ChemDelta Bavaria - Titelbild

9. Dezember 2017 - Passauer Neu Presse

AlzChem stärkt Trostberg – Rätsel um Aktien-Aktion

Zweites Millionenprojekt innerhalb weniger Wochen angekündigt – Plötzlicher Rückzieher nach angekündigtem Aktiendeal

Trostberg.
Die AlzChem Group AG hat angekündigt, rund 7,2 Mio Euro in den Ausbau ihrer Nitrilanlagen am Standort Trostberg zu investieren. Diesen Beschluss haben Vorstand und Aufsichtsrat der Gesellschaft laut Unternehmensnachricht gemeinsam gefasst. Der Spatenstich soll im Frühjahr 2018 erfolgen. Durch den Ausbau, der im zweiten Quartal 2019 abgeschlossen sein soll, erweitert sich das Produktspektrum um hochkorrosive Dichlor-Nitrile. Mit dem Ausbau des Standortes Trostberg soll auch ein Aufbau bei den Arbeitsplätzen einhergehen.

Gleichzeitig hatte das Unternehmen am Donnerstagabend bekannt gegeben, dass die bisherigen Großaktionäre, die „LIVIA Corporate Development SE“, die „HDI Vier CE GmbH“ und die „Edelweiß Holding GmbH“, beabsichtigen, bis zu 18 Millionen Aktien, das entspricht bis zu rund 17,7 Prozent des Grundkapitals der AlzChem Group AG, bei institutionellen Investoren im Rahmen eines „Accelerated Book-buildings“ * zu platzieren.

Gestern nachmittag jedoch meldete das Unternehmen ohne weitere Erklärung, dass dieses Vorhaben, nachdem es bereits in den einschlägigen Finanzmedien im Internet publiziert war, doch nicht umgesetzt werde. Also keine Aktienplatzierung!

Das ursprüngliche Vorhaben war begründet worden mit der Aussage: „Die Großaktionäre unterstützen mit dieser Maßnahme die Strategie des Vorstands der AlzChem Group AG“, so das Unternehmen in einer Finanznachricht, die Kapitalmarktpräsenz der Gesellschaft zu verbessern und den Streubesitzanteil sowie die Liquidität der Aktie deutlich zu erhöhen. Der Aktienanteil im Streubesitz liegt seit der Börsennotierung vor wenigen Wochen im unteren einstelligen Bereich – bei 1,19 Prozent. Insgesamt sind 101 763 355 Aktien ausgegeben.

Der Kurs notierte gestern bei Redaktionsschluss bei 3,30 Euro. Als Branche der AlzChem nennen die Börsen-Tools bei „Spiegel“ und „Manager Magazin übrigens nicht Chemie sondern „Software“.

Im Ausbau der Nitrilanlagen – diese Ankündigung vom Donnerstagabend wurde gestern Nachmittag nicht widerrufen – setzt AlzChem auf die Gasphasenfertigungstechnologie und hat auf dieser Basis das Nitrilgeschäft in den letzten Jahren ausgebaut.

Unter  dem  Markennamen NITRALZ® vertreibt AlzChem seine Nitrile weltweit. Bei Gasphasenreaktionen reagieren die Reaktionspartner im gasförmigen Zustand in sehr kurzer Zeit. Dadurch, so die Experten, entstehen wenig Verunreinigungen und geringere Mengen an Abfällen.

Die von AlzChem produzierten Nitrile finden in Pflanzenschutzmitteln und als Zwischenprodukte bei der Herstellung von Pharmazeutika Verwendung. Genauso können sie für Hochleistungspigmente im Automobilbau, als Lösungsmittel sowie generell bei diversen industriellen Anwendungen genutzt werden.

Ulli Seibel, Vorstandsvorsitzender der AlzChem Group AG, kommentiert die geplante Investition: „Unsere NITRALZ®-Produkte sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Wir freuen uns, dass wir für viele neue Produkte bereits langjährige Lieferverträge abschließen konnten, die uns diese Investition ermöglichen. Hier zeigt sich, dass hohe Qualität und Liefersicherheit von unseren Kunden wertgeschätzt wird, gerade in der gegenwärtigen Unsicherheit bei unseren Kunden aufgrund höherer Umweltstandards und der damit verbundenen Kapazitätsengpässe in China.“

Erst im Oktober hatte AlzChem bekannt gegeben, am Standort Trostberg in das weitere Unternehmenswachstum mit Bau einer neuen Creamino-Produktionsanlage, mit rund 50 Mio Euro die bis dato höchste Investitionssumme der Firmengeschichte, zu investieren. Der Spatenstich ist für kommendes Frühjahr geplant, die Inbetriebnahme für 2019.

Zwei Investitionen mit einem Volumen von zusammen rund 28 Mio Euro sind im Frühjahr 2015 bei AlzChem offiziell in Betrieb genommen worden – das neue Logistikzentrum und die Erweiterung der GMP-Anlage zur Produktion des Futtermittelzusatzes Creamino.

Die AlzChem Group AG ist ein vertikal integrierter Hersteller von diversen Chemieprodukten, die auf der NCN-Kette basieren. Dabei handelt es sich um Produkte mit typischer Stickstoff-Kohlenstoff-Stickstoff-Bindung, die in einer Vielzahl von Branchen Anwendung finden. Der strategische Wachstumsfokus und der Schwerpunkt der umfangreichen Forschung und Entwicklung liegen auf dem Geschäftssegment Spezialchemie. Das Unternehmen hat rund 1500 Mitarbeiter an vier Standorten in Deutschland, vor allem im Alztal und in Waldkraiburg und drei weiteren im Ausland.

* Das Bookbuilding-Verfahren (deutsch auch Orderbuch-Verfahren) beschreibt ein Verfahren der Platzierung von Wertpapieren, bei dem interessierte Investoren innerhalb einer bestimmten Zeichnungsfrist auf den Kauf dieser in einer vorgegebenen Preisspanne bieten können und am Ende der Frist entschieden wird, welche Bieter die zu emittierenden Wertpapiere zu welchem Preis erhalten. Beim beschleunigten bzw. entkoppelten Verfahren, engl. Accelerated Bookbuilding steht die Werbetour hingegen an erster Stelle mit dem Ziel, die Preisvorstellungen potentieller Investoren genauer zu bewerten. Nach dieser wird eine meist engere Preisspanne möglichen Investoren vorgegeben, während die Angebotszeit ebenfalls auf eine geringere Zeit beschränkt ist, zum Beispiel wenige Tage. Dieses führt nach dem Wertpapierhandelsgesetz zu einer nachträglichen billigungspflichtigen Änderung im Verkaufsprospekt, die veröffentlicht werden muss.ede

Anmerkung der Redaktion: Medien lieben rätselhafte Aktionen und 180-Grad-Wendungen innerhalb kürzester Zeit: Immer wieder was Neues! Bei Investoren, so die Erfahrung, sind derartige Volten allerdings, je nach Humor, umstritten.

Quelle: Passauer Neue Presse

Originaldarstellung des Artikels


zur Übersicht