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23. September 2017 - Passauer Neu Presse

Chemie: Leistungsdefizit befürchtet

Chemische Industrie kritisiert Stundenplankürzung zu Lasten des Fachs Chemie

München.
Die Bayerischen Chemieverbände sind in tiefer Sorge über die Zukunft der Wissenschaft und vor allem des Chemieunterrichts an Bayerns Schulen: Für das neue, neunjährige Gymnasium hat das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst kürzlich neue Stundentafeln veröffentlicht, die aus Sicht der Chemieverbände kritische Lücken im Chemieunterricht aufweisen.

Die Entscheidung, das Fach Chemie in der 11. Jahrgangsstufe des „nicht-naturwissenschaftlich-technologischen“ Zweiges mit keiner einzigen Stunde vorzusehen, „führt faktisch dazu, dass diese Schülerinnen und Schüler den Chemieunterricht auch in der 12. und 13. Jahrgangsstufe nicht wählen werden, wenn sie vorher ein Jahr lang keinen Chemieunterricht besuchen konnten“, monieren die Bayerischen Chemieverbände.

„Ich sehe diese Entwicklung mit großer Sorge, gerade im Hinblick auf die Notwendigkeit, technische Berufe in Deutschland besonders zu fördern. Letztendlich resultiert ja aus der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Wohlstand in Deutschland. Und es wäre schade, wenn gerade das bisher so leistungsstarke Bayern ein Negativbeispiel in der Bildungspolitik abgeben würde“, betont Dr. Günter von Au, Vorsitzender der Bayerischen Chemieverbände im Gespräch mit Heimatwirtschaft.

Und Prof. Dr. Rudolf Staudigl, Vorstandsvorsitzender der Wacker Chemie AG mit allein rund 10 000 Arbeitsplätzen in Burghausen, ergänzt: „Mit der Reduzierung des Chemieunterrichts beweist das Kultusministerium, dass es immer noch nicht verstanden hat, woher die Wertschöpfung und damit der Wohlstand für die Menschen von heute kommt.“ Und fügt an: „Goethe ist wichtig, aber Naturwissenschaften, vor allem die Chemie, sichern den Wohlstand.“

So bieten zum Beispiel allein im Bayerischen Chemiedreieck mit den Kreisen Altötting, Mühldorf und Traunstein Betriebe der chemischen Industrie rund 25 000 Arbeitsplätze mit hohem Multiplikationsfaktor für Partnerbetriebe.

Die Chemieverbände betonen außerdem: „Der Wohlstand in Deutschland und Bayern, den wir im Vergleich zu vielen anderen Ländern aktuell genießen, ist wesentlich auf den hohen Anteil industrieller Wertschöpfung zurückzuführen. Die Innovationskraft unserer Unternehmen, allen voran die der chemisch-pharmazeutischen Industrie, ist der Schlüssel für unseren Erfolg im internationalen Wettbewerb.“

Dabei sind es vor allem zwei Entwicklungen, die – „falls hier nicht umgesteuert wird“, so die Chemieverbände – zu einem weiteren Verfall der naturwissenschaftlichen Grundbildung an bayerischen Gymnasien führen werden. So habe die bisherige Ausgestaltung der gymnasialen Oberstufe bereits jetzt zur Folge, dass seit der Einführung des „G 8“ die Zahl der Abiturienten, die im schriftlichen Abitur naturwissenschaftliche Fächer wählen, um 74 Prozent (Physik), 83 Prozent (Chemie) bzw. 92 Prozent (Biologie) gesunken ist. Insgesamt sank zwischen 2008 und 2016 der Anteil bayerischer Abiturienten, die eine schriftliche Abiturprüfung in Chemie ablegten, um 84 Prozent. (Quelle: Verband der Chemielehrer Bayerischer Gymnasien VCBG)

„Diese fatalen Entscheidungen sind dazu geeignet, zur Erosion der Naturwissenschaften an bayerischen Gymnasien beizutragen, mit unabsehbaren Folgen für das Industrieland Deutschland“, warnen die Bayerischen Chemieverbände. Zwar besuche rund die Hälfte der Gymnasiasten in Bayern den naturwissenschaftlich-technologischen Zweig. Aber ausgerechnet in einer Naturwissenschaft müsse selbst hier kein Abiturient in Bayern eine Abiturprüfung ablegen.

Die überproportional hohen Abbrecherzahlen in den naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen seien möglicherweise auch eine der Folgen dieser Entwicklung. Statt diesen Trend umzukehren, werde dieser durch die vorgeschlagene neue Stundentafel für das G9 – insbesondere, was das Fach Chemie betrifft – voraussichtlich sogar noch weiter verstärkt.

Quelle: Passauer Neue Presse

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