ChemDelta Bavaria - Titelbild

21. November 2017 - Passauer Neu Presse

ChemDelta: 10 Jahre Arbeit für die Region

Interview mir Dr. Bernhard Langhammer und Georg Häckl zu Bilanz und Perspektiven

Burgkirchen.
Die Initiative ChemDelta Bavaria besteht nicht nur seit zehn Jahren, sondern zugleich auch für eine beispiellose Erfolgsgeschichte in Bayern. Zwanzig Unternehmen sprechen in dieser Initiative gemeinsam für zehn Standorte mit unmittelbar über 20 000 Arbeitsplätzen und einen Gesamtumsatz von über zehn Milliarden Euro. Weitere 50 000 Arbeitsplätze hängen von den Arbeitsplätzen in der chemischen Industrie ab. Ziel der Initiative ist es seit der Gründung, die Region des Bayerischen Chemiedreiecks voranzubringen, Gehör zu finden bei Politik und Behörden, Standorte zu sichern und weiterzuentwickeln und die Region mit Blick auf die Infrastruktur nicht nur im weltweiten Wettbewerb konkurrenzfähig zu halten, sondern auch, neue Herausforderungen zu meistern.

In einem Gespräch mit Heimatwirtschaft ziehen der Vorsitzende des Lenkungskreises, Dr. Bernhard Langhammer (Geschäftsleiter der InfraServ Gendorf), und Georg Häckl, Sprecher der Initiative Bilanz.

Springen wir mal zehn Jahre zurück: Wie ist denn die Initiative ChemDelta Bavaria entstanden?
Dr. Bernhard Langhammer:
Die Notwendigkeit einer gemeinsamen Interessensvertretung, nicht nur aus dem Blickwinkel der Chemischen Industrie, sondern mit dem Akzent auf der gesamten Wirtschaftsregion ist immer wieder mal thematisiert worden. Wie akut das Fehlen einer gemeinsamen Plattform war, das wurde mir persönlich bewusst, als ich auf Einladung von Jochen Englmeier, damals Geschäftsführer des Städtebundes Inn-Salzach, auf einer Konferenz zur Magistrale TEN 17 im Jahr 2006 in Straßburg das Bayerische Chemiedreieck vorstellen durfte. Ein Jahr später erfolgte die Gründung der Initiative. Erster gemeinsamer Auftritt war kurz nach der Gründung im Jahr 2007 eine viel beachtete Ausstellung im Bayerischen Landtag.

Wenn Sie die zurückliegenden zehn Jahre Revue passieren lassen, worin liegt denn der größte Erfolg der Initiative?
Dr. Langhammer:
Hier sollte man differenzieren. Die Initiative als gemeinsame Interessens-plattform der Unternehmen aus der Chemischen Industrie ist sicher ein Erfolg für sich. Gute Zusammenarbeit hatte sich bei uns außerdem bereits im Umgang mit der Störfallverordnung gezeigt. Aber auch das Engagement für die Weiterentwicklung der Wirtschaftsregion und damit für die Sicherung der Einkommens- und Wohlstandsbasis im Bayerischen Chemiedreieck sollten nicht außer Acht bleiben.

Wie lassen sich die Erfolge hier konkret beschreiben?
Dr. Langhammer:
Das erste ganz konkrete Erfolgsprojekt war die Ethylenpipeline Süd. Der Bau dieser Pipeline, außerhalb des Bayerischen Chemiedreiecks wohlgemerkt, stellt hier die Versorgungslage auf eine sichere Basis. Davon profitieren nicht nur die Unternehmen der Chemischen Industrie, sondern auch die technischen Partnerunternehmen aus Mittelstand und Handwerk. Die Pipeline ist nun seit über drei Jahren in Betrieb, aber erst kürzlich ist der letzte Einspruch vor einem Gericht abgewiesen worden.
Georg Häckl: Auch die Verkehrsinfrastruktur ist in den vergangenen zehn Jahren gut vorangekommen. Die Unternehmen in der Initiative ChemDelta Bavaria haben immer wieder auf allen politischen Ebenen, ob in München oder Berlin, die Notwendigkeit und die Abhängigkeit der Investitionen an den Standorten von der Infrastruktur hingewiesen. Der Bau der Autobahn A 94 ist inzwischen so gut wie in trockenen Tüchern. Der Lückenschluss nach München mit dem Fertigstellungstermin 2019 ist in greifbarer Nähe. Auch bei der Bahn scheint die Entwicklung auf einem guten Gleis. Das Güterterminal in Burghausen erweist sich als Erfolgsmodell. Der Gleisengpass zwischen Mühldorf und Tüßling ist Vergangenheit.

Aber gerade bei der Bahn gibt es doch noch offene Baustellen. Wie geht es denn weiter?
Dr. Langhammer: Die Chancen stehen hier gut, dass wir auch im Bahnausbau vorankommen. Der aktuelle Bundesverkehrswegeplan stellt hier vielversprechende Weichen.
Georg Häckl: Auch für die Strecke Markt Schwaben über Mühldorf nach Salzburg bin ich zuversichtlich, dass eine zukunftsfähige Lösung gefunden wird. Die Notwendigkeit leistungsfähiger Zulaufstrecken zum Brennerbasistunnel, aber auch die Belastbarkeit der Schienen mit einer Achslast, wie sie moderne und rentable Güterzüge benötigen, sind in der Politik unbestritten. Der Tunnel soll 2026 fertig werden. Die Zeit drängt also auch bei den Zulaufstrecken. Die Schienengüterverkehrsmengen aus dem Bay. Chemiedreieck werden in den nächsten Jahren zudem deutlich ansteigen. Konkrete Aussagen dazu soll es in Kürze bei einem Bahnverkehrsgipfel der IHK in Burghausen geben.

Damit scheinen doch für die Zukunft der Region die wesentlichen Aufgaben gelöst.
Dr. Langhammer:
Das wäre schön. Ein zentrales Anliegen, das uns alle noch lange beschäftigen wird, ist der eingeschlagene Weg in der Energiewende. Bis dato sind wir im Bayerischen Chemiedreieck mit der höchst stromintensiven Produktion, zum Beispiel in den Bereichen Chlorelektrolyse oder Gewinnung von Reinstsilicium, einigermaßen glimpflich davon gekommen. Wesentlich für die Standorte und die gesamte Wertschöpfungskette bleiben aber Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähige Preise.
Georg Häckl: Viele der Probleme im Energiesektor sind hausgemacht: Strom wird in Regionen, wo er nicht gebraucht wird, mit Subventionen produziert; eigene Kernkraftwerke werden abgeschaltet, aber Kernenergie von außen zugekauft. Und ein weiteres Problem sind die hohen Redispatch-Kosten.

Redispatch?
Georg Häckl:
Redispatch ist im Bereich des Stromhandels eine Anforderung zur Anpassung der Leistungseinspeisung von Kraftwerken durch den Übertragungsnetzbetreiber, um regionale Überlastungen einzelner Betriebsmittel im Übertragungsnetz zu vermeiden oder zu beseitigen. Je dezentraler die Stromerzeugung und Einspeisung auf der einen, aber auch je konzentrierter die Abnahme auf der anderen Seite erfolgt, desto komplexer werden derzeit die Anforderungen.
Dr. Langhammer: Hier könnten Speicherkraftwerke helfen, aber kostendeckende Lösungen sind hier noch nicht in Sicht.

Wie schaut es denn mit dem Thema Fachkräfte aus? Verspricht hier die junge Hochschule in Burghausen eine Antwort auf drängende Sorgen?
Dr. Langhammer:
Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte wird härter, kein Zweifel, und das, obwohl die Tarife und die Arbeitsplatzperspektiven in der chemischen Industrie denkbar gut sind. Die Hochschule vor Ort ist hier zwar nicht unbedingt eine Antwort auf die Frage nach den künftigen Fachkräften im gewerblichen Bereich, aber mit Sicherheit ein guter Baustein für die Zukunft im Chemiedreieck. Der enge Kontakt zur Industrie und die Perspektive, von außen junge Menschen mit Interesse an Chemie und Naturwissenschaft anzulocken, oder auch, um junge Menschen in der Region zu halten, sind klare Pluspunkte. Hier bringen sich auch die Unternehmen und ChemDelta Bavaria mit ein. Auch die Entwicklung des neuen Studiengangs an der Nahtstelle von Chemie, IT und Mechanik verspricht ein interessantes Potenzial.

Mal eine Frage zum Grundsätzlichen: Ist denn die Chemie, wie sie derzeit im Bayerischen Chemiedreieck betrieben wird, noch zeitgemäß und zukunftsfähig? Oder gibt es Sektoren, die in eine Sackgasse münden? Die Kalk-und-Kohle-Chemie, die bis Mitte der 60er Jahre die Region bestimmte, ist vor 50 Jahren doch auch durch die Petrochemie abgelöst worden?
Dr. Langhammer:
Um das Potenzial der Chemischen Industrie ist mir nicht bang. Ich bin sicher, die Herausforderungen werden noch steigen. Es gibt angesichts der wachsenden Menschheit zunehmende Herausforderungen, die nur durch Leistungen der chemischen Industrie gelöst werden können, zum Beispiel in der Elektromobilität. Denken Sie nur an die Möglichkeiten, die derzeit die Silicon-Chemie eröffnet. Hier ist noch längst keine Sackgasse in Sicht. Im Übrigen ist auch die Kalk-und-Kohle-Chemie noch lange nicht Geschichte. AlzChem betreibt sie auf höchstem Niveau und mit guten Ergebnissen.

Alles bleibt also beim Alten?
Dr. Langhammer:
Der Denkansatz muss ein anderer sein. Die Chemische Industrie, und das gilt für alle Unternehmen und Standorte in der Region, ist schon lange nicht mehr allein auf die Produktion bestimmter Verbindungen, bestimmter Güter fixiert, sondern auf das Angebot von Lösungen. Man kann hier durchaus einen Vergleich ziehen zur Automobil-Industrie, die sich auch zunehmend als Mobilitätsindustrie versteht und nicht nur als Hersteller von Fahrzeugen.

Ist denn daran gedacht, die Initiative ChemDelta Bavaria noch weiter auszubauen, etwa geografisch in Richtung Oberösterreich, oder auch in den Raum Wasserburg? Oder thematisch, etwa durch die Anwerbung und Aufnahme von Unternehmen, die zwar nicht unmittelbar zur chemischen Industrie zählen, aber als Partnerunternehmen eng mit ihr verbunden sind?
Dr. Langhammer:
Zum zweiten Teil der Frage ein klares nein. Daran ist im Augenblick nicht gedacht. Wir wollen uns auf die Chemie konzentrieren und hier steht augenblicklich eine geografische Ausweitung nicht im Vordergrund. Wir wollen uns auf unsere angestammte Region konzentrieren. Da gibt es aber durchaus noch Unternehmen, die sich bisher noch nicht angeschlossen haben, die uns aber durchaus willkommen sind.

Sie haben bereits die guten Erfahrungen der Unternehmen in der Region in der Kooperation in der Störfall-Vorsorge angesprochen. Wie wird denn grundsätzlich das Synergiepotenzial genutzt?
Dr. Langhammer:
Wir haben bereits über die Energieversorgung gesprochen. Wir haben zum Beispiel mit unserer eigenen Turbine am Standort Gendorf schon hunderte mal Strom erzeugt, und ihn ins Netz geliefert, weil er gerade nachgefragt wurde und am Standort nicht benötigt wurde. Auch der Warenaustausch und Servicedienstleistungen unter den Standorten wächst kontinuierlich, was aber nicht bedeutet, dass die einzelnen Unternehmen nicht selbstständig als unabhängige Einheiten agieren würden.

Kurz vor der Bundestagswahl hat es in Gendorf ein Forum zum Thema IT-Sicherheit gegeben: Welche Rolle spielt denn das Konzept der „Industrie 4.0“ für die Leitindustrie in der Region und damit auch für ChemDelta Bavaria?
Dr. Langhammer:
Automatisierung und Prozessleitsysteme haben in der chemischen Industrie eine lange Tradition. Wir sind hier länger dabei, als manche andere Branche. Aber wie das Forum vor einigen Wochen zeigte, wir dürfen uns nicht auf Erreichtem ausruhen. Die InfraServ Gendorf zum Beispiel hat, auch mit Blick auf den steigenden Fachkräftebedarf in der IT-Branche, bereits vor über 15 Jahren eine IT-Fachschule gegründet. Und zu den Herausforderungen in den Ansprüchen an die Sicherheit gibt es wie in der Störfallvorsorge eine konstruktive Zusammenarbeit.

Interview: Ernst Deubelli

Quelle: Passauer Neue Presse

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