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10. März 2017 - Alt-Neuöttinger Anzeiger

Die Höhenretter vom Chemiepark Gendorf

Einer muss es ja machen: Wissen der schwindelfreien Spezialkräfte der Werkfeuerwehr Gendorf ist gefragt


Von Johanna Stummer

Altötting. Langsam, fast träge rollt der Schweißtropfen über den Nasenrücken. Verharrt einen Moment an der Spitze, hängt zitternd über dem Abgrund und fällt schließlich in die Tiefe. Mit dem Handrücken wischt sich Herbert Kürmayer über das Gesicht. Die Anstrengung steht ihm buchstäblich hineingeschrieben. „Und loslassen.“ Meine Füße gleiten vom Balkon herunter, die Hände lösen sich von der Brüstung. Etwa 23 Meter über dem Boden hängen wir nun in der Luft. Gut gesichert mit doppeltem Seil, Helm und massiven Karabinerhaken – über uns das Balkongeländer des Übungsturms der Werkfeuerwehr im Werk Gendorf – unter uns grauer Asphalt.

Herbert Kürmayer ist Höhenretter. Er geht dahin, wo andere ein flaues Gefühl im Magen bekommen und Angst sie lähmt. Er arbeitet in extremen Höhen und dunkelsten Tiefen. Immer in voller Ausrüstung, bepackt mit schwerer Zusatzausrüstung. „Fit muss man schon sein“, sagt der 50-Jährige, der nicht viel Aufsehen um seine Tätigkeit macht, wortkarg, auf die Vorbereitungen fokussiert, verrichtet er seine Arbeit. Wer beispielsweise auf den 188 Meter hohen Werkkamin in Gendorf hinauf will, sollte Kondition haben, sagt er. Im Inneren des weithin sichtbaren Turms wird hinaufgeklettert – überhängend, in einem beengten Tunnelschacht zwischen den Schalungen. „Da darf man weder Höhen- noch Platzangst haben“, ergänzt Michael Russinger, stellvertretender Werksleiter Sachgebiet Höhenrettung. An diesem Vormittag wird aber am deutlich niedrigeren Übungsturm abgeseilt.

Rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ist die Gendorfer Werkfeuerwehr im Einsatz. Immer 13 Mann haben Dienst: eine Einsatzleitung, 12 im operativen Geschäft, darunter zwei mit der Zusatzqualifikation Höhenrettung. Nötig geworden war die Spezifikation aufgrund des hohen Werkkamins. Die Abluft aus den Kraftwerken ist heiß und in der heißen Luft kann kein Hubschrauber fliegen. Sollte es zu einem Ernstfall am Turm kommen, könnte weder per Luft noch mittels Hubsteiger geholfen werden – für Letzteres ist der Kamin zu hoch. Auf Hinweis der Berufsgenossenschaft hin wurde schließlich diese Sonderabteilung gegründet. Auch vorher habe es Höhenrettung gegeben, seit Mitte der 90er-Jahre wurde sie aber professionalisiert. „Die ganze Thematik kommt eigentlich aus der ehemaligen DDR“, erklärt Martin Siebert, Leiter der Werksicherheit. Dort war das Spezialwissen vorhanden und die Gendorfer nutzten die Chance.

Der Druck meiner Gurte schnürt die Beine ein wenig ein. Kürmayer schwebt über mir, direkt unter ihm, zwischen seinen Beinen, sitze ich und werde probehalber gerettet – im sogenannten Hängesitz. „Alles in Ordnung? Wollen wir schnell oder langsam runter?“, ruft er mir feixend zu. Das Tempo ist mir gerade relativ gleichgültig. Die Seile engen meinen Bewegungsradius ein, irgendein Haken drückt, der Helm rutscht und der ungewohnt enge Körperkontakt zu einem fast Fremden ist irritierend. Die Aussicht über das Werksgelände ist dafür umso beeindruckender. Gemächlich schweben wir hinunter. Direkt bequem ist meine Rettung nicht. Im Ernstfall werden aber auch andere Prioritäten gesetzt.

Wer heute Höhenretter werden möchte, muss die Ausbildung zum Werkfeuerwehrmann oder eine anderweitige Lehre plus IHK-Zusatzausbildung Brandschutzkraft vorweisen können, dann wird er von einem Arzt auf die Höhentauglichkeit getestet, hinzu muss er 540 Stunden Rettungssanitäterausbildung beziehungsweise drei Jahre als Notfallsanitäter vorweisen können; weiter geht es dann mit 80 Stunden Grundlehrgang in Sachen Höhenrettung am Standort in Gendorf und die jährlichen Fortbildungsstunden von mindesten 72 Stunden – und dann gilt es noch ganz praktisch zu bestehen. Denn in 188 Meter Höhe sieht nicht nur die Welt ganz anders aus – und manch einer überlegt es sich dann doch noch anders.

„Ich habe durchaus auch manchmal ein mulmiges Gefühl im Bauch“, gibt Michael Russinger unumwunden zu. Aber es ist keine lähmende Angst, sondern eher eine Vorsicht, die ihn bedachtsam handeln lässt. Und man gewöhnt sich an die Höhe, ist er überzeugt. Der Blick hinunter sei immer wieder atemberaubend, aber eben in einem positivem Sinne. Wirkliche Rettungseinsätze in der Höhe „sind Gott sei Dank selten“, sagt Russinger. Zumal jeder Einsatz ein menschliches Unglück bedeutet, im Alltag unterstützen sie die Werkfeuerwehr bei ihren Einsätzen. Sollte ihr Spezialwissen gefragt sein, ist ihr Einsatzort auch außerhalb des Werkes.

So wurden sie beispielsweise vor zwei Jahren zu einem Brunnenunglück im Rottal hinzugerufen. Ein Mann war in einen tiefen Brunnenschacht gestürzt, mindestens 20 Meter tief. Und ihrem Namen zum Trotz sind die Höhenretter auch in der Tiefe gefragt. Sobald es um Abseilarbeiten und besondere Sicherungsmaßnahmen geht, sind die Gendorfer im Einsatz. Ganz Südostbayern kann da ihr Einsatzgebiet sein. Bei jenem Brunnenschacht musste der Mann aus dem tiefsten Schwarz heraus gerettet werden. Das Licht war weit oben nur noch als kleiner kreisrunden Fleck zu sehen.

Eine Grenzerfahrung auch für Retter. Unzählige Übungsstunden, Wartungsarbeiten und mehr lassen das Risiko aber kalkulierbar werden. „Und ich mag meinen Job“, sagt Michael Russinger. Kein Tag ist wie der andere. „Ich weiß ja noch nicht mal was in drei Minuten los ist“.

„Und abstoßen.“ Mit Schwung geht es an den Brückengeländern im zweiten und ersten Stock vorbei. Der erste Schritt über die Brüstung war am schwierigsten, der Rest geht fliegend vorüber. Meine Füße berühren schließlich den Boden, der Blick wandert hinüber zum Werkkamin. Neun Mal so hoch ist der, auch von dort seilt sich Höhenretter Kürmayer ab. Einer muss es ja machen. In diesem Fall bin ich froh, dass ich es nicht bin.

Quelle: Alt-Neuöttinger/Burghauser Anzeiger

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