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10. Mai 2017 - Alt-Neuöttinger Anzeiger

Detailarbeit in der Gendorfer Werksgeschichte

Junger Historiker schreibt Doktorarbeit – Neue Quellen werden ausgewertet – Material lagert in 300 Kisten

Burgkirchen.
Wie begeht man ein Unternehmensjubiläum, wenn die Gründung bis ins Jahr 1939 zurückreicht und das Werk Teil eines Aufrüstungsprogramms der Nationalsozialisten war? Vor knapp drei Jahren stand die InfraServ Gendorf (ISG) vor dieser Frage und nahm damals den 75. Jahrestag des Werkes Gendorf zum Anlass, die bis dahin kaum reflektierte Entstehungsgeschichte von Historikern in einer Unternehmenschronik wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen.

Die Unternehmenschronik gibt Einsichten in die Kampfmittelproduktion der Anorgana, die als Tochterfirma der I.G. Farben das Werk betrieb. Sie erklärt, warum es zum Glück bei der Herstellung von Versuchsmengen blieb, schildert den Einsatz von Zwangsarbeitern und Häftlingen aus dem Konzentrationslager Dachau und beschreibt, wieso sich das Werk nach Kriegsende trotz der Demontage zum wichtigen Chemiestandort bis hin zum heutigen innovativen Chemiepark entwickeln konnte.

Der Historiker Tobias Birken, der als Mitarbeiter der Münchner Agentur „Neumann & Kamp Historische Projekte“ an der Unternehmenschronik mitgewirkt hatte, konnte im Zuge seiner Recherchen einen ersten Blick in bis dato noch nicht wissenschaftlich ausgewertetes Quellenmaterial werfen, das im Archiv der ISG lagert. In über 300 Umzugskartons waren Aktenordner mit Rechnungen, Personalunterlagen und Korrespondenzen aus den Anfängen bis in die Sechzigerjahre hinein verpackt. „Dieser Fund ist ein wahrer Schatz für die Wissenschaft“, so Tobias Birken. Er entschloss sich, diese Materialien näher unter die Lupe zu nehmen und „Die Geschichte der Bereitschaftsanlage der Anorgana GmbH in Gendorf“ zum Gegenstand seiner Dissertation zu machen. Unterstützt wird er dabei von der ISG. Seit zwei Jahren steht ihm das Werksarchiv zur Verfügung, wo er einmal im Monat vor Ort die Akten sichtet.

Die Dissertation ist eine sozialgeschichtliche Einordnung des Gendorfer Werks, bei der sich Tobias Birken auf drei Schwerpunkte konzentriert. Zum einen geht es um die Einsatz- und Lebensbedingungen der deutschen sowie der ausländischen Arbeitskräfte in, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum anderen untersucht er den Umfang der Produktion, die Konsequenzen aus den Produktionsproblemen sowie den Umgang mit der Produktionsanlage nach Kriegsende. Dabei geht Birken Fragen nach wie: Welche Entscheidungsprozesse haben zur Gründung der Anorgana GmbH und zum Bau des Gendorfer Werks geführt und welche Position nahm das Werk innerhalb der I.G. Farben und deren Planungen ein?

Ebenfalls von Interesse ist das Werk und seine Bedeutung für die damalige Region: Wie konnte ein solches Werk entstehen, das von den Einwohnern sehr skeptisch beurteilt wurde? Existierte so etwas wie eine Standortpolitik der Anorgana? Wie war das Verhältnis zwischen Einheimischen und dem „preußischen“ Werkspersonal? Auf der Suche nach Antworten ist das Werksarchiv für den Historiker Birken eine zentrale Quelle. „Auch wenn wir mittlerweile sehr viel über die Anfänge wissen, können durch die wissenschaftliche Auswertung unterschiedliche Aspekte genauer beleuchtet werden. Wir können dadurch noch besser verstehen, was genau damals passiert ist“, so der junge Historiker.

Was reizt den Historiker an der Geschichte des Chemieparks GENDORF? Birken: „Die Geschichte der I.G. Farben ist gut aufgearbeitet. Über das Tochterunternehmen Anorgana weiß man dagegen vergleichsweise wenig. Die Materialien, die in den über 300 Kisten lagern, sind eine noch ungenutzte Quelle – für einen Historiker ist das ein reiner Glücksfall.“

Erwartet der Historiker Überraschungen? Birken: „Es werden sicherlich viele interessante Fakten auftauchen, die ein neues Licht auf einzelne Aspekte der Geschichte werfen. So sollte das Werk ursprünglich in Ingolstadt gebaut werden, doch die IG Farben war dagegen. Auch Gendorf als Standort hielt die IG Farben zunächst für ungeeignet. Letztlich setzte sich hier das Militär durch.“

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger

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