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5. August 2017 - Passauer Neu Presse

Silicone für das Leben heute und morgen

Hochleistungswerkstoffe auf der Basis von Quarzsand und Sauerstoff

München.
Silicium ist als Werkstoff der Zukunft umfassend präsent – in den Chips der Computer, in der modernen Mobilkommunikation oder in der Photovoltaik auf den Dächern. Und diese Einsatzbreite führt das Metall auch in die Schlagzeilen, wenn es um Alltag, Technik und Zukunft geht. Aber was ist mit den Siliciumverbindungen, den Siliconen? Was bei der Wacker Chemie in Burghausen vor 70 Jahren begann, steht im Unternehmen heute für eine Vielfalt an über 3000 unterschiedlichen Produkten, für rund 4700 Arbeitsplätze und über zwei Milliarden Euro Umsatz. Wie es weiter geht, dazu nehmen Vorstandsmitglied Auguste Willems und Geschäftsbereichsleiter Dr. Robert Gnann für Heimatwirtschaft Stellung.

Die Silicone als Verbindung aus Silicium und Sauerstoffatomen haben seit den ersten Industrieversuchen in Burghausen vor 70 Jahren weltweit ihren Siegeszug angetreten. Hatte der Pionier Dr. Nitzsche seinerzeit eine Vorstellung von der aktuellen Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten?

Auguste Willems: Ob er bereits in den Mangeljahren nach dem Krieg eine Vorstellung von der modernen Welt und ihren Anforderungen an Hochleistungswerkstoffe hatte, ist jetzt schwer zu sagen. Aber zweifellos war Dr. Nitzsche ein Chemiker mit Vision, der vor vielen anderen die Möglichkeiten der Silicium-Verbindungen erkannt hatte. Und man kann festhalten, dass seine Pionierleistung Wege für die Lösung vieler Herausforderungen der modernen Welt geöffnet hat.

Und gibt es heute eine Vision für die Zukunft dieser Werkstoffe?

Auguste Willems: Hier kann man mit gutem Gewissen sagen, wir stecken bereits mitten drin in der Zukunft. Nehmen Sie nur mal die Elektromobilität. Je leistungsstärker die Batterien werden, desto höher sind die Ansprüche an Temperaturbeständigkeit und Isolierfähigkeit bei gleichzeitiger Minimierung des Gewichts. Oder in der Schwingungsdämpfung. Hier bieten Silicone von anderen Werkstoffen nicht erreichte Vorteile. Oder in der Elektronik. Hier werden klassische Epoxidharze zunehmend von Silicon-Gelen ersetzt. Mehr Leistung, höhere Belastbarkeit, geringeres Gewicht werden möglich.

Was zeichnet denn die Siliciumverbindungen aus Sicht der chemischen Industrie, oder auch aus der persönlichen Sicht eines Chemikers aus?

Dr. Robert Gnann: Es ist die Vielfalt der Herausforderungen und der Möglichkeiten. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt bietet sich eine Fülle an Anwendungsmöglichkeiten mit interessanten Märkten. Und das Faszinierende aus Sicht eines Chemikers ist zweifellos, dass sich noch ein weites Feld an Forschungsmöglichkeiten und Ergebnissen abzeichnet, wie es sie nicht in allen industriellen Sparten der chemischen Industrie gibt.

Zum Beispiel in der Medizintechnik?

Dr. Robert Gnann: Hier sind wir in den Anwendungen bereits sehr weit fortgeschritten. In Burghausen werden zum Beispiel Silicone für Wundauflagen entwickelt und gefertigt, die Heilungsprozesse fördern, oder die auch Medikamente an den Körper abgeben können. Ähnliches gilt für HighTech-Textilien, in denen Silicon-folien zum Einsatz kommen, die als Sensoren wirken, die Belastungen messen und damit Daten liefern, um Bewegungsabläufe zu optimieren und körperschonend zu gestalten.

Produziert denn Wacker auch Silicone für die Schönheits-oder – naja – plastische Chirurgie?Die berühmten Siliconbusen?

Dr. Robert Gnann: Nein. Wir entwickeln und fertigen kein Silicon, das dauerhaft im menschlichen Körper bleiben soll, sondern im medizinischen Bereich nur für therapeutische Anwendungen.

Auguste Willems: Das ist ein Prinzip im Konzern.

Wie wird denn die Forschungsarbeit geleistet? Hat sich aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit mit der TU München bewährt?

Auguste Willems: Der Stiftungslehrstuhl, den Wacker vor gut zehn Jahren an der TU München eingerichtet hat, ist auf alle Fälle ein Erfolgsmodell. Weit über 40 Forschungsprojekte wurden inzwischen abgearbeitet, rund ebenso viele wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht und zehn Patente erteilt. Außerdem wurden seit Einrichtung des Lehrstuhls 55 Stipendiaten gefördert.

Profitiert denn auch der Standort Burghausen von der Forschung und Innovation?


Auguste Willems: Burghausen profitiert auf alle Fälle. Dort steht das größte Forschungslabor des Konzerns für Silicone und dort laufen auch viele Investitionen in den Ausbau und in die Leistungssteigerung der Anlagen. Burghausen ist außerdem der weltweit größte Standort für Silicone im ganzen Konzern.

Sie wollen dort Produkte verfeinern, die Wertschöpfungstiefe erhöhen. Bedeutet das nicht, dass Sie Ihren Kunden Konkurrenz machen?

Dr. Robert Gnann: Nein. Das wäre eine falsche Sicht der Dinge. Wir verfeinern die Produkte, nutzen noch viel mehr Möglichkeiten in der Produktion und vor allem in der gezielten Entwicklung für ganz spezielle Anwendungen in enger Absprache mit unseren Kunden. Das ist kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander.

Seit rund einem Jahr gibt es unter dem Dach der Wacker Chemie in Burghausen mit der ACEO ein eigenständiges Unternehmen, das sich dem 3D-Druck von komplexen Werkstücken aus Silicon-Kunststoffen widmet. Ist dieses „Startup“ ein Muster für weitere Gründungen?

Auguste Willems: Das ist nicht auszuschließen. Und es trifft auch zu, dass ACEO wie ein Startup arbeitet, allerdings mit einem wesentlichen Vorteil: Das junge Unternehmen hat einen starken Konzern als Rückhalt.

Die neuen Entwicklungen in der Chemie, also der Werkstoffe, bedingen auch neue Entwicklungen in der Technologie der Anlagen, der Werkzeuge und in der Verfahrenstechnik. Gibt es hier Kooperationen mit regionalen Unternehmen?


Auguste Willems: Ja, die gibt es. Wir arbeiten hier zum Teil mit seit langem gewachsenen Unternehmen zusammen, aber auch mit jungen und das vor allem in der Region um Burghausen. Aber bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns hier mit Namen zurückhalten.

Und wie schaut es mit einer möglichen Kooperation mit dem jungen Campus Burghausen aus? In einer geplanten Erweiterung des Studienangebots gibt es auch die Idee eines anwenderorientierten Studiengangs mit dem Arbeitstitel „Materialwissenschaft“. Bieten sich da nicht auch Kooperationsmöglichkeiten an?

Auguste Willems: Für konkrete Aussagen ist es da noch zu früh. Aber wir sind im Beirat der jungen Hochschule und haben dadurch engen Kontakt. Das wird sich zeigen, ob und inwieweit sich hier Anknüpfpunkte finden.

Das Interview für Heimatwirtschaft führte Ernst Deubelli. Ausführliche Informationen zur Bandbreite der Silicone bei Wacker finden sich im aktuellen Geschäftsbericht, abrufbar im Internet: www.wacker.com


Was ist was?

Silicone oder chemisch genauer Poly(organo)siloxane, ist eine Bezeichnung für eine Gruppe synthetischer Polymere, bei denen Siliciumatome über Sauerstoffatome verknüpft sind. Ein Polymer (von griechisch polý ‚viel‘ und méros ‚Teil‘) ist ein chemischer Stoff, der aus Makromolekülen besteht. Die Bezeichnung „Silicone“ wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem englischen Chemiker Frederic Stanley Kipping (1863–1949) eingeführt. Silicon (engl.: silicone) darf nicht mit Silicium (engl.: silicon) verwechselt werden. Kristallines Silicium ist ein Ausgangsstoff für die Herstellung von Halbleitern.

Silane stehen für eine Stoffgruppe chemischer Verbindungen, die aus einem Silicium-Grundgerüst und Wasserstoff bestehen.

Silicium ist ein chemisches Element mit dem Symbol Si. In der Erdhülle ist es, auf den Massenanteil bezogen, nach Sauerstoff das zweithäufigste Element. Die Erdkruste besteht zu etwa 25,8 Gewichtsprozent aus Silicium. Hier tritt Silicium im Wesentlichen in Form silicatischer Minerale oder als reines Siliciumdioxid auf. So besteht Sand vorwiegend aus Siliciumdioxid. Quarz ist reines Siliciumdioxid.

Silicium ist ein klassisches Halbmetall, weist daher sowohl Eigenschaften von Metallen als auch von Nichtmetallen auf und ist ein Elementhalbleiter. Reines, elementares Silicium besitzt eine grau-schwarze Farbe und weist einen typisch metallischen, oftmals bronzenen bis bläulichen Glanz auf.

Quelle: Passauer Neue Presse

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