliches Oberbayern werden die projektierten Trassen zwar nicht verlaufen, aber die chemische Industrie als wirtschaftliche Leitbranche ist massiv auf eine sichere Stromversorgung, die bislang auch von der Kernkraft in Ohu mitgetragen wurde, angewiesen.

Referenten zur Situation und geplanten Entwicklung in Bayern waren beim Wirtschaftsbeirat in München Ministerialrat Dr. Thorsten Schmiege aus dem bayerischen Wirtschaftsministerium, Dr. Urban Keussen vom Hochspannungsnetzbetreiber TenneT und Dr. Stefan Bürkle vom Ingenieurbüro ILF. Dieses Unternehmen kommt ursprünglich aus der Planung und dem Bau von Pipelines und betreut nun Hochspannungstrassen-Projekte.

Bayern soll durch die beiden Trassen SüdLink und SüdostLink einerseits an die Erzeuger von Windenergie in Norddeutschland, andererseits sollen auch die Strommärkte im Norden an die Einspeiser von Fotovoltaik-Strom im Süden angeschlossen werden.

Um die Akzeptanz der geplanten Hochspannungstrassen zwischen Nord- und Süddeutschland bei Anliegern und Grundstückseigentümern zu erhöhen, aber auch um damit langwierige Gerichtsverfahren so weit als möglich zu begrenzen, soll überall dort, wo es nur möglich scheint, auf Freileitungen verzichtet werden. Rund 1500 Masten sollen laut aktueller Projekt-Überlegungen durch Verkabelung eingespart werden.

Bei Gleichstromleitungen sei die Verkabelung machbar, allerdings vor allem beim Bau der Einspeisungsanlagen teuer, erklärte Dr. Urban Theussen. Größere Schwierigkeiten sieht er in Abschnitten künftiger Stromtrassen, in denen auch Wechselstromleitungen verkabelt werden sollen. Da komme am Ende der Leitung nicht mehr viel Strom an.

Der Transport von Strom aus erneuerbaren Energien über große Strecken und zu den Verbrauchern ist nur ein Problem. Die Zahl der vielen Einspeiser zu unterschiedlichen Zeiten und mit unterschiedlicher Kraft ist eine weitere Herausforderung.

Die Komplexität des notwendigen Netzmanagements erklärte Dr. Keussen mit Verweis auf die Zahl der notwendigen Eingriffe, um das Netz angesichts der vielen unterschiedlchen Einspeisungszeiten und Leistungen stets stabil zu halten. Waren vor wenigen Jahren noch ca fünf Stabilisierungseingriffe notwendig, so waren es zuletzt bereits über 1200 im gleichen Zeitraum. Die in Deutschland bereitstehende Speicherkapazität für elektrischen Strom deckt nach seinen Aussagen gerade mal 20 Minuten des deutschlandweiten Verbrauchs.

Auf die hohen Ansprüche dieser Komplexität hin sei das bayerische Stromnetz nicht ausgerichtet, erklärte Dr. Schmiege. Bayern setzte in den vergangenen Jahrzehnten als Industrie-Staat mit enormem Stromverbrauch auf die wenigen leistungsstarken Erzeuger an den Kernkraft-Standorten. Und auf diese Struktur sei das Netz ausgerichtet.

Weitere Herausforderungen zeigen sich beim Netzmanagament im Fall sogenannter „Dunkel-Flauten“. Das heißt, wenn weder Wind weht noch die Sonne scheint, müssen Kraftwerke zugeschaltet werden, um die Lücken in der Stromerzeugung auszugleichen. Die Betreiber dieser Kraftwerke wollen dafür entlohnt werden und auch die Bereitstellung von Erzeuger-Kapazitäten gibt es nicht zum Nulltarif.

Weitere Herausforderungen im Strom-Transport und in der Netzstabilisierung zeigen sich bereits heute. Bislang wurde mangels leistungsfähiger Netze in Deutschland Strom aus dem Norden über Polen nach Süden geleitet. Das führte in Polen zu Netz-Risiken und Störungen. Konsequenterweise habe Polen reagiert und Vorrichtungen gebaut, um das eigene Netz gegen zuviel Strom aus Deutschland abzusichern, erklärte Dr. Keussen. „Grenzkontrollen für Elektronen“ also, fügte er ironisch an.

Die internationale Sicht auf die Energiepolitik spielt noch in weiteren Aspekten eine Rolle. Die Finanzierung der Kraftwerke, der Netze wie auch die Preisgestaltung der Stromerzeugung und der Transportkosten in Deutschland unterliegen der kritischen Aufsicht der europäischen Wettbewerbskontrolle in Brüssel.

Die grenzüberschreitende Betrachtung gilt auch für Strom-Transporte, vor allem in der Zeit, in der in Bayern weder die elektrische Energie aus den Kernkraftwerken noch die Energie aus den norddeutschen Windparks zur Verfügungs steht. Dieser Engpass ist in der planungs- und bautechnisch zu erwartenden Mindestlücke zwischen 2022 und 2025 absehbar.

Bedenken aus Unternehmerkreisen beim Wirtschaftsbeirat in München, dass diese Lücke dann mit Strom aus Kernkraftwerken in Frankreich, Tschechien oder der Slowakei gefüllt werde, konnte keiner der Referenten überzeugend entkräften. Vorgesehen sei es nicht und es gebe andere Bezugsmöglichkeiten, waren die Antworten. Für stabile Bezugsmöglichkeiten aus anderen Quellen fehlen allerdings bislang ebenfalls die passenden Netze.

Auch den Zeitplan sehen viele Unternehmer nicht ohne Risiken: Aktuell werden Trassenkorridore für Süd- und SüdostLink erarbeitet. Es werden mit umfassender Bürgerbeteiligung diejenigen Optionen gesucht, die am wenigsten Konflikte mit räumlichen Gegebenheiten und Anliegerinteressen erwarten lassen.

Diese Trassenkorridore werden dann bei der Bundesnetzagentur zur Prüfung eingereicht, voraussichtlich im Frühjahr, und sollen dann, nach eventuellen Korrekturen, in die Planfeststellung gehen. Bereits im Vorfeld sei stark auf die Einbindung der betroffenen Bürger geachtet worden, so die Information. In der planungsrechtlichen Bearbeitung des Themas werden angesichts der komplexen Materie, aber auch in der personellen Anforderung , weitere Risiken gesehen.

Auch die Technik der Verkabelung ist offenbar nicht ohne. Laut Auskunft von Dr. Keussen vom Netztbetreiber TenneT übersteigt der Bedarf an Hochspannungskabeln für die Gleichstromleitungen derzeit noch absehbar die Kapazität der aktuellen weltweiten Produktionsvolumen dieser Kabel. Aber man sei im Gespräch mit Herstellern zum Aufbau der benötigten Produktionskapazität.

In der Verbindung der einzelnen Kabelstränge durch Muffen sehen die Techniker eine weitere Herausforderung. Um sicheren Betrieb des Stromtransports zu gewährleisten, müssen die Muffen hochpräzise gesetzt werden und dazu sei es notwendig, auf den Baustellen, in den Verlegegräben, unter Reinraum-Bedingungen zu arbeiten. Der geschätzte Bedarf an Kabelmuffen liegt bei 6000 bis 8000.

In diesen sorgenvollen Kontext passte schließlich die letzte Frage im Wirtschaftsbeirat: Wie wird man mit der Idee aus der Landwirtschaft umgehen, künftig Kabelmaut für betroffene Grundstücke zu verlangen. Dieses Fass sollte man nicht aufmachen , betonte Dr. Keussen. Bislang sei es üblich, die Trassennutzung durch Einmalzahlungen abzugelten. Man schaffe sonst Präzedenzfälle für Straßen und andere öffentlich Versorgungsleitungen.

Irgendwie sei dieses Fass schon aufgemacht, merkte Dr. Otto Wiesheu, bayerischer Wirtschaftsminister a.D. und Präsident des Wirtschaftsbeirats an – durch die Konzessionsabgaben, die seit Jahren an Kommunen für Stromtrassen bezahlt werden. Und auch Betreiber von Windkraftanlagen haben offenbar in jüngster Vergangenheit lukrative Angebote an Grundstücksbesitzer gemacht.ede

Anmerkung der Redaktion: Mögliche Präzendezfälle werden dann vor allem für Eigentümer von Gründstücken interessant, durch die Pipeline-Trassen verlaufen, aber auch für die Unternehmen, die auf diese Leitungen angewiesen sind, für die Fach-Anwaltskanzleien und letztlich für alle Verbraucher, auf die die Zeche umgelegt wird.

Quelle: Passauer Neue Presse

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