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5. August 2017 - Passauer Neu Presse

Erst mal Skepsis an der Wiege zum Welterfolg

70 Jahre Silicium und Silicon-Chemie bei Wacker

Burghausen.
„Brauch ma ned.“ Der Einstieg war nicht untypisch für das Klischee des bayerischen Gemüts und hätte beinahe die Erfolgsgeschichte der Silicon-Chemie in Burghausen verhindert, bevor sie überhaupt begann.

Und heute? Die Wacker Chemie erzielt weltweit einen Umsatz von über zwei Milliarden Euro in der Sparte, ist bei einem Marktanteil von rund 17 Prozent die Nummer 2 nach dem US-amerikanischen Unternehmen Dow Corning (35 Prozent) und darüberhinaus in vielen Anwendungsfeldern, zum Beispiel im Bautenschutz, die „Nummer 1“.

Neue Wachstumsmärkte zeichnen sich außerdem in der Elektromobilität und bei leistungsstarken Motoren durch hohe Temperaturbeständigkeit der Siliconelastomere und ihrer Isoliereigenschaften, in HighTech-Textilien und in der Medizintechnik ab.

Was ist passiert? In den ersten Wochen des Jahres 1947 hatte sich der Chemiker Dr. Siegfried Nitzsche (1915 – 1974) aus Jena bei der Wacker Chemie beworben und „ein Treffen von beiderseitigem Interesse“ vorgeschlagen. Dr. Nitzsche war seinerzeit einer der führenden Experten in der jungen und in Europa noch wenig bekannten Sparte der Silicon-Chemie und warb für den Einsatz von Siliconen, um die Leistungsfähigkeit und Qualität von Kunststoffen zu verbessern. Der unbekannte Fachmann erhielt erst mal eine Absage aus Bayern.

Aber die sollte schnell widerrufen werden. Im Jahr 1947 herrschten in Deutschland noch Notstand und Mangelwirtschaft, Improvisation im Alltag und alliierte Kontrolle in der gesamten Wirtschaft. Die Rohstoffbasis der Wacker Chemie in Burghausen bildeten damals Kalk, Kohle und elektrische Energie. Das „Wirtschaftswunder“ der 50er Jahre war noch nicht mal Theorie.

Vor diesem Hintergrund reisten im April des zweiten Nachkriegsjahres Produktionsleiter Eduard Kalb und Chefchemiker Dr. Wolfgang Gruber aus Burghausen nach Heidelberg, um an der ersten Konferenz der Gesellschaft Deutscher Chemiker nach dem Krieg teilzunehmen. Einer der Referenten war Dr. Nitzsche, der seine Forschungsansätze und Ergebnisse vorstellte.

Die Vorteile in der Hitze- und Wasserbeständigkeit begeisterten die Kongress-Teilnehmer und vor allem die beiden Abgesandten aus Burghausen. Sie verpflichteten den jungen Forscher auf der Stelle. In der ersten Augustwoche des Jahres 1947 begann Dr. Siegfried Nitzsche seine Arbeit in Burghausen in einem bescheidenen „Labor S“ und mit einem Auszubildenden als Hilfskraft.

Der junge Wissenschaftler und Industriechemiker baute auf die Entdeckung des britischen Chemikers Frederick S. Kipping, der erstmals 1898 die ersten synthetischen Silicone hergestellt hatte, und auf den von einander unabhängigen Entdeckungen des Amerikaners Eugene Rochow und des Deutschen Richard Müller auf. Diese beiden Chemiker hatten einen neuen Prozess entwickelt, um damit in großem Stil Silane, als wichtige Vorstufe für Silicone, herzustellen. Das Verfahren ist als Müller-Rochow-Synthese bekannt und kommt in Burghausen seit 1947, wenn auch in kontinuierlich verfeinerter Form und in einem ausgereiften Produktionsverbund, zum Einsatz.

Die ersten Entwicklungen in Burghausen konzentrierten sich auf Silicon-Flüssigkeiten und Harze. Erste Anwendungen erfolgten bei Schellack und PVC; Schellack wurde weniger empfindlich gegen Wasser, PVC blieb nicht mehr an Walzen und Sprühdüsen kleben.

Im Jahr 1949 lieferte Wacker erste Mengen an die Reifen-Industrie. Ein Jahr später erlaubte die US-Militär-Verwaltung, die immer noch die Oberaufsicht über die Wirtschaft in den drei Westzonen der Bundesrepublik hatte, offiziell die Produktion von Siliconen in Burghausen. Ein erster Anwendungsbereich war damals die Imprägnierung von Fiberglas-Geweben. Auf der Hannover Messe von 1953 warb erstmals ein auf Bautenschutz spezialisiertes Unternehmen mit Silicon-Produkten von Wacker.

Wie bereits 1947 Produktionsleiter Eduard Kalb und Chefchemiker Dr. Wolfgang Gruber erkannte auch der langjährige technische Geschäftsführer der „Dr. Alexander Wacker Gesellschaft für elektrochemische Industrie“, Dr. Johannes Hess, der von 1917 bis 1945 in Verantwortung stand, das Potenzial. Bei einem Besuch am Standort, als man ihm eine frühe Anlage mit der monatlichen Kapazität von einer Tonne zeigte, ist ein kurzer Kommentar überliefert: „Macht zwei- oder dreihundert Tonnen, so schnell Ihr könnt.“

Von nun an ging es rasch bergauf. Wurden 1953 noch 53 Tonnen an unterschiedlichen Siliconen hergestellt, so waren es zehn Jahre später bereits 2800 Tonnen. Heute hat sich das Volumen enorm gesteigert und umfasst mittlerweile über 3000 unterschiedliche Produkte. Und weiteres Wachstum ist programmiert:

Knapp ein Drittel der Wacker-Belegschaft, rund 4700 Mitarbeiter, gehören zum größten Geschäftsbereich des Unternehmens. Die meisten von ihnen arbeiten in den Bereichen Forschung, Anwendungstechnik und Produktion. Fast 60 Prozent sind im Inland tätig und hier wiederum der größte Teil am Standort Burghausen, ein kleinerer Teil am Standort Nünchritz in Sachsen.

Als Rohstoffe in der Produktion von Siliconen kommen vor allem Siliciummetall, Methanol und elektrische Energie zum Einsatz. Etwa ein Vierte seines Siliciumbedarfs bezieht Wacker aus dem konzerneigenen Standort Holla in Norwegen. Der Rest wird zugekauft.

Die Bandbreite der modernen Einsatzgebiete für Silane und Silicone erstreckt sich von Emulsionen über Flüssigkeiten und Elastomeren, also formfesten, aber elastisch verformbaren Kunststoffen hin zu Dichtungsmitteln und Harzen. Allein jedes Auto enthält heute mehrere Kilogramm an Silicon-Elastomeren, ob in Dichtungen, in Isoliermaterial oder in Schwingungsdämpfern. Silicon-Flüssigkeiten und Emulsionen finden sich in Kosmetik und Schampoos, aber auch im Fugenkitt im Baubereich, vor allem in feuchter Umgebung, im Bautenschutz und in Isolatoren in der Elektrotechnik, oder als Funktionszusatz in Textilien, um zum Beispiel die Wasserempfindlichkeit zu minimieren.

Quelle: Passauer Neue Presse

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