ChemDelta Bavaria - Titelbild

13. Oktober 2017 - OVB online

Spezialisiert zum Erfolg

Initiative ChemDelta Bavaria: Die Verantwortlichen im Gespräch


Die Firmen im Chemiedreieck zwischen Aschau, Trostberg, Burghausen und Töging sind große Arbeitgeber. Seit zehn Jahren stellt die Initiative ChemDelta Bavaria Stärken der Industrie in den Vordergrund. Ein Gespräch mit Lenkungskreisvorsitzendem Dr. Bernhard Langhammer und Sprecher Georg Häckl über Aufgaben und Innovation.

Die Chemieindustrie prägt die Region seit mehr als 100 Jahren, dagegen blickt ChemDelta Bavaria mit seiner zehnjährigen Geschichte auf eine junge Vergangenheit zurück. Worin besteht für Sie die Aufgabe der Initiative?


Dr. Langhammer: Unser Ziel ist es, mit einer Stimme die Herausforderungen unserer Branche gegenüber der Politik anzusprechen. Das ChemDelta Bavaria ist ja ganz bewusst eine Interessenvertretung von ausschließlich Chemiefirmen, sodass wir, anders als andere Initiativen deutschlandweit, beispielsweise keine Dienstleister aufgenommen haben. Aufgrund der Stärke unserer Firmen waren wir vor zehn Jahren die letzte Chemieregion, die sich eine solche Interessengemeinschaft gegeben hat. Denn wir mussten nicht aus der Not heraus agieren, wie zum Beispiel Regionen in Mitteldeutschland nach der Wende durch den Zusammenbruch des Kombinatsystems. Dort stand die Zukunft der Chemiestandorte in Frage. Natürlich hatten wir trotz der Stärke unserer Unternehmen auch Probleme. Als wir uns vor zehn Jahren gegründet haben, gab es schon lange den Dauerbrenner der Verkehrsanbindung. Aber es war letztlich ein anderes Thema viel drängender: die Entscheidung über die Ethylen-Pipeline-Süd. Da haben wir gemerkt, dass wir als gemeinsames Sprachrohr in der Politik mehr Gehör finden. Der Chemiepark oder auch ein Standort Wacker wären ohne Ethylen nicht möglich. Die Pipeline ist für uns eine Lebensader – nicht dicker als eine Wasserleitung vor dem Haus.

Häckl: Damals wurde der Chemiestandort in der Region oft unterschätzt. Über die gut zwei Quadratkilometer Industrieanlage bei der Wacker Chemie zum Beispiel waren viele erstaunt, ebenso wie über die große Vielfalt der Anlagen in der Region. Diese Stärke müssen wir kontinuierlich an die Politik weitergeben. Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht fertig.

Wie haben sich die Schwerpunkte verändert?


Dr. Langhammer: Langes Kampfthema war der Bau der A94. Sie ist für das Chemiedreieck – zumindest in ihrer Westanbindung – nun bald Geschichte. Im Osten ist die Strecke jedoch noch nicht mit Planungsrecht versehen. Ähnlich verhält es sich beim Thema Bahn. Nachdem die Strecke in Richtung München ausgebaut wird, kämpfen wir nun dafür, dass auch bis Salzburg zweigleisig gebaut und elektrifiziert wird. Die Themen sind somit zwar im Grunde gleich, müssen jedoch modifiziert weitergeführt werden.

Ein Thema, das uns alle betrifft, wo wir jedoch als ChemDelta wenig ausrichten können, ist die Energie. Die Chemie ist die stromintensivste Industrie und braucht Versorgungssicherheit. Da Unternehmen ihre Prozesse bereits stark optimiert haben, kann eine kleine Unterbrechung fatal sein. Energiekosten sind in Deutschland hoch, wenn wir die hohe Versorgungssicherheit auch noch verlieren würden, wäre das eine Katastrophe.

Inwieweit ist der Standort Deutschland für energieintensive Industrie wie die Chemie international konkurrenzfähig?

Dr. Langhammer: Hier ist die Lage zweigeteilt. Während einige Prozesse als energieintensiv gelten und Firmen von Auflagen wie der EEG-Umlage befreit sind, gilt das für andere nicht und diese leiden extrem. Hier im Chemiepark wäre es zum Beispiel ohne Befreiung nicht möglich, konkurrenzfähig Chlor zu produzieren, damit würde eine ganze Produktionskette zusammenbrechen – mit fatalen Folgen. Auch das Geschäftsmodell der InfraServ Gendorf mit ihrem hocheffizienten Energieverbund wäre am Ende, wäre die Stromproduktion für den Eigenbedarf nicht befreit.

„Komplettes Paket des Chemiedreiecksals Stärke“

Häckl: Gerade die Dienstleistungen des Standortbetreibers InfraServ Gendorf machen den Chemiepark jedoch vor allem für kleinere Unternehmen interessant. Insgesamt muss man sagen, dass unsere regionalen Standorte weltweit in Konkurrenz stehen, wenn eine neue Anlage gebaut wird. Da spielen viele Faktoren eine Rolle, von der Verfügbarkeit qualifizierter Mitarbeiter über Versorgungs- und Transportsicherheit bis zur Energieversorgung. Das komplette Paket des Chemiedreiecks ist da eine Stärke, wenn man mit den internationalen Standorten konkurriert.

Dr. Langhammer: Wie sich die Energiepreise verändern, wird ein spannendes Thema. Setzt sich ein Trump durch, würde unser Preisniveau weiter unter Wettbewerbsdruck kommen. Werden wir einen weltweiten Zertifikathandel hinbekommen, sodass alle gleichbehandelt werden, sieht die Situation schon gleich ganz anders aus.

Mit der Energiewende liegt der Fokus auf Erneuerbaren Energien. Wie realistisch ist deren Einsatz für die Chemie?

Dr. Langhammer: Wir sind traditionell mit der Wasserkraft entstanden, doch die Chemie ist schneller gewachsen als deren begrenzte Kapazitäten. Heute macht die Energieversorgung durch Wasserkraft weniger als zehn Prozent aus und wir sind längst auf den Strommix der Netze angewiesen. Immerhin wird im Chemiedreieck acht Prozent des bayerischen Stromverbrauchs abgenommen. Entsprechend angewiesen sind wir – wegen der permanenten Versorgungssicherheit – derzeit auch auf konventionelle Kraftwerke.

Die Herausforderung der Energiewende insgesamt zeigt auch das Beispiel E-Auto. Ein Diesel-Fahrzeug ist in drei Minuten betankt und schafft mit dem Treibstoff rund 1000 Kilometer. Um ein Elektroauto in gleicher Zeit mit gleichem Energieinhalt zu „betanken“ bräuchte es eine Anschlussleistung von zehn MW. Das heißt, unsere neue Gasturbine im Chemiepark mit 47 MW Leistung, in die wir rund 15 Millionen Euro investiert haben, würde nur für knapp fünf Autos gleichzeitig reichen.

Der VBCI hat jüngst erklärt, dass er „seit 2012 im Grunde kein Wachstum in der Branche“ sieht. Hinsichtlich der Investitionen der regionalen Unternehmen hat man einen gegenteiligen Eindruck. Wie hat sich die Chemieindustrie vor Ort entwickelt?


Dr. Langhammer: Insgesamt ist die Chemieindustrie im vergangenen Jahr um rund fünf Prozent gewachsen und auch für unsere Standorte gehe ich von dieser Rate aus. Es gibt natürlich Risiken, zum Beispiel, dass Massenprodukte an energiegünstigere Standorte abwandern. Hinzu kommt, dass sich in Europa aufgrund der stagnierenden Bevölkerungszahl und bereits hohem Lebensstandard die Nachfrage nur wenig erhöht. Länder, die Nachholbedarf haben, liegen vor allem in Asien oder Lateinamerika, das sind die stärksten Wachstumsmärkte für die Chemieindustrie. Da wir jedoch extrem exportstark sind, gelingt es uns, das Wachstum quasi zu „importieren“ und so gut dazustehen. Aber die Chemie ist gefordert.

Wie ist die Region im Vergleich zu anderen Chemieclustern aufgestellt?

Dr. Langhammer: Wir sind nicht die Sahnelage, was die Großchemie angeht, da muss man ehrlich sein. Das Rhein-Main-Gebiet mit einer Bayer oder BASF zum Beispiel hat da eine ganz andere Dimension. Aber unsere Firmen sind spezialisiert, konkurrenzfähig und wir haben eine extrem breite Mischung. Eine OMV wird in den nächsten Jahren viel Kreativität an den Tag legen, den Rückgang bei Treibstoffen zu kompensieren und den Wandel mitzugehen. Wacker ist weltweit führend in der Silikontechnologie – eine Produktgruppe, die aus keinem Lebensbereich wegzudenken ist. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und wir haben eindeutige Signale, in den nächsten Wochen wieder Produktionskapazitätssteigerungen im Chemiepark Gendorf verkünden zu können.

Ich würde mir wünschen, dass wir als kleinerer Standort vielleicht ein bisschen innovativer sind als die Großchemie. Da haben wir sicherlich noch Potenzial und ich hoffe, dass wir zum Beispiel auch durch Kooperationen mit dem neuen Standort der TU München in Straubing Innovation weiter fördern können.

Unter anderem der Produktionsverbund der Firmen wird als Standortvorteil genannt. Wie hoch ist das Potenzial für weitere Synergieeffekte?

Dr. Langhammer: Das ist richtig, insbesondere der Ethylen-Verbund macht Unternehmen flexibler. Ergänzt wird dies durch den Gasverbund zwischen Burghausen und Gendorf aufgrund ähnlicher Produktgruppen. Historisch ist der Verbund im Chemiepark vorgegeben, da die heutigen Einzelunternehmen aus einem Konzern hervorgegangen sind – und sich Firmen so zum Teil auch Produktionsanlagen teilen. Da ist die Frage, inwieweit das im Chemiedreieck ausbaufähig ist. Doch insgesamt gibt es Grenzen. Wir werden nicht wirtschaftlich das gesamte Chemiedreieck mit Netzwerken übersähen können. Innerhalb der Standorte versucht man aber ohnehin immer, den Verbund zu optimieren.

Die Frage ist, inwieweit man künftig nach größeren Verbünden sucht. Wir haben alle ähnliche Ersatzteile und Instandhaltung – auch hier könnte eine gemeinsame Kooperation für alle Vorteile bieten. Man würde praktisch das das Prinzip des Chemieparks mit einem Infrastrukturbetreiber weiter ausdehnen. Und die Tendenzen, sich als Unternehmen auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren, sind da. Schon heute übernimmt die InfraServ zum Beispiel die Laboranalytik für die Raffinerie der OMV. Diese Entwicklung wird weiter voranschreiten.

„Seit 30 Jahren im digitalen Zeitalter angekommen“

Häckl: Ein weiteres Beispiel ist die Schienenverladung bei OMV durch die Deutsche Bahn. Auch hier hat man sich Experten geholt. Dr. Langhammer: Hier wird auch die Digitalisierung noch einmal spannend, und welche Geschäftsmodelle sich entwickeln – auch wenn die Chemie nicht an vorderster Front dabei ist.

Digitalisierung ist ein gutes Stichwort, der Begriff „Industrie 4.0“ ist in aller Munde. Welche Bedeutung hat er für die Chemie?


Dr. Langhammer: Wir sind in der Chemie seit 30 Jahren im „digitalen Zeitalter“ angekommen. Unsere Prozessleitsysteme sind längst automatisiert. Aber dass nun zunehmend auch Maschinen untereinander kommunizieren, macht auch vor unserer auf Prozesse und Zwischenprodukte fokussierten Branche nicht halt – auch wenn dies nach außen weniger spektakulär wird als die Beispiele Einzelhandel oder der Reisebranche. Potenzial sehe ich zum Beispiel in den Bereichen Supply-Chain, dem Ersatzteilmanagement und allen administrativen Prozessen. Das gilt aber nicht ausschließlich für die Chemie. Und wie sich die Digitalisierung auf Produkte auswirkt, ist für jede Firma unterschiedlich.

In vielen Branchen wird über fehlende Fachkräfte geklagt. Wie stellt sich die Situation der Chemie dar? Welche Hoffnungen verbindet man mit dem Hochschulstandort Burghausen?

Dr. Langhammer: Unsere Mitgliedsunternehmen sind in der glücklichen Lage, sehr attraktive Arbeitgeber zu sein. Entsprechend haben wir keine Probleme, unsere Lehrstellen zu besetzen – auch wenn die Zahl der Bewerber rückläufig ist. Ein anderer Aspekt der Nachwuchsgewinnung ist die akademische Ausbildung, beispielsweise am Campus Burghausen. Der regionale Hochschulstandort ist ür uns in zweierlei Hinsicht interessant. Unsere Firmen haben die Möglichkeit, die Studierenden als Praktikanten im Unternehmen oder in der Rolle des Dozenten in den Vorlesungen kennenzulernen – und so junge Talente zu finden. Auch für die bestehenden Mitarbeiter bietet ein Campus vor Ort ganz andere Möglichkeiten zur Weiterbildung. Umgekehrt bekommt die Hochschule mehr Praxisbezug, wenn Leute aus der Industrie dort lehren. Dieser Austausch zwischen Theorie und Praxis ist – auch aufgrund des unterschiedlichen Lohnniveaus von Hochschule und Industrie – zunehmend verloren gegangen. Man muss sich jedoch im Klaren sein, dass nicht alle Absolventen in ChemDelta-Unternehmen einen Arbeitsplatz finden werden. So viel Bedarf ist nicht da.

Mit „jungen Leuten“ wird häufig der Begriff „Innovation“ verknüpft. Wo sehen Sie Potenzial in der Chemieindustrie?

Dr. Langhammer: Die chemische Industrie erfindet stetig neue Produkte mit besseren Eigenschaften auf neuen Rohstoffbasen. Auch Rohstoffkreisläufe zu schließen, Stichwort Kreislaufwirtschaft, bietet noch viel Potenzial für Innovation. In der Praxis ist dies immer auch eine Kostenfrage. Hier sind unsere Firmen jedoch vorne mit dabei, so steht bei uns die erste Anlage zum Upcycling von PTFE. Im Kleinen wird es in der Chemie immer Neuerungen geben.

Vor welchen Herausforderungen steht die Branche?

Dr. Langhammer: Große Sorge macht uns die Tatsache, dass übergeordnete Infrastrukturprojekte sich zunehmend in die Länge ziehen und vor Gericht entschieden werden. Das letzte Urteil zur längst in Betrieb genommenen Ethylen-Pipeline wurde zum Beispiel jetzt im Mai gesprochen. Wenn wir große Projekte, an denen massiv Arbeitsplätze hängen, von Gerichtsentscheidungen abhängig machen, haben wir ein Problem, die Innovationskraft auf die Straße zu bekommen.

Und chemische Produkte werden auch in der Welt von morgen kein Schnee von gestern sein. Dazu sind wir in zu vielen modernen Anwendungen vertreten. Es wird keine Elektromobilität geben ohne eine Vielzahl chemischer Prozesse und Produkte – von einer leichten Karosserie über elektrische Speichersysteme bis zur Elektronik stecken überall hochwertige Chemieprodukte drin. Auch der technologische Wandel ist ohne Chemie nicht möglich. Die entscheidende Frage ist: Ist man innovativ und hat Produkte und Fähigkeiten, im Weltmarkt mitzuspielen? Und da ist mir ehrlichgesagt nicht bang. Und ChemDelta wird auch weiterhin als gemeinsames Sprachrohr gebraucht. Interview: Nina Kallmeier

Quelle: OVB online

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